DFG-Projekt „Bilder des Volkes“Welche visuellen Strategien nutzen rechtspopulistische Parteien – und warum?Serie Forschen und Verstehen
17. März 2026, von Claudia Sewig

Foto: UHH/Ohme
Dr. Jacopo Galimberti forscht an der Fakultät für Geisteswissenschaften zu politischer Ikonographie und Ikonologie. In einem von der DFG geförderten Projekt untersucht der Kunsthistoriker die Online-Bildsprache dreier europäischer rechtspopulistischer Parteien.
Was ist das konkrete Ziel Ihrer Forschung?
Das Hauptziel des Projekts ist es, ein vertieftes Verständnis der visuellen Strategien rechtspopulistischer Parteien in Europa zu gewinnen. Ich möchte die erste länderübergreifende qualitative Analyse zur visuellen Darstellung der AfD (Deutschland), der Lega (Italien) und des Rassemblement National (Frankreich) auf Instagram, Facebook und X durchführen.
Die Untersuchung konzentriert sich auf Stand- und Bewegtbilder, die diese Parteien zwischen den Europawahlen 2024 bis in die Gegenwart veröffentlicht haben. Die Forschung wird tiefgreifende qualitative Analysen von Motiven und Figuren entwickeln und die visuellen Darstellungen der Parteien in eine kunsthistorische Perspektive stellen. Das ist auch ein Unterschied zu bereits vorhandenen quantitativen Untersuchungen, die mehr darauf aus waren, wie oft bestimmte Motive verwendet wurden.
Wie treffen Sie die Auswahl der Motive und was interessiert Sie dabei besonders?
Ich schaue zum einen die Social-Media-Konten der Parteien an, die ich untersuche. Dort sammele ich Tausende von Bildern und gucke, was aus einer kunsthistorischen Perspektive heraus interessant ist. Die gefundenen Motive vergleiche ich mit politischen Motiven aus der Vergangenheit, die ich im Bildindex für politische Ikonografie im Warburg Haus finde. So betrachte ich zum Beispiel, wie Auswanderer in der Kunstgeschichte dargestellt werden. Und ich versuche, Vergleiche mit der zeitgenössischen Darstellung von Auswanderern der untersuchten Parteien zu machen.
Die Ästhetik dieser Parteien arbeitet oft mit völkischen Motiven, was ich versuche, aus einer kunsthistorischen Perspektive heraus zu betrachten. Also: Wo kommen diese Motive her? Was sollen sie uns sagen? Was können wir durch sie über die Partei erfahren, über ihre Identität? Was macht die Partei so interessant und anregend für viele Leute? Unter völkischen Motiven verstehe ich zum Beispiel Wälder oder Dörfer, oder in Deutschland auch das Hermannsdenkmal. Bei diesen Motiven der AfD handelt es sich oft um KI-generierte Bilder. Ich versuche herauszufinden, wie diese Art von Bildern entstehen.

Was sind die ersten Erkenntnisse aus Ihrer Forschung?
Eine Erkenntnis bisher ist, dass es viele visuelle Sprachen gibt. So versucht etwa die AfD, völkische Motive mit einer Bildwelt zusammenzubringen, die mit völkischen Motiven überhaupt nichts zu tun hat. Diese ist eine futuristische Vision, technologieaffin, insbesondere in Bezug auf die Kernenergie. Und sie versuchen, die Widersprüche zu lösen, nicht zuletzt auf der Bildebene. Ähnlich ist es in Italien. Meines Erachtens verfügt die europäische Rechte mittlerweile über eine komplexe und vielfältige Ästhetik, die entsprechend ernst genommen und differenziert analysiert werden muss.
Sprechen Sie mit Menschen aus den Parteien, die sie untersuchen?
Das war am Anfang das Ziel. Leider waren meine Versuche bei der AfD bisher erfolglos. Auch bei den Parteien in Italien und Frankreich ist es schwierig. Allerdings haben etliche Parteichefs und -chefinnen Bücher veröffentlicht. Die europäische Rechte wird heute häufig von Frauen vertreten (etwa Marine Le Pen, Alice Weidel oder Giorgia Meloni).
Was lässt sich über die zeitliche Entwicklung der bildlichen Darstellung der Parteien sagen? Waren die Bilder früher plakativer als heute? Sprachen sie andere Zielgruppen an?
