Ein starkes Instrument: Musikunterricht im Wandel der ZeitSerie Forschen und Verstehen
22. April 2026, von Newsroom-Redaktion

Foto: Johann Riesenkönig (1849–1907)
Für die einen bedeutet Musikunterricht in der Schule den Start einer lebenslangen Leidenschaft, andere empfinden ihn eher als verstimmende Pflicht. Wie sich das Fach historisch entwickelt hat und was seine Geschichte für den heutigen Unterricht bedeuten kann, erforscht Dr. Benjamin Eibach als Professor für Erziehungswissenschaft mit Schwerpunkt Didaktik des Fachs Musik an der Universität Hamburg.
Was ist aus pädagogischer Sicht das Ziel von Musikunterricht?
Die Vorstellungen über die Ziele und die Qualität von Musikunterricht haben sich mit der Zeit genauso gewandelt wie das Musikleben außerhalb der Schule, auf das sich der Musikunterricht immer bezieht: Wie und wo kann ich Musik hören und erleben? Welche Stile, Genres und Formen des Umgangs mit Musik gibt es? All das ändert sich immer wieder. Für mich persönlich ist es eine der wichtigsten Aufgaben des Musikunterrichts, den Schülerinnen und Schülern in diesem vielfältigen Musikleben eine Orientierung zu bieten und ihnen eine eigenständige, reflektierte Teilhabe daran zu ermöglichen.
Das bedeutet zum Beispiel, die Schülerinnen und Schüler mit einer möglichst großen Bandbreite an Musik in Berührung zu bringen – auch mit musikalischen Ausdrucksformen und Praktiken, mit denen sie sich im privaten Umfeld nicht beschäftigen würden. Der schulische Musikunterricht sollte die Möglichkeit bieten, unterschiedliche Formen von Musik kennenzulernen und Grundkompetenzen zu erwerben, um später dann bewusst zu entscheiden, mit welcher Musik man sich weiter beschäftigen möchte – sei es beim Musikhören, beim Tanzen, beim eigenen Musizieren oder auf eine andere Weise.
Sie erforschen die historische Entwicklung des Fachs. Wo muss man zeitlich anfangen und wie sah der erste Musikunterricht aus?
Es gibt archäologische Funde von Knochenflöten, die den Schluss nahelegen, dass die Menschen bereits in der Steinzeit Musik gemacht haben. Vermutlich wird es schon damals Situationen gegeben haben, in denen ein Mensch dem anderen das Spiel auf solch einem Instrument beigebracht hat. Auch im weiteren Verlauf der Geschichte war das Erlernen von Musik immer von Bedeutung – ob im antiken Griechenland oder in den mittelalterlichen Klöstern. So fand es schließlich auch in den öffentlichen Schulen seinen Platz.
Ich habe mich vor allem mit der Entwicklung des schulischen Musikunterrichts von Beginn des 19. Jahrhunderts bis Anfang des 20. Jahrhunderts auseinandergesetzt. Im Zuge der sogenannten ‚Humboldt’schen Reformen‘ wurde Musik in Preußen ein offizielles Unterrichtsfach – auch, wenn es in aller Regel als ‚Singen‘ oder ‚Gesang‘ bezeichnet wurde. Das zeigt bereits den Schwerpunkt, den man damals setzte. Ein Ziel des Unterrichts war es, den gottesdienstlichen Gesang zu verbessern. Später, in der Zeit des Kaiserreichs, wurde dem Singen von Volks- oder Vaterlandsliedern Bedeutsamkeit beigemessen, um eine patriotische Einstellung zu fördern. Es ging damals im Unterricht also oftmals nicht allein um die Musik an sich, sondern man versuchte auch, über das Singen von Liedern mit entsprechenden Texten im Sinne allgemeiner Erziehungsziele auf die Schülerinnen und Schüler einzuwirken.
Von Vielfalt war der Musikunterricht damals also weit entfernt?
Umfangreichere Bestrebungen, die Ziele und Inhalte des schulischen Musikunterrichts auszuweiten, setzten etwa an der Schwelle vom 19. zum 20. Jahrhundert ein. Dies zeigt sich beispielsweise beim Blick auf die Verhältnisse in Hamburg: Hier hatte man damals, unter anderem auf Initiative engagierter Lehrkräfte, ‚Volksschülerkonzerte‘ eingeführt. In diesem Konzertformat, das speziell Kinder und Jugendliche adressierte, wurde neben Vokalmusik auch Instrumentalmusik dargeboten. Manche Lehrkräfte bereiteten Besuche dieser Konzerte auch im Rahmen ihres Unterrichts vor, um ihren Schülerinnen und Schülern einen Zugang zur sogenannten ‚Kunstmusik‘ zu eröffnen.
