Wo schnackt man Platt?Eine Sprache im Wandel der Zeit
19. Februar 2026, von Schröder/Red.

Foto: UHH/Esfandiari
Die UHH ist wissenschaftliche Heimat von mehr als 6.200 Forschenden. Alle zwei Wochen geben wir im Rahmen der Reihe „Forschen und Verstehen“ im Hamburger Abendblatt Einblick in ihre Arbeit. In dieser Ausgabe der Kolumne erklärt Prof. Dr. Ingrid Schröder, wie sich die Wahrnehmung des Niederdeutschen in den vergangenen Jahrhunderten verändert hat.
Moin! Während man diesen Gruß in Hamburg heute selbstverständlich im Alltag hört, war die niederdeutsche Sprache – oder umgangssprachlich: „Platt“ – noch vor wenigen Jahrzehnten aus dem öffentlichen Leben mehr oder weniger verschwunden. Ich habe die Sprache als Kind in meiner Familie gelernt, aber in der Schule war sie nicht erwünscht. Umso überraschter war ich, dass ich während meines Germanistik-Studiums in Göttingen einen Schwerpunkt im Bereich Niederdeutsch setzen konnte. Ich bekam die Möglichkeit, am Mittelniederdeutschen Wörterbuch mitzuarbeiten, und das war der Beginn meiner wissenschaftlichen Laufbahn.
Heute beschäftigte ich mich als Leiterin des Schwerpunkts „Niederdeutsche Sprache und Literatur“ an der Uni Hamburg damit, welche Sprachen und Dialekte in Norddeutschland gesprochen werden, und schaue dabei insbesondere auf die niederdeutsche Sprachgeschichte. Die führt uns in ein Labor des gesellschaftlichen Sprachwandels: Wir können sehen, wie der Status einer Sprache, die im Spätmittelalter in allen gesellschaftlichen Bereichen Geltung besaß, sich ab dem 15. Jahrhundert fundmental veränderte. Zuerst wurde sie im schriftlichen Gebrauch vom Hochdeutschen ersetzt, dann im mündlichen – bis sie nur noch auf Nischen des Privaten beschränkt war.
Wer spricht wann Platt?
Um herauszufinden, wie die gegenwärtige Sprachsituation aussieht, setzen wir vor allem auf Befragungen: Studienteilnehmende berichten uns, welche Sprachen sie im Laufe ihres Lebens gelernt haben und was sie mit ihnen verbinden. Um die zeitliche Entwicklung darzustellen, nutzen wir Methoden der historischen Linguistik und schriftliches Material wie Bücher, Urkunden oder private Korrespondenz aus verschiedenen Jahrhunderten. So können wir zeigen, wann und wo welche Form des Niederdeutschen genutzt wurde. Die Sprache war und ist nämlich nicht nur in Norddeutschland verbreitet, sondern im gesamten Einflussgebiet der ehemaligen Hanse, rund um die Ostsee sowie bis nach England und in die Niederlande.
Ein Zugang für unsere Forschung ist der soziolinguistische Ansatz, also die Frage: Wer spricht bzw. sprach Plattdeutsch? Unsere Ergebnisse beschreiben, wie sich das Hochdeutsche gegenüber dem Niederdeutschen in den verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen durchgesetzt hat. Vom 17. Jahrhundert an wurde das Plattdeutsche regelrecht stigmatisiert: Wer etwas auf sich hielt, sprach Hochdeutsch. Aber seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sehen wir eine zunehmend positive Bewertung – auch als Reaktion auf den drohenden Sprachverlust.
Ein weiterer Ansatz unserer Arbeit ist die Erforschung der sprachlichen Variation und ihrer Ursachen. Uns interessiert, wie genau sich das Plattdeutsche zwischen Regionen, aber auch innerhalb einzelner Gebiete unterscheidet. Wichtig ist natürlich auch der Einfluss anderer Sprachen, besonders der enge Austausch mit dem Hochdeutschen.
Digitale Plattformen für Forschung und Lehre
Im Zentrum meiner aktuellen Projekte steht besonders das Mittelniederdeutsche – eine Vorform des Plattdeutschen, die im Mittelalter sehr weit verbreitet war. Gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen aus Hamburg, Rostock, Frankfurt/Main und Trier baue ich zum Beispiel eine Datenbank auf, die alle mittelalterlichen Wortbildungsmuster sowohl des Niederdeutschen als auch des Hochdeutschen enthält. Und im Januar 2026 startet ein neues Langzeitprojekt, in dem wir eine innovative digitale Plattform erarbeiten, die eine umfassende Grammatik des Mittelniederdeutschen zur Verfügung stellen und sprachliche Unterschiede systematisch einbeziehen wird. Dadurch können wir die Sprache in ihren vielfältigen Ausformungen abbilden. Solche Datenbanken sind wichtige Werkzeuge für die linguistische Forschung und Lehre.
Eine Frage, der ich persönlich gerne noch nachgehen möchte, betrifft unsere schöne Hansestadt: Nachdem ich bisher eher punktuell zum Niederdeutschen in Hamburg geforscht habe, möchte ich meine Arbeit gerne ausweiten und eine Sprachgeschichte der Stadt erstellen.
Zur Person
Prof. Dr. Ingrid Schröder forschte bereits von 1988 bis 1999 im Projekt „Mittelniederdeutsches Wörterbuch“ an der Universität Hamburg. Von 2002 bis 2025 war sie Professorin für Niederdeutsch und Linguistik des Deutschen, seit 2025 ist sie Seniorprofessorin. 1992 wurde sie als erste Preisträgerin mit dem Agathe-Lasch-Preis des Senats der Freien und Hansestadt Hamburg ausgezeichnet. Ihr liebstes plattdeutsches Wort ist „plietsch“ (schlau, pfiffig, geschickt).

