Psychologie und PersönlichkeitChancen, Grenzen und Herausforderungen bei der Forschung mit EEGSerie Forschen und Verstehen
10. September 2026, von Anna Priebe

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Das Elektroenzephalogramm, kurz EEG, macht elektrische Aktivität im Gehirn sichtbar und ist ein wichtiges Forschungsinstrument. Doch was kann es über die Persönlichkeit aussagen? Prof. Dr. Jan Wacker und Dr. Katharina Paul aus der Fakultät für Psychologie und Bewegungswissenschaft arbeiten dazu in einem großen Kooperationsprojekt und nehmen auch die Forschungsmethode selbst in den Fokus.
Können Sie kurz erklären, was ein EEG ist und was man damit in der Regel untersucht?
Wacker: Beim Denken und Wahrnehmen entstehen elektrische Spannungen im Gehirn. Mit Elektroden, die auf der Kopfhaut anliegen, können wir diese auf der Schädeloberfläche messen. Jede Elektrode sendet ein Signal, das aufgezeichnet und zu dem der anderen ins Verhältnis gesetzt wird. Diese Aufzeichnungen bezeichnen wir als Elektroenzephalogramm, also EEG.
Eingesetzt wird das EEG sehr vielfältig, zum Beispiel kann man mit seiner Hilfe in der Medizin Epilepsie diagnostizieren. In der Psychologie sind es vor allem kognitive Prozesse, die untersucht werden. Uns interessieren insbesondere die Veränderungen der Gehirnaktivitäten über einem bestimmten Zeitraum. Man kann mit dem EEG nämlich sehen, wann bestimmte Bereiche im Gehirn aktiviert werden, etwa als Reaktion auf einen Reiz oder wenn man eine Aufgabe löst.
Sie untersuchen, inwieweit die EEG-Ergebnisse auch Rückschlüsse auf Persönlichkeitsmerkmale erlauben. Können Sie da ein Beispiel nennen?
Wacker: Uns interessieren ganz grundsätzlich die individuellen Unterschiede in diesen EEG-Signalen. Die sehen wir schon, wenn sich Probandinnen und Probanden ganz ruhig hinsetzen, denn abhängig von ihrer Persönlichkeit denken sie in dieser Situation spontan unterschiedlich. Manche sind entspannt, andere Grübeln – entsprechend unterscheidet sich die Gehirnaktivität.
Für uns ist es aber noch spannender, uns das unter gezielt ausgewählten Bedingungen anzuschauen, den Personen also bestimmte Aufgaben zu stellen und ihre Reaktionen im Gehirn zu untersuchen. Eine These ist beispielsweise, dass bei eher ängstlichen, grüblerischen Personen bestimmte Regionen im Gehirn stärker aktiviert werden, wenn sie merken, dass sie gerade einen Fehler gemacht haben. Man spricht hier von ‚Error-Related Negativity‘.
Geht es darum, aus einem EEG später auf die Persönlichkeit zu schließen oder vielmehr darum, Untersuchungen besser einordnen zu können?
Paul: Grundsätzlich machen wir mit unserer Forschung immer Aussagen über Gruppen und nicht über einzelne Menschen. Uns geht es darum, mehr über die Prozesse im Gehirn zu lernen und durch das EEG bekommen wir Hinweise darauf, wie sie bei Ängstlichkeit vielleicht anders ablaufen. So können wir ein besseres Verständnis von diesem Persönlichkeitskonstrukt bekommen.
Sie haben dafür mit insgesamt neun deutschen Universitäten zusammengearbeitet. Was ist der Vorteil einer so großen Kooperation?
Paul: Erstmal macht es natürlich immer mehr Spaß, Sachen gemeinsam zu erarbeiten. Aber vor allem stellt uns das Forschungsthema vor besondere methodische Herausforderungen. Denn bei diesen Reaktionen handelt es sich um winzig kleine Signale im Gehirn, die im EEG konstant von sogenanntem Noise, also Rauschen, überlagert werden. Damit man so kleine Effekte und vor allem statistisch relevante Unterschiede zuverlässig sichtbar machen kann, braucht man also viele Probandinnen und Probanden. Nicht zehn oder 20 Leute, sondern hunderte, wenn nicht gar tausende. Das wäre an einem Standort nicht zu schaffen und deshalb arbeiten wir zusammen.
Wir hatten etwa zehnmal mehr Probandinnen und Probanden als in anderen Versuchen dieser Art
Sie kombinieren also ihre Testpersonen, um die verschiedenen Forschungsfragen zu untersuchen?
Paul: Zehn Labore bedeuten auch zehn unterschiedliche Forschungsschwerpunkte. Die einen arbeiten zu Ängstlichkeit und Fehlerverarbeitung, wir zu Belohnungen und ihrer Wirkung im Vergleich zwischen introvertierten und extravertierten Menschen. Wenn wir also unsere Probandinnen und Probanden testen, stellen wir ihnen auch Aufgaben der anderen neun Bereiche – und sie nehmen unsere in ihre Tests mit auf. So bekommen wir eine besonders große Datenbasis und können vielfältige Fragen beantworten.
