Warum verlieren manche Bäume ihre toten Blätter nicht?Wie man Überbleibsel an Buchen und Eichen erklärt
4. März 2026, von Lautenschläger/Red.

Foto: UHH/Esfandiari
Viele haben es sicherlich schon einmal gesehen: Da geht man im Winter durch einen kahlen Laubwald, und plötzlich steht da ein Baum, an dem die braunen Blätter noch hängen. Das botanische Phänomen dahinter heißt Marzeszenz: Abgestorbene Pflanzenteile wie Blätter oder Blüten fallen nicht sofort ab, sondern verbleiben den Winter über an der Pflanze. Besonders bei Buchen und Eichen kann man das sehr gut beobachten. Aber warum ist das eigentlich bei manchen Pflanzen so, und bei anderen nicht? Und was steckt dahinter?
Um das herauszufinden, sind wir mit dem Loki-Schmidt-Garten, dem Botanischen Garten der Universität Hamburg, aktuell an zwei internationalen Projekten beteiligt, die alle zusammen einen großen Datensatz erstellen. Das eine Projekt beschäftigt sich mit Marzeszenz bei Gehölzen, läuft unter der Leitung des Botanischen Gartens Missouri (USA) und umfasst 18 Botanische Gärten aus Europa, Asien und Nord-Amerika. Das Projekt zur Marzeszenz der Stauden geht von einer Initiative der Universität in Jena aus. Auch hier sind mehrere Gärten beteiligt. Die große Anzahl der Gärten verbessert nicht nur die statistische Auswertbarkeit, sondern ermöglicht es auch, das Phänomen über verschiedene Klimazonen hinaus zu beobachten.
Schutz vor Verbiss oder Frost- und Schneeschutz
Wir greifen hier in Hamburg auf den großen Bestand von mehr als 10.000 Pflanzenarten im Loki-Schmidt-Garten zurück. Je nach Studiendesign gibt es unterschiedliche Untersuchungsmethoden. So haben wir für ein Projekt alle Gehölze im Garten –Bäume, Sträucher und auch Kletterpflanzen – im Winter untersucht und geschaut, ob und wie viele Blätter sie im Januar noch tragen. Dafür wird auch ein Höhengradient definiert, also geschaut, in welcher Höhe der Pflanze vertrocknete Blätter hängen. Bei dem zweiten Projekt haben wir uns ca. 50 staudige Pflanzen angeschaut, das sind mehrjährige, krautige Pflanzen, deren oberirdische Teile im Winter absterben, und diese oberirdischen Teile von August und Januar miteinander verglichen.
Mit dem Wechsel der Jahreszeiten von Herbst zu Winter und den ersten Frösten fahren Pflanzen ihren Stoffwechsel herunter und werfen normalerweise ihre Blätter ab. Uns interessiert, warum einige Pflanzen dieses Phänomen zeigen und andere nicht. Gibt es hier Anpassungen? Bringt es Vorteile für die Pflanze? Oder ist es ein evolutionäres Überbleibsel? Verschiedene Hypothesen stehen hier im Raum, die auf mögliche Gründe hinweisen: Die vertrockneten, toten Anteile könnten der Pflanze Schutz vor Verbiss oder einen Frost- und Schneeschutz bieten. Es könnte sich aber auch um eine gezielte und verlangsamte Nährstoffrückführung handeln, also um eine Art Nährstoffdepot, welches in den trockenen Blättern schlummert.
Das Alter der Bäume macht einen Unterschied
Was wir bisher schon herausgefunden haben, ist, dass sich das Phänomen eher an kleinen, jungen Bäumen als an alten, großen Bäumen beobachten lässt. Ebenso sehen wir es eher im unteren Bereich der Bäume als in den Wipfeln. Je kälter und trockener das Klima dort ist, wo die Pflanze steht, desto mehr Marzeszenz konnte an den jeweils gleichen Arten beobachtet werden.
Die Daten des ersten Projekts zu den Gehölzen sind bereits analysiert und für eine internationale Publikation aufbereitet. Die anderen Daten werden gerade von einer Masterstudentin ausgewertet und in Zusammenhang zum Beispiel mit den Bodenwerten gesetzt. Bald werden wir beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gemeinsam dazu in die Diskussion gehen.
Was ich besonders faszinierend finde, ist, dass es das Phänomen sogar in die Märchenwelt geschafft hat. In „Der Teufel und die Eiche“ verspricht ein armer Knecht seine Seele dem Teufel, um Geld von diesem zu erhalten und so die Tochter eines reichen Nachbarn heiraten zu können. Die einzige Bedingung des Knechts: „Meine Seele bekommst du erst dann, wenn die Eiche, unter der wir hier sitzen, blattlos ist!“ Doch das welke Laub der Eiche fällt über den Winter nicht ab, und als im Frühling die letzten braunen Blätter vom Baum fallen, sind schon viele junge Blättchen an den Zweigen, so dass die Eiche nie kahl geworden ist.
Zur Person
Dr. habil. Thea Lautenschlägers Traum war es schon als Kind, im Regenwald bei indigenen Gruppen Nutzpflanzen zu erforschen. Nach dem Studium der Biologie hat sie sich auf zahlreichen Forschungsreisen in unterschiedlichsten Projekten verschiedenen Forschungsschwerpunkten wie Ethnobotanik, Biodiversität oder Bionik gewidmet. Als wissenschaftliche Leiterin des Botanischen Gartens der Universität Hamburg forscht sie weiterhin, schließt Kooperation mit internationalen Universitäten und Gärten und macht die spannenden Fähigkeiten und Nutzbarkeiten von Pflanzen in Öffentlichkeitsarbeit und Lehre sichtbar.