Zur Zeit der Weimarer Republik fand dann eine Neuausrichtung der schulischen Unterweisung in Musik und der Lehrkräfteausbildung statt, die einige dieser Entwicklungen aufgriff. Bedeutsam sind in diesem Zusammenhang die Reformen in Preußen: Das Schulfach erhielt die Bezeichnung ‚Musik‘. Dies ging damit einher, dass neben Lied und Gesang nunmehr auch Instrumentalmusik sowie kulturkundliche und analytische Zugänge stärker Eingang in den Unterricht finden sollten.
Wie kann man neue Medien gewinnbringend im Musikunterricht einsetzen?
Welche Quellen stehen Ihnen für Ihre Forschung zur Verfügung?
Eine wichtige Quellengrundlage ist die musikpädagogische Fachpresse der damaligen Zeit. Darin finden sich viele Beiträge, in denen Lehrkräfte dargestellt und reflektiert haben, wie bestimmte Dinge im Musikunterricht methodisch umgesetzt werden könnten. Auch Lehrpläne und Handreichungen für die pädagogische Praxis sind bedeutsam – etwa sogenannte ‚Gesanglehren‘. Diese Schriften erlebten im 19. Jahrhundert eine regelrechte Blüte. Sie enthalten Empfehlungen zur Gestaltung schulischer Unterweisung in Musik. Eine weitere Quelle sind die Schuljahresberichte, mit denen höhere Lehranstalten ihrer Rechenschaftspflicht gegenüber den Behörden nachkamen. Ihnen lassen sich auch Informationen über den Musikunterricht und das schulische Musikleben entnehmen.
Darüber hinaus spielen Archivalien eine Rolle – beispielsweise Protokolle über Unterrichtsstunden oder persönliche Dokumente von Musiklehrkräften sowie Schülerinnen und Schülern. Und natürlich beziehe ich auch Liederbücher und anderes Notenmaterial ein, das in den Schulen genutzt wurde.
Wenn man sich die Geschichte anschaut: Was kann man aus ihr für die Gestaltung des modernen Musikunterrichts ableiten?
Aus den Resultaten historischer Forschung unmittelbar etwas für die heutige musikpädagogische Praxis ableiten zu wollen, wäre problematisch. Dafür sind die Kontexte damals und heute in aller Regel zu unterschiedlich. Doch kann die historische musikpädagogische Forschung dabei helfen, eine erweiterte Perspektive auf die gegenwärtige Situation zu gewinnen. Sie kann Anstöße geben, das Heute zu reflektieren und angesichts ähnlicher Problemlagen Möglichkeiten für gegenwärtiges Handeln auszuloten.
Aktuell beschäftige ich mich mit der Mediengeschichte des Musikunterrichts, also damit, inwiefern neue Medien für den Musikunterricht genutzt wurden. Als in der Weimarer Republik der Rundfunk aufkam und sich damit ganz neue Möglichkeiten des Musikhörens ergaben, war das für die Lehrkräfte eine große Herausforderung. Wie konnte man dieses neue Medium gewinnbringend im Musikunterricht einsetzen? Welche neuen Unterrichtsformen ließen sich mit seiner Hilfe realisieren? Derartige Fragen sind heute hochaktuell, denn mit dem Aufkommen der digitalen Medien verändern sich das Musik-Konsumverhalten und der Umgang mit Musik stark – was wiederum Auswirkungen auf den Musikunterricht hat.
Der Blick zurück kann auch bei der Frage nach den Zielsetzungen des Musikunterrichts helfen. Wenn man etwa weiß, wie das schulische Singen in der Vergangenheit ideologisch vereinnahmt wurde und welche verheerenden Auswirkungen dies hatte – etwa im Wilhelminismus oder zur NS-Zeit –, lassen sich daraus durchaus Konsequenzen für die Gestaltung eines Musikunterrichts ziehen, der dem Allgemeinbildungsanspruch in einem demokratischen Staat verpflichtet ist: Heute wäre Musikunterricht so zu gestalten, dass Schülerinnen und Schüler durchschauen, wie Musik zur Manipulation eingesetzt wird, um dagegen gewappnet zu sein. Es gibt ja auch viele aktuelle Phänomene, wo Musik mit politischen Botschaften verknüpft wird, beispielsweise der Rechtsrock. Hier Hintergrundwissen zu vermitteln und Zusammenhänge aufzuzeigen, ist aus meiner Sicht ein wichtiger Teil der erwähnten reflektierten Teilhabe am Musikleben.
Forschen und Verstehen
In den acht Fakultäten der Universität Hamburg forschen rund 6.200 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Die Reihe „Forschen und Verstehen“ gibt einen Einblick in die große Vielfalt der Forschungslandschaft und stellt einzelne Projekt genauer vor. Die Folgen erscheinen im UHH-Newsroom, manche von ihnen auch alle zwei Wochen als Kolumne im Hamburger Abendblatt. Fragen und Anregungen können gerne an die Newsroom-Redaktion(newsroom"AT"uni-hamburg.de) gesendet werden.

