Forschen und VerstehenBeeinflussen Krankenhausübernahmen die Qualität der Versorgung?
15. September 2026, von Schreyögg/Red.

Foto: Gregor Schläger
Die UHH ist wissenschaftliche Heimat von mehr als 6.200 Forschenden. Alle zwei Wochen geben wir in der Reihe „Forschen und Verstehen“ im Hamburger Abendblatt Einblick in ihre Arbeit. In dieser Folge erklärt Prof. Dr. Jonas Schreyögg Themen rund um die Finanzierung und die Qualität der Krankenversorgung.
Wie gut bin ich in dem einen oder dem anderen Krankenhaus aufgehoben? Ist ein Betreiber besser als ein anderer – und verändert eine Übernahme die Qualität der Behandlungen? Das sind Fragen, die sich Patientinnen und Patienten, die einen Klinikaufenthalt planen, oftmals stellen. Auch wir im gesundheitsökonomischen Forschungszentrum „Hamburg Center for Health Economics (HCHE)“ stellen uns diese und andere Fragen – und versuchen, sie zu beantworten.
2011 als gemeinsames Zentrum der Universität Hamburg und des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf gegründet, zählt das HCHE heute zu den größten gesundheitsökonomischen Forschungseinrichtungen Europas. Fast 100 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, darunter zwölf Professorinnen und Professoren, verbinden ökonomische Methoden mit medizinischer Expertise. Inhaltlich geht es vor allem um die Frage, wie die knappen Mittel des Gesundheitssystems mit dem größtmöglichen Nutzen zum Wohle der Bürgerinnen und Bürger eingesetzt werden können. Die Schwerpunkte reichen von Finanzierung und Organisation des Gesundheitswesens über gesundheitsökonomische Evaluation neuer Arzneimittel und Technologien, ambulante und stationäre Versorgung, Arzneimittelmärkte und Bevölkerungsgesundheit bis zu KI und Digital Health sowie Fachkräften im Gesundheitswesen.
Übernahmen können unterkapitalisierten Krankenhäusern helfen
Ich selbst leite als Professor für Management im Gesundheitswesen an der Universität Hamburg das HCHE und forsche mit Daten von Krankenkassen, Krankenhäusern und ambulanten Arztpraxen. Mit meinem Team gehe ich derzeit so auch der Frage nach, wie Krankenhausübernahmen die Qualität der Versorgung beeinflussen. Gerade haben wir Forschungsergebnisse veröffentlicht, die zeigen, dass in den übernommenen Krankenhäusern die Sterblichkeit nach der Behandlung mit Herzinfarkt sinkt. Bei Behandlung nach Schlaganfall sehen wir jedoch keine Veränderung. Herzinfarktversorgung hängt stark von gut standardisierter Infrastruktur ab – ein Herzkatheterlabor wirkt vergleichsweise schnell. Schlaganfallversorgung braucht dagegen eingespielte, interdisziplinäre Teams und Prozesse, die sich nicht von heute auf morgen aufbauen lassen. Die Ergebnisse sind deshalb kein pauschales Plädoyer für mehr Klinikfusionen. Sie zeigen aber: je nach Fachgebiet können Übernahmen unterkapitalisierten Häusern den Zugang zu notwendigen Investitionen eröffnen.
Der Transfer in Politik und Praxis nimmt bei uns ebenfalls eine wichtige Stellung ein. Mehrere unserer Mitarbeitenden sind in Gremien tätig, die Politik, Verbände und Institutionen beraten. Ich selbst bin derzeit Mitglied der Finanzkommission Gesundheit. Diese Kommission wurde im September 2025 von Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) eingesetzt. Sie besteht aus zehn Fachleuten aus Ökonomie, Medizin, Sozialrecht, Ethik und Prävention. Auftrag ist es, die Beiträge zur gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) ab 2027 zu stabilisieren.
Finanzlücke bis 2030 auf mehr als 42 Milliarden geschätzt
Zunächst einmal mussten wir die Ursachen für die dramatische Finanzlücke suchen. Anders als viele denken, ist diese Finanzlücke nicht durch die demografische Entwicklung verursacht. Sie ist vielmehr Resultat von Gesetzen der Politik in den Jahren 2009-2025, die die Vergütung in vielen Leistungsbereichen des Gesundheitswesens, auch infolge der prosperierenden Wirtschaftsentwicklung der 2010er Jahre, nach oben geschraubt haben. In unserem ersten Bericht im März 2026 haben wir die Finanzlücke bis 2030 auf mehr als 42 Milliarden geschätzt. Ohne politische Intervention, das heißt ohne insbesondere schmerzhafte Einschnitte bei der Vergütung von Leistungserbringern, wäre der durchschnittliche Beitrag zur gesetzlichen Krankenversicherung für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sowie Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber bis 2030 um 680 Euro pro Jahr gestiegen.
Von den 66 Vorschlägen der Kommission wurden 53 im Rahmen des GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetzes am 10. Juli im Bundestag beschlossen. Ein zweiter Bericht der Kommission mit Vorschlägen zu Strukturreformen, die eine langfristige Wirkung entfalten, spätestens bis 2040, wird Mitte Dezember 2026 an Gesundheitsminister Carsten Linnemann (CDU) übergeben.
Zur Person
Prof. Dr. Jonas Schreyögg ist Professor für Management im Gesundheitswesen an der Universität Hamburg und wissenschaftlicher Direktor des Hamburg Center for Health Economics (HCHE). Er ist stellvertretender Vorsitzender des Sachverständigenrates zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen und in der Pflege sowie Mitglied zahlreicher weiterer wissenschaftlicher Beiräte.

