Wie kann Arbeitsrecht besser durchgesetzt werden?Serie Forschen und Verstehen
5. Mai 2026, von Huke/Red.

Foto: UHH/Esfandiari
Die UHH ist wissenschaftliche Heimat von mehr als 6.200 Forschenden. Alle zwei Wochen geben wir in der Reihe „Forschen und Verstehen“ im Hamburger Abendblatt Einblick in ihre Arbeit. In dieser Ausgabe erklärt Dr. Nikolai Huke, warum Rechtsnormen und Arbeitsalltag in Deutschland auseinanderklaffen und viele Berufstätige tagtäglich mit rechtswidrigen, ausbeuterischen Arbeitsbedingungen konfrontiert sind.
In Deutschland ist vieles gesetzlich geregelt: zum Beispiel, wie lange Beschäftigte maximal arbeiten dürfen, welche Pausen- und Ruhezeiten ihnen zustehen oder wann und in welcher Form Arbeitsverträge gekündigt werden dürfen. Doch obwohl das Arbeitsrecht in Deutschland formal ein relativ hohes Schutzniveau bietet, wird geltendes Recht in vielen Branchen und Beschäftigungsverhältnissen punktuell oder sogar systematisch missachtet. Beschäftigte arbeiten ohne Pausen, hantieren ungeschützt mit Gefahrenstoffen oder heben zu schwere Lasten. Vorgaben des Arbeits- und Gesundheitsschutzes werden ignoriert – mit potenziell schwerwiegenden gesundheitlichen Folgen.
Gegen entsprechende rechtswidrige Praktiken gehen Berufstätige erstaunlich selten vor. Um herauszufinden, warum das so ist und welche Folgen dies für die Arbeitswelt insgesamt hat, führe ich Interviews mit Menschen, die von Arbeitsrechtsverletzungen betroffen waren, und mit Mitarbeitenden von Beratungsstellen.
Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber haben oft kein Interesse, geltendes Arbeitsrecht einzuhalten
Viele der Befragten schildern die Erfahrung, dass Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber von sich aus kein Interesse daran haben, geltendes Arbeitsrecht einzuhalten. Wer seinen Angestellten Urlaub verweigert, unbezahlte Überstunden anordnet oder ihnen kündigt, sobald die Auftragslage dies sinnvoll erscheinen lässt, spart erst einmal Geld. Teilweise wird arbeitgeberseitig sogar so getan, als seien solche rechtswidrigen Praktiken gerecht: etwa wenn Beschäftigten ihr Lohn verweigert wird, weil sie angeblich keine ausreichenden Leistungen erbracht haben.
In den von mir geführten Interviews zeigt sich zudem, welche Faktoren es erschweren, sich gegen solche Praktiken zu wehren. Hierzu zählen fehlendes Rechtswissen ebenso wie die Erfahrung, dass illegalerweise eine Kündigung drohen kann, wenn Beschäftigte ihre Rechte einfordern. Darüber hinaus verfügen viele nicht über die finanziellen, zeitlichen oder psychischen Ressourcen für eine langwierige Auseinandersetzung mit einem Unternehmen.
Insbesondere prekäre Lebenslagen – etwa aufgrund von Armut, unsicheren Aufenthaltstiteln oder gesundheitlichen Einschränkungen – haben zur Folge, dass Beschäftigte sich gezwungen sehen, unter rechtswidrigen Bedingungen zu arbeiten, ohne sich zu beschweren. Ausländische Berufstätige müssen zudem oft eine existenzsichernde Beschäftigung für eine Niederlassungserlaubnis, eine Einbürgerung oder den Familiennachzug nachweisen. Sie können es sich nicht leisten, ausbeuterische Beschäftigungsverhältnisse zu verlassen oder eine Kündigung zu riskieren.
Am Ende des Rechtswegs steht oft ein Vergleich
Strafen haben rechtswidrig agierende Unternehmen kaum zu befürchten, berichten Mitarbeitende der von mir befragten Rechtsberatungsstellen. Selbst im eher unwahrscheinlichen Fall, dass Beschäftigte sich für den Rechtsweg entscheiden, steht am Ende oft ein Vergleich. Arbeitgeberinnen bzw. Arbeitgeber bieten dann an, vorher verweigerte Ansprüche anteilig zu begleichen. Um langwierige Gerichtsverfahren zu vermeiden, stimmen viele Beschäftigte notgedrungen zu und verzichten auf einen Teil des ihnen zustehenden Geldes.
Meine Forschung zeigt, dass wir Antworten auf eine grundlegende Frage brauchen: Welche Maßnahmen können geltendem Arbeitsrecht in der Praxis zur Durchsetzung verhelfen? Gesetzliche und gesellschaftliche Antworten auf diese Frage würden meines Erachtens nicht nur eine gerechtere Gestaltung der Arbeitswelt ermöglichen, sondern auch einen wichtigen Beitrag zur Durchsetzung rechtsstaatlicher Verhältnisse in Deutschland leisten.
Zur Person
Dr. Nikolai Huke forscht im Fachbereich Sozialökonomie der Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften der Universität Hamburg. Sein Projekt „Arbeitsrechte in prekären Lebenslagen“ wird von 2024 bis 2026 von der Hans-Böckler-Stiftung gefördert. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Fragen von Demokratie, Ungleichheit und politischer Mobilisierung. Er ist Autor der Open Access verfügbaren Monografie „Ohnmacht in der Demokratie. Das gebrochene Versprechen politischer Teilhabe“.