Die Zielgruppen waren und sind sehr vielfältig. Die AfD ist eine Massenpartei. Was ich merke, aber da bin ich noch am Anfang der Auswertung, ist eine gewisse Kontinuität, im Sinne von Stigmatisierung, Ethnisierung, auch darin, wie etwa die Arbeiterklasse dargestellt wird. Wenn man etwa betrachtet, wie „Der Stürmer“ Juden in den 1930er Jahren bildlich darstellte, dann ist das sehr ähnlich mit dem, wie heute die AfD Migranten mit KI-generierten Bildern darstellt. Dabei zeigt sich ein Impuls zur Typisierung, der sich insbesondere auf visueller Ebene manifestiert. Aber es gibt natürlich auch Unterschiede.
Spielt eine gewisse Farbgebung eine Rolle?
Die KI-Bilder sind ja sehr bunt; man spricht auch vom sogenannten ‚Platform Realism‘. Das ist sehr plakativ, gefällig – mehr als in den 1930er Jahren. Da kommt, im Fall der AfD, eine alte visuelle Kultur mit neuen Trends zusammen.
Wie sind Sie insgesamt auf das Thema gekommen?
Ich habe in Italien Soziologie studiert, danach Kunstgeschichte in Italien, Frankreich und London. Als Postdoc habe ich meine Fähigkeiten aus der Soziologie und Kunstgeschichte zusammengebracht, um Bilder einer Strömung des Marxismus nicht nur aus der geisteswissenschaftlichen Perspektive zu betrachten, sondern auch aus der Kulturgeschichte heraus. Dann merkte ich, dass es Zeit wurde, auch die sehr rechten Parteien ernst zu nehmen: Politisch, natürlich, aber auch visuell und kulturell. Und genau zu gucken, was für Bilder sie nutzen und wie ihre Bilder funktionieren.
Dafür sind Sie nach Hamburg gekommen?
Ja, das war kein Zufall. Ich bin Anfang 2025 an die Universität Hamburg gekommen, da die politische Ikonologie in Hamburg ihren Ursprung hat. Meine Forschung stützt sich auf die Tradition der Arbeiten des Kunsthistorikers Martin Warnke, der von 1979 bis zu seiner Emeritierung im Frühjahr 2003 an der Universität Hamburg lehrte, und auf das Bildarchiv der Forschungsstelle für politische Ikonographie des Warburg Hauses, das Lebenswerk Warnkes. Allerdings hat sich diese Tradition selten mit rechten Bildern beschäftigt, so wie ich es jetzt tue. Auf diese Weise zielt meine Arbeit darauf ab, diese kunsthistorische Strömung zu revitalisieren und sie im Kontext sozialer Medien neu zu verorten. Gleichzeitig soll aufgezeigt werden, inwiefern sich deren visuelle Innovationen mit einem im 20. Jahrhundert entwickelten analytischen Instrumentarium erfassen lassen. Darin liegt die zentrale Herausforderung meines Forschungsvorhabens.
Zur Person
Dr. Jacopo Galimberti ist seit Anfang 2025 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Medien und Kommunikation des Fachbereichs Sprache, Literatur, Medien I der Fakultät für Geisteswissenschaften an der Universität Hamburg. Er hat Soziologie in Italien studiert, danach Kunstgeschichte in Italien, Frankreich und England. Seine Forschungsschwerpunkte, neben Politischer Ikonographie/Ikonologie, sind unter anderem Geschichte und Geopolitik der zeitgenössischen Kunst, Politische Kultur der extremen Rechten und der radikalen Linken und Bildwissenschaft sozialer Bewegungen. Die DFG fördert seine Stelle für das Projekt „Bilder des Volkes".
Forschen und Verstehen
In den acht Fakultäten der Universität Hamburg forschen rund 6.200 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Die Reihe „Forschen und Verstehen“ gibt einen Einblick in die große Vielfalt der Forschungslandschaft und stellt einzelne Projekt genauer vor. Die Folgen erscheinen im UHH-Newsroom, manche von ihnen auch alle zwei Wochen als Kolumne im Hamburger Abendblatt. Fragen und Anregungen können gerne an die Newsroom-Redaktion(newsroom"AT"uni-hamburg.de) gesendet werden.