Wacker: Wir hatten in unserem Projekt etwa zehnmal mehr Probandinnen und Probanden als in anderen Versuchen dieser Art. Auf dieser Basis haben wir uns in den vergangenen sieben Jahren viele verschiedene Effekte angeschaut, die sich zuvor in kleineren Untersuchungen teils wiederholt gezeigt hatten. Bisher hat sich keiner dieser Effekte in unserer viel umfangreicheren Untersuchung wieder eindeutig nachweisen lassen. Sie sind also bei weitem nicht so stabil und so groß, wie man das noch vor zehn Jahren vielleicht angenommen hat.
Was bedeutet das für die psychologische Forschung?
Wacker: Zum einen, dass man für valide Aussagen über die Einflüsse von Persönlichkeitsmerkmalen viel größere Stichproben braucht. Und zum anderen, dass man sich vor der Durchführung Gedanken machen muss, wie man die Daten auswertet. Das ist eine wesentliche Erkenntnis aus dem Projekt: Es gibt Millionen Möglichkeiten, wie man nach einem EEG von den Kurven, die man gemessen hat, zu einer statistischen Auswertung kommt. Und die Verfahren kommen zu teils sehr unterschiedlichen Ergebnissen. Wir schließen daher aus unserem Projekt, dass es dringend erforderlich ist, diese Art von Forschung immer zu prä-registrieren.
Was heißt das genau?
Wacker: Dass man vorab genau festlegen muss, wie man mit den Daten verfährt, die man erheben wird. Das passiert bisher nur in etwa fünf Prozent der Studien, in denen mithilfe von EEG-Ergebnissen Zusammenhänge mit Persönlichkeitsmerkmalen untersucht werden. Bei den anderen Studien ist nicht auszuschließen, dass verschiedene Auswertungsansätze ausprobiert wurden und am Ende berichtet wurde, was ‚funktioniert‘ hat. Das könnte jedenfalls erklären, dass die meisten Studien selbst mit wenigen Probandinnen und Probanden Zusammenhänge finden, die sich dann später nicht bestätigen lassen.
Innerhalb des Projektes haben wir in Workshops vor Beginn der Untersuchung erarbeitet, welche Auswertungsmethode wir für die jeweiligen Forschungsfragen wählen werden und welche alternativen Herangehensweisen gleichfalls gerechtfertigt wären. In der ersten Runde haben wir zum Test fast 2.000 solcher alternativen Auswertungsansätze auf jede einzelne Fragestellung losgelassen. Die dabei entstandene Bandbreite der Ergebnisse für einzelne Effekte zeigt, wie groß der Einfluss der gewählten Methode ist.
Man muss also die Forschenden sensibilisieren?
Paul: Ja, denn es ist immer wichtig, die eigene Forschung und die eigene Rolle – etwa bei Entscheidungen für oder gegen eine Methode – zu reflektieren. Das gilt übrigens nicht nur für den Einsatz und die Analyse von EEG, sondern bei allen Methoden von der funktionellen Magnetresonanztomographie und anderen biologischen Maßen über die Verhaltensbeobachtung bis zur Auswertung von Fragebogendaten. Auch hier gibt es immer Freiheiten in der Analyse, die man durch entsprechende Prozesse im Forschungsdesign minimieren muss. Bei Forschungsfragen, die individuelle Unterschiede zwischen Persönlichkeiten untersuchen, mag das besonders auffallen, da die Effekte, die uns interessieren, so klein sind. Aber grundsätzlich gilt die gleiche Einschränkung für jede Untersuchung. Das macht unser Projekt universal.
Das Projekt
Prof. Dr. Jan Wacker und Dr. Katharina Paul forschen am Arbeitsbereich „Differentielle Psychologie und Psychologische Diagnostik“ der Fakultät für Psychologie und Bewegungswissenschaft. An dem Projekt „CoScience EEG Personality“ sind neben Prof. Dr. Anja Riesel (Arbeitsbereich Klinische Psychologie und Neurowissenschaften der Universität Hamburg) Forschende von acht deutschen Universitäten aus dem Bereich der biologischen Persönlichkeitsforschung beteiligt. Das Projekt wurde zum Start von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert.
Forschen und Verstehen
In den acht Fakultäten der Universität Hamburg forschen rund 6.200 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Die Reihe „Forschen und Verstehen“ gibt einen Einblick in die große Vielfalt der Forschungslandschaft und stellt einzelne Projekt genauer vor. Die Folgen erscheinen im UHH-Newsroom, manche von ihnen auch alle zwei Wochen als Kolumne im Hamburger Abendblatt. Fragen und Anregungen können gerne an die Newsroom-Redaktion(newsroom"AT"uni-hamburg.de) gesendet werden.

