Therapie und PräventionGrundlagenforschung: Wie wir gesund gehenSerie Forschen und Verstehen
24. März 2026, von Anna Priebe

Foto: AdobeStock/Maryana
Auf möglichst gesundem Fuß zu leben und zu gehen ist für Menschen jeden Alters essenziell. Wie das gelingen kann, welche Maßnahmen bei Erkrankungen helfen und was Barfußgehen tatsächlich bringt, untersucht Prof. Dr. Astrid Zech als Professorin für Bewegungs- und Trainingswissenschaft und Leiterin des gleichnamigen Arbeitsbereichs an der Fakultät für Psychologie und Bewegungswissenschaft.
Unsere Füße tragen uns im wahrsten Sinne des Wortes durch unser Leben, und Fehlstellungen können Folgen für die ganze Gesundheit haben. Welche Bedeutung kommt dem Gang in der Bewegungswissenschaft zu?
Eine sehr große, denn der aufrechte Gang definiert uns Menschen. Evolutionsbiologisch sind wir die einzigen Säugetiere, die sich so dauerhaft fortbewegen. Diese Entwicklung hat uns die Nutzung von Werkzeugen ermöglicht und ist Basis unserer kognitiven Fähigkeiten. Sie hat aber auch die Belastung des gesamten Körpers von vier auf zwei Extremitäten verlagert. Das bedeutet mehr Last für alle Gelenke, die den Körper tragen müssen, und insbesondere für die Füße. Je mehr Last die Füße dauerhaft tragen müssen und je älter wir werden, desto mehr Schäden können so entstehen. Darum ist es wichtig, biomechanisch zu verstehen, was beim Gehen im Alltag passiert, wie ein gesundes Gangmuster aussieht und wie man falsche Muster korrigieren kann.
Wir untersuchen dazu Personen aller Altersgruppen. Bei Kleinkindern geht es darum, wie sie ihren Gang abhängig von ihren anatomischen Voraussetzungen entwickeln, bei älteren Kindern und Erwachsenen interessiert uns insbesondere, wie verschiedene Einflussfaktoren das Gangmuster verändern, etwa Verletzungen oder bestimmte Schuhe, und welche Auswirkungen das wiederum auf den Körper hat. Eine Doktorandin startet gerade mit ihrer Promotion, in der sie untersucht, wie sich der Gang bei Schwangeren über die Trimester verändert.
Wie muss man sich die Forschung vorstellen?

Im Fokus unserer Arbeit steht immer die Biomechanik, also quasi die Physik des Körpers. Ein zentraler Aspekt ist die Kinematik, zu der Faktoren wie die Gelenkwinkel sowie die Schrittlänge und -breite gehören. Ein zweiter wichtiger Faktor ist Dynamik oder anders gesagt: Die Kräfte, die vom Fuß auf den Boden ausgeübt werden und umgekehrt vom Boden auf die Füße wirken.
Beides definiert unser Gangverhalten. Um die Werte zu erheben und Veränderungen festzustellen, führen wir Experimente unter kontrollierten Bedingungen im Labor durch. Wir arbeiten unter anderem mit verschiedenen Messverfahren, Infrarot-Kamerasystemen und Videoaufnahmen, auf denen wir verschiedene Aspekte des Gehens markieren und vergleichen können. Mittlerweile gibt es auch sehr gute Sensoren, die es uns erlauben, viele dieser Werte im Alltag zu erfassen.
Bei Studien über längere Zeiträume lassen wir die Teilnehmenden parallel oft auch Tagebücher ausfüllen, um ihre Perspektive mit einfließen zu lassen. Damit können wir auch sicherstellen, dass die Probandinnen und Probanden die Aufgaben – also etwa das Tragen bestimmter Schuhe oder Einlagen – im Alltag wirklich umsetzen.
Ein besonderer Fokus Ihrer Arbeit liegt auf dem Einfluss von Barfußgehen im Vergleich mit dem Laufen mit Schuhen. Was haben Sie hier untersucht?
Wir hatten in vorherigen Studien festgestellt, dass das Tragen oder Weglassen von Schuhen das Gangmuster verändert. Wir wollten konkret untersuchen, welche langfristigen Auswirkungen das Barfußlaufen auf die Fußgesundheit und die Motorik von Kindern hat. Dafür brauchten wir natürlich Kinder, die im Alltag oft und lange barfuß gehen – und in Deutschland ist das aus versicherungstechnischen Gründen meist nicht erlaubt, etwa in der Kita oder in der Schule. Daher haben wir mit Kolleginnen und Kollegen aus Stellenbosch in Südafrika kooperiert. Die Fußgesundheit der Kinder dort haben wir mit der von Kindern aus Hamburg und Umgebung verglichen. Die Studie, die von der Landesforschungsförderung unterstützt wurde, hatte am Ende rund 1.000 Teilnehmende zwischen sechs und 18 Jahren.
