Klimapolitik – steckt drin, was draufsteht?Was jetzt zu tun ist
18. März 2026, von Gerstenberg/Red.

Foto: privat
Die UHH ist wissenschaftliche Heimat von mehr als 6.200 Forschenden. Alle zwei Wochen geben wir im Rahmen der Reihe „Forschen und Verstehen“ im Hamburger Abendblatt Einblick in ihre Arbeit. In dieser Ausgabe erklärt Dr. Anne Gerstenberg, warum bei der Klimapolitik auch die Bevölkerung gefragt ist.
Eigentlich ist doch alles klar. Die Europäische Union will bis 2055 klimaneutral sein, Deutschland schon 2045, das Land hat ein Klimagesetz erlassen und es gibt entsprechende Vorschriften. So werden Treibhausgase Stück für Stück reduziert und Klimaschutz umgesetzt. Rechnet man jedoch zusammen, wie viel CO2 durch die beschlossenen Maßnahmen reduziert wird, reicht das nicht, um die Ziele zu erreichen.
Ich habe mich gefragt: Warum führt ein Ziel nicht zu Maßnahmen, die es auch tatsächlich erreichen können? Am Exzellenzcluster für Klimaforschung CLICCS der Universität Hamburg wollte ich mehr Licht in diesen Prozess bringen. Ich befragte Menschen, die solche Instrumente direkt mitgestalten. Das waren zum Beispiel Angestellte in den Ministerien und Parlamenten in Deutschland und der EU sowie Fachleute in Wirtschafts- und Umweltverbänden.
Am Beispiel des CO2-Preises
In längeren Gesprächen erfuhr ich, was sie erreichen möchten und welche Maßnahmen sie für geeignet halten. Ich nutzte dazu das Beispiel eines ziemlich komplexen Klima-Instruments, des CO2-Preises. Dieser soll, kurz gesagt, klimaschädliche Produktion teurer machen und so einen Anreiz bieten, auf klimaschonende Produktion umzustellen. Ein solcher Preis kann auf unterschiedliche Weise gestaltet werden. Eine Spielart ist der EU-Emissionshandel, der für Energieanlagen und Industrie bereits in Kraft ist.
Schnell wurde klar: Es gibt nicht den einen richtigen Fahrplan, um weniger Treibhausgase auszustoßen. Denn CO2 betrifft beinahe jeden Aspekt unseres Alltags. Und auf die Frage, wie wir den Klimawandel erfolgreich abwenden, gibt es viele Antworten. Doch keinen wissenschaftlichen Beweis, welches der „beste Weg“ dafür ist.
Beim CO2-Preis geht es zum Beispiel um die Balance zwischen Markt und Staat. Während eine Seite allein Nachfrage und Angebot walten lassen möchte, würde eine andere aufgrund von höheren Produktionskosten gern Unternehmen subventionieren und eine dritte Seite finanzielle Härten für die Bevölkerung abfedern. Wie stark soll der Staat also eingreifen? Durch den aktuellen CO2-Preis werden zum Beispiel Kohlekraftwerke unrentabel und irgendwann abgeschaltet. Gut fürs Klima! Doch die Menschen in der Region verlieren womöglich ihre Arbeitsplätze und damit die Lebensgrundlage. Wie können ehemals Beschäftigte und ihre Familien ein Auskommen haben? Sollte der Staat hier strukturpolitisch fördern und beispielsweise Umschulungen finanzieren? Auch das Heizen mit Gas und Öl wird durch einen kommenden CO2-Preis in Zukunft teurer. Muss also ein Klimageld her? Und wenn ja, für alle – oder sollte man Gutverdienende lieber ausklammern? Wer dabei profitiert oder verliert ist Gegenstand politischer Konflikte: Die Maßnahmen selbst sind Politik.
Das Weltbild entscheidet mit
Meine Analyse zeigt denn auch, dass es stark von der politischen Einstellung und der Denkweise der befragten Politikerinnen und Politiker abhängt, wie sie eine Maßnahme ausgestalten. Ihr Weltbild entscheidet mit, welche wissenschaftlichen Erkenntnisse sie für glaubwürdig halten und wie sie diese nutzen, um ihre Pläne voranzutreiben.
Es gibt auch Akteure, die unter „falscher Flagge“ mitgestalten. So nutzen einige ihren Einfluss auf den Emissionshandel, um gezielt Industrien mit viel CO2-Ausstoß zu schützen, proklamieren aber nach außen hin Klimaschutz. Manchmal steckt also in einer Maßnahme nicht drin, was draufsteht. So ist jede Maßnahme das Resultat einer Verhandlung über jeweils unterschiedliche Vorstellungen von Zukunft – und spiegelt oft unsichtbare Machtverhältnisse. Ein neutrales Instrument gibt es nicht. Diesen Faktor haben gängige Theorien zu politischen Prozessen bisher unterschätzt.
Was tun? In Zukunft sollten Klimaschutz-Instrumente eher als Strategien aufgefasst werden, die von Werten beeinflusst sind. Das heißt zum Beispiel, dass auch Verhandlungen über diese Maßnahmen wiederum strategisch beobachtet und begleitet werden müssen. Und: Eine ambitionierte Klimapolitik gibt es nur, wenn die Bevölkerung klar und deutlich zu verstehen gibt, dass dies ihr Wunsch ist.
Zur Person
Dr. Anne Gerstenberg ist Politikwissenschaftlerin und forscht zu Instrumenten der Klimapolitik und deren Wirkung am Exzellenzcluster für Klimaforschung CLICCS der Universität Hamburg.

