Willkommen an Bord„KI kann Zukünfte simulieren, aber entwerfen müssen wir sie selbst“Prof. Dr. Hilke Marit Berger verstärkt die Geisteswissenschaften
1. April 2026, von Berger/Red.

Foto: Milo Berger
Jedes Jahr kommen zahlreiche neue Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an die Universität Hamburg. In dieser Reihe stellen wir sie und ihre Forschungsgebiete vor. Dieses Mal: Kulturwissenschaftlerin Hilke Marit Berger.
Prof. Dr. Hilke Marit Berger ist zum Sommersemester 2026 von der HafenCity Universität Hamburg an die Universität Hamburg gewechselt und hat an der Fakultät für Geisteswissenschaften eine Professur für „Digital Cultures and Imaginative Intelligence“ angetreten.
Mein Forschungsgebiet in drei Sätzen:
Mich interessiert, wie digitale Technologien, insbesondere Künstliche Intelligenz, unsere Vorstellungen möglicher Zukünfte prägen und was dabei verloren geht, wenn wir das allein als technische Frage behandeln, statt als kulturelle Gestaltungsaufgabe. Ich untersuche, wie digitale Vorstellungen von Zukünften entstehen, wer sie gestaltet und welche Perspektiven dabei systematisch fehlen: lokales Wissen, kulturelle Erfahrung, vielfältige Stimmen. In meinem zentralen Forschungsprojekt „Currents of Imagination. Co-Creating Urban Water Futures Through AI, Art and Transdisciplinary Collaboration“, gefördert im Change! Fellowship der Volkswagen Stiftung und in enger Zusammenarbeit mit dem Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe, untersuchen wir am Beispiel urbaner Wasserzukünfte ganz konkret, wie sich diese Perspektiven mit digitalen Werkzeugen verbinden lassen und was sich verändert, wenn KI nicht als Prognose-Instrument, sondern als ko-kreativer Akteur gesehen wird.
Und so erkläre ich meiner Familie, worum es da geht:
Wenn eine Stadt entscheiden muss, wie sie sich auf den Klimawandel vorbereitet, gibt es KI-Modelle, die berechnen, was wahrscheinlich passiert: wann Wasser steigt, wo Hitze unerträglich wird, was es kostet. Dass es sie gibt, ist toll und kann extrem hilfreich sein. Aber diese Modelle erfassen nicht, was Menschen an Orten hält. Was Gemeinschaften über Generationen gelernt haben. Welche anderen Zukünfte denkbar wären, wenn man andere Fragen stellt, oder andere Menschen fragt. In meiner Forschung testen wir, wie genau dieses kulturelle Gemeinschaftswissen in digitalen Entscheidungsprozessen eine zentrale Rolle spielen kann. Damit Zukunftsplanung nicht nur effizient ist, sondern auch der Vielfalt gerecht wird, die eine Stadt tatsächlich ausmacht.
Darum freue ich mich auf das Institut für Liberal Arts & Sciences an der Universität Hamburg:
Das ILAS ist in einer spannenden Aufbauphase und steht für genau das, was meine Forschung und Lehre braucht: interdisziplinäres, neugieriges Denken jenseits von Fächergrenzen. Wer verstehen will, wie KI unsere Kultur verändert, braucht gleichzeitig u.a. Philosophie, Medienwissenschaften, Governance Erfahrung, Umweltwissen und künstlerische Praxis. Die Breite der Kooperationen, die der Studiengang bereits jetzt pflegt, von Literaturwissenschaften über Informatik bis zu den Naturwissenschaften, zeigt, wie ernst dieses interdisziplinäre Versprechen genommen wird. Ich freue mich sehr darauf, an diesem Programm mitzubauen, Anschlüsse an die bestehenden Stärken der Universität zu finden und Studierende dabei zu begleiten, kritische und kreative Kompetenzen für eine digitale Gegenwart zu entwickeln.
Das sind meine Pläne an der Uni Hamburg:
Ich möchte an der UHH einen Forschungszusammenhang aufbauen, der digitale Kulturen, Klimatransformation und künstlerische Forschung systematisch zusammendenkt und Hamburg als sichtbaren europäischen Standort für diesen innovativen Forschungsverbund stärkt. Die Voraussetzungen dafür sind hervorragend: Mit dem Exzellenzcluster CLICCS, dem Institut für Humanities-Centered Artificial Intelligence CHAI, den Digital Humanities und anderen gibt es Anknüpfungspunkte, die ich aktiv suchen werde. Perspektivisch denke ich an einen transdisziplinären Forschungsraum, der partizipative Zukunftsforschung, spekulative KI und künstlerische Praxis verbindet. Nicht als Parallelstruktur, sondern als Katalysator, der vorhandene Expertise zusammenführt und durch neue Formate ergänzt: gemeinsame Promotionsbetreuungen, Gastfellowships, transdisziplinäre Workshops und öffentlich sichtbare Formate wie Ausstellungen oder partizipative Labore. Dabei sehe ich gute Möglichkeiten, gemeinsam mit Kolleg*innen größere Verbundanträge zu entwickeln.
