Neue Runde im Förderprogramm „Advanced Fellowships“Geschichtsforschung mit Tagebüchern: Zu Pferd an die Front
8. Januar 2026, von Christina Krätzig

Foto: W. Breckman
Zwanzig Tagebücher aus dem Ersten Weltkrieg bilden die Grundlage eines Forschungsprojekts des Historikers Prof. Dr. Warren Breckman von der University of Pennsylvania. Das Förderprogramm „Advanced Fellowships“ der Exzellenzuniversität Hamburg bietet jährlich rund 15 Forschenden, Künstlerinnen und Künstlern die Gelegenheit, sich mehrere Monate einem Projekt zu widmen, für das im normalen Arbeitsalltag keine Zeit bleibt.

Herr Breckman, Sie forschen schwerpunktmäßig zur europäischen Ideengeschichte, haben über Hegel oder Machiavelli geschrieben. Wie kommt es, dass Sie nun intensiv in die Geschichte des Ersten Weltkriegs eintauchen wollen?
Mein Großvater hat als kanadischer Soldat in diesem Krieg gekämpft. Im Gegensatz zu vielen anderen Veteranen hat er viel über diese Zeit gesprochen - wahrscheinlich bin ich sogar wegen seiner Geschichten Historiker geworden. Während seiner Zeit in Europa hat er zwanzig Tagebücher mit Gedichten, Zeichnungen und persönlichen Reflexionen gefüllt. Diese Aufzeichnungen liegen heute in den Archiven von Winnipeg, der Hauptstadt der kanadischen Provinz Manitoba und gelten als einmalige Dokumente aus dem Ersten Weltkrieg.
Was macht sie so besonders?
Zum einen, dass sie lückenlos und vollständig erhalten sind. George Hambleys Tagebücher beginnen im Frühjahr 1915, mit seiner freiwilligen Meldung zur Armee, und schließen Ende 1919 mit seiner Rückkehr nach Kanada. Neben dem Kriegsverlauf schildern sie die persönliche Entwicklung eines relativ ungebildeten, 19jährigen Farmersjungen, der die Zeit in Übersee trotz aller Gräuel, die er erleben musste, auch genutzt hat, um zu lesen und sich zu bilden.
Was für einen Menschen zeigen die Tagebücher?
Einen jungen Mann, der tief gläubig war und seinem Glauben treu blieb. Anders als viele bekanntere Stimmen jener Zeit ist George nicht zynisch geworden und konnte seine Menschlichkeit bewahren. Selbst sein Blick auf die gegnerischen Soldaten war von Anteilnahme geprägt – er betrachtete sie als Brüder. Nach Kriegsende war er mehrere Monate bei einer deutschen Familie untergebracht und verliebte sich in die Tochter des Hauses. In dieser Zeit führte er viele tiefgehende Gespräche mit den besiegten Deutschen, die er detailliert festgehalten hat.
In welcher Form wollen Sie nun über Ihren Großvater schreiben?
Nach Georges Tod im Jahr 1983 glaubte ich zunächst, seine Geschichte fiktionalisieren zu müssen, um sie erzählen zu können. Doch glücklicherweise haben sich die Methoden der Geschichtsforschung seitdem verändert. Inzwischen schätzen Historikerinnen und Historiker die erhellende Kraft von Biografien ganz normaler Männer und Frauen. Denn diese können dazu beitragen, die Mentalität der Menschen zu erfassen, die in einer anderen Zeit lebten, arbeiteten oder kämpften. Ich glaube, dass eine eingehende Studie so persönlicher Dokumente wie Georges Tagebücher helfen kann, die Kluft zu überbrücken, die uns von ihnen trennt.
Was hat Sie selbst beim Lesen der Tagebücher besonders berührt?
Da gibt es viele Aspekte, darunter die starken Kontraste zwischen den höllischen Tagen an der Front und den stillen Momenten mit den Pferden. Abseits des Kriegsgeschehens versorgte George die Tiere, ritt sie, kommunizierte mit ihnen und versuchte, eins mit ihnen zu werden. Er empfand es als starken Anachronismus, zu Pferd in einem modernen Krieg zu kämpfen; gleichzeitig lagen die Tiere ihm, dem Farmersjungen, am Herzen. In seinen Aufzeichnungen notierte er nicht nur die Namen aller gefallenen Kameraden, sondern auch die ihrer im Kampf getöteten Pferde. In vielen Einzelheiten erzählt er die Geschichte seines geliebten Nix, der wie er selbst für den Krieg aus Kanada nach Europa gekommen war. Er schildert dessen erstaunlich komplexen emotionalen Zustand nach dem Tod seines ursprünglichen Besitzers, die Fähigkeiten des Pferdes und dessen Tod in der Schlacht von Cambrai im Oktober 1918 - der letzten Kavallerieschlacht in der Geschichte Westeuropas.
George Hambley auf seinem Pferd Nix. Bildrechte: W. Breckman
Was ist nach dem Krieg aus Ihrem Großvater geworden?
Er studierte zunächst Kunst, später dann Theologie, und schrieb während seines Berufslebens als Methodistenpfarrer mehrere Bücher über die Geschichte der kanadischen Prärie. Zehn Jahre nach Kriegsende hat er geheiratet und wurde Vater von drei Kindern.
Heute erinnert eine Gedenktafel in kleinen nordfranzösischen Iwuy am Rande von Cambrai an ihn und sein Pferd Nix. Zwar war er nur einer von Tausenden Kämpfern des britischen Empires, die an der Schlacht beteiligt waren, doch seine Aufzeichnungen sind für das Verständnis der Schlacht von außergewöhnlichem Wert.
An der Enthüllung der Gedenktafel habe ich gemeinsam mit mehreren anderen Familienmitgliedern teilgenommen. Es war ein sehr emotionaler Moment, der gezeigt hat, wie uns die Kraft der Erinnerung nicht nur mit der Vergangenheit verbindet, sondern auch miteinander in der Gegenwart.
Das Förderprogramm „Advanced Fellowships“ der Exzellenzuniversität Hamburg wird aus Mitteln des Bundes und der Länder finanziert.