Wir gucken beim Schuhkauf meistens nur auf die Länge, aber kaum auf die Breite oder die Höhe des Schuhs
Was haben Sie herausgefunden?
Im Vergleich konnten wir feststellen, dass die Kinder in Südafrika signifikant höhere Fußgewölbe haben, was wir damit assoziieren, dass sie durch das Barfußgehen mehr Kraft in den Fußmuskeln entwickelt haben. Ihre Füße waren auch etwas breiter, weil sich die Füße ohne Schuhe besser entwickeln konnten. Wir gucken beim Schuhkauf meistens nur auf die Länge, aber kaum auf die Breite oder die Höhe des Schuhs – und so wird er oft zu einem kleinen Korsett, das die Entwicklung des Fußes eingeschränkt.
Bei der Analyse der Laufbiomechanik haben wir zudem festgestellt, dass die Kinder beider untersuchten Gruppen sich im Fußaufsatzverhalten beim schnelleren Laufen unterscheiden. Das hatte auch Auswirkungen in motorischen Tests: Wir haben die Kinder sprinten, springen und balancieren lassen – und beim Balancieren und beim Springen waren die Kinder aus Südafrika signifikant besser.
Was bedeuten diese Ergebnisse in der Praxis?
Wo Barfußlaufen nicht möglich ist, können sogenannte minimalistische Schuhe sinnvoll sein. Man bezeichnet sie umgangssprachlich auch als Barfußschuhe. Grundsätzlich zeichnen sie sich dadurch aus, dass sie sehr leicht und flexibel sind und durch ihre flache Sohle keine Dämpfungseigenschaften haben. Unsere Studien zeigen, dass diese Schuhe auch im höheren Alter noch eine gute Methode sind, um die Muskeln im Fuß zu trainieren und vielseitige sensomotorische Erfahrungen zu machen. Voraussetzung ist, dass man keine orthopädischen Vorerkrankungen hat und den Füßen Zeit gibt, sich an die Schuhe zu gewöhnen.
Sie beschäftigen sich in Ihrer Forschung aber auch mit Krankheiten, die sich auf den Gang auswirken. Können Sie hier ein Beispiel nennen?
Gerade haben wir ein Projekt abgeschlossen, in dem es um Kinder mit Zerebralparese ging. Diese leiden durch die Schädigungen des zentralen Nervensystems an Spastiken in den Beinen und haben stark nach innen gedrehte Füße, wodurch sie ein sehr spezifisches Gangbild entwickeln. Hier kooperieren wir mit ärztlichen Kolleginnen und Kollegen, um die Wirksamkeit gängiger Therapien zu untersuchen und neue Ansätze zu erforschen. Wir haben überprüft, welchen Einfluss verschiedene Schuhmaterialien im Vergleich auf das Gangbild haben. Auch hier konnten wir beobachten, dass zum Beispiel minimalistische Schuhe das Gangmuster eher positiv beeinflussen können.
Ihre Arbeit hat damit also sowohl therapeutisches als auch präventives Potenzial?
Das stimmt. Es gibt zwar nicht nur das eine gesunde Gangbild, aber einen gewissen Rahmen. Wir wollen die verschiedenen Bestandteile genau verstehen und können das Wissen dann in verschiedenen Bereichen anwenden. Ich beschäftige mich zum Beispiel viel mit dem Zusammenhang zwischen der Muskelkraft der Beine, der Rumpfstabilität und dem Gangmuster. Die Frage ist, mit welchen Methoden Muskelkraft aufgebaut und erhalten werden kann – und wie sich das auswirkt. Das kann etwa bei der Sturzprävention von Bedeutung sein, die eines der wesentlichen Ziele der Intervention im Alterssport ist. Ältere Personen tendieren dazu, langsamer zu gehen und weitere Schritte zu machen. Dadurch fallen sie schneller. Wir erforschen, wie bis ins hohe Alter eine schnelle Ganggeschwindigkeit bewahrt werden kann. Das könnte ein zentraler Schlüssel sein, um langfristig Stürze und ihre Folgen zu vermeiden.
Forschen und Verstehen
In den acht Fakultäten der Universität Hamburg forschen rund 6.200 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Die Reihe „Forschen und Verstehen“ gibt einen Einblick in die große Vielfalt der Forschungslandschaft und stellt einzelne Projekt genauer vor. Die Folgen erscheinen im UHH-Newsroom, manche von ihnen auch alle zwei Wochen als Kolumne im Hamburger Abendblatt. Fragen und Anregungen können gerne an die Newsroom-Redaktion(newsroom"AT"uni-hamburg.de) gesendet werden.