Im Bereich Transfer bringe ich ein Konzept mit, das ich Gestaltende Verantwortung nenne: die Überzeugung, dass wir technologischen Wandel nicht passiv hinnehmen, sondern aktiv und kollaborativ gestalten können und müssen.
Darum sollten Studierende unbedingt meine Veranstaltungen besuchen:
Ich biete Lehrformate, in denen Studierende KI nicht nur analysieren, sondern gestalterisch befragen, mit Partner:innen aus der Praxis, aus Stadtplanung, Kulturinstitutionen und Zivilgesellschaft. Etwa wenn sie gemeinsam ein Serious Game entwerfen, das Hamburger Klimadaten in spielerische Szenarien übersetzt. Mir ist wichtig, dass Studierende lernen, digitale Systeme nicht als Blackbox hinzunehmen, sondern ihre kulturellen und politischen Implikationen zu verstehen und mitzugestalten. Wer Lust hat, an den Schnittstellen von Kultur, Technologie und Umwelt zu arbeiten und dabei Methoden von spekulativem Storytelling bis zur kritischen Datenanalyse kennenzulernen, ist bei mir richtig. Und wer noch nicht so richtig weiß, wohin die eigene Reise geht: Genau darum geht es. Ich sehe Zukunft nicht als fertiges Ziel, sondern als eine Gestaltungsaufgabe.
Blick in die weite Welt: mit diesen internationalen Einrichtungen, Universitäten oder Institutionen arbeite ich zusammen:
Meine Arbeit ist eingebettet in ein langjährig gewachsenes internationales Netzwerk. Als Scientific Lead des City Science Labs an der HafenCity Universität, einer Kooperation mit dem Massachusetts Institute of Technology (MIT) Media Lab, habe ich den internationalen Austausch in den vergangenen fünf Jahren als gleichermaßen selbstverständlichen wie wertvoll und für mein eigenes Denken und kritisches Hinterfragen als zentral erlebt. Meine Forschung integriert vielfältige Perspektiven, darum besteht mein Netzwerk sowohl aus Forschenden, als auch aus Akteur:innen aus kulturellen, politischen und zivilgesellschaftlichen Bereichen. Zuletzt habe ich ein Projekt mit lokalen Partner:innen aus Jakarta und Alexandria geleitet und in einem anderen mit dem Centre for Urban Science and Policy an der TU Delft zusammengearbeitet. Im Currents-Projekt werden wir mit weiteren niederländischen Forschungsinstituten, dem Weizenbaum Institut in Berlin und Forschenden aus UK kooperieren, aber eben auch mit Politiker:innen, Künstler:innen und zivilgesellschaftlichen Initiativen. Das transdisziplinäre Herzstück des Projekts bildet die Zusammenarbeit mit Kolleg:innen vom Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe, die weitere spannende internationale Partnerschaften mitbringen.
Darum ist meine Forschung für die Gesellschaft wichtig:
Digitale Systeme bestimmen mit, welche Zukünfte wir uns vorstellen können und welche nicht. Das betrifft den Klimawandel genauso wie die Frage, wie wir in unseren Städten zusammenleben wollen. Meine Forschung macht sichtbar, welche Annahmen und Ausschlüsse in diesen Technologien stecken. Aber sie bleibt nicht bei der Kritik stehen. Sie leistet einen Beitrag zu unserem Transformationswissen, das durch die praktische Gestaltung von Perspektivwechseln, durch das Testen realer Fiktionen, durch kollaborative Entwicklung von Alternativen entsteht.
Was meine Arbeit auszeichnet, ist die Verbindung von kritischer Digitalitätsforschung, Forschung zu Klimaanpassung und künstlerischer Forschung. Im Currents-Projekt entstehen zum Beispiel KI-gestützte Medienkunstwerke, die Klimadaten in handgeschriebene Briefe an politische Entscheidungsträger*innen übersetzen, oder immersive Erfahrungsräume, die städtische Wasserzukünfte körperlich erlebbar machen.
Gestaltende Verantwortung heißt für mich: Nicht nur beschreiben, was ist, sondern gemeinsam ermöglichen, was sein könnte: in der Wissenschaft, in der Kunst und in der Gesellschaft. Ich freue mich sehr, an der Universität Hamburg damit anzufangen.

