Verlust von Arten„Angolas grünes Juwel verschwindet vor unseren Augen“
27. Januar 2026, von Claudia Sewig
Dr. Thea Lautenschläger, Wissenschaftliche Leitung des Botanischen Gartens der Universität Hamburg, und Dr. Manfred Finckh vom Institut für Pflanzenwissenschaften und Mikrobiologie weisen in einer jetzt in „Nature Ecology & Evolution“ veröffentlichten Studie auf einen dramatischen Verlust ganz besonderer Waldgebiete im südlichen Afrika hin.
Angola umfasst eine sehr große Vielfalt an Ökosystemen. Seit der Unabhängigkeit des Landes im Jahr 1975 ist die Bevölkerung von 6,5 auf 36 Millionen Menschen gewachsen, was zu einer Belastung der Umwelt führt und einzigartige Lebensräume wie die Große südafrikanische Randstufe bedroht. Diese bedeutende Landschaft ist erst seit kurzem als außergewöhnliches Zentrum für nur hier vorkommende Pflanzen- und Tierarten bekannt, und seine nördlichste Spitze, das Waldökosystem Serra do Pingano (SPFE) im Norden Angolas, das aus mehreren parallel verlaufenden, dicht bewaldeten Gebirgsketten (Serras) besteht, gilt als ihr grünes Juwel.
Dr. Thea Lautenschläger ist seit 2012 in der Provinz Uíge im Norden Angolas wissenschaftlich tätig, ursprünglich mit dem Ziel, gemeinsam mit der dortigen Universität Kimpa Vita einen Botanischen Garten aufzubauen. Dazu wurde 2024 auch eine Kooperation mit der Universität Hamburg vereinbart. Während der Hamburger Geoökologe Manfred Finckh mit seinem Team oft dreimal im Jahr nach Angola fährt und dort vor allem die offenen, in den Tälern gelegenen Graslandschaften und ihre Pflanzen erforscht, war für Thea Lautenschläger bisher das Hauptarbeitsgebiet die Ethnobotanik, also die Dokumentation traditionellen Wissens zur Pflanzennutzung.
Holzraubbau, Brandrodung, Ackerbau, Wilderei und Goldsuche
„Während der Jahre unserer Arbeit dort wurde klar, dass das Gebiet voller Pflanzen und anderer Organismen steckt, die für Angola noch nie beschrieben wurden. Gleichzeitig beobachteten wir mithilfe von Satellitendaten sowie durch eigene Feldreisen, wie diese Artenvielfalt bedroht ist durch massive und exponentiell steigende Zerstörung, vornehmlich durch Holzraubbau, Brandrodung, Ackerbau, Wilderei und zunehmend auch durch Goldsuche, ursächlich bedingt durch ein starkes Bevölkerungswachstum“, so Lautenschläger.
Die Bedeutung des Gebiets und sein Erhaltungswert seien den angolanischen Behörden bereits 2010 vor Augen geführt worden, schreiben die beiden Hamburger Forschenden jetzt mit sieben weiteren Autorinnen und Autoren in einer neu veröffentlichten Studie. Seitdem gebe es jedoch einen starken Rückgang der letzten verbliebenen Waldgebiete, so der Bericht: So habe die zentrale Serra do Pingano 43 Prozent und die SPFE insgesamt 21 Prozent ihrer ursprünglichen Waldfläche verloren, was einem Verlust von 526 Quadratkilometern Wald entspricht, wobei weitere Flächen stark degradiert seien. Darunter würden auch Tierarten wie etwa der Angolawürger (Laniarius brauni), eine stark gefährdete Vogelart, oder der erst 2017 beschriebene Angola-Zwerggalago (Galagoides kumbirensis), eine Primatenart, leiden. Mehrere in Wäldern vorkommende Amphibienarten warteten noch auf ihre formale Beschreibung und könnten aussterben, bevor sie wissenschaftlich beschrieben werden können, so ein weiteres Fazit der Studie. Eine kürzlich entdeckte Population des vom Aussterben bedrohten Afrikanischen Waldelefanten (Loxodonta cyclotis) in der Serra Vamba könnte ein ähnliches Schicksal ereilen. Für die Studie wurden Daten aus verschiedenen Forschungsarbeiten aus diesem Gebiet zusammengeführt und ausgewertet.
Genaue Grenzen des Schutzgebietes nicht bekannt
„Die Zeit läuft davon, und während die Welt den 50. Jahrestag der Unabhängigkeit Angolas feiert, für den das Land von der internationalen Gemeinschaft zu Recht dafür gelobt wird, dass es diesen holprigen Weg vom Chaos zur Stabilität erfolgreich gemeistert hat, wäre es ein starkes Symbol für diesen Kampf um Veränderung hin zu einer besseren Zukunft, wenn die Nation endlich die Reise (wieder) antreten würde, die vor mehr als einem Jahrzehnt begann, und Angolas nationales Erbe der biologischen Vielfalt und damit ein wichtiges gemeinsames Gut des Planeten bewahren würde, indem sie ernsthaftere Maßnahmen zum Schutz der biologischen Schätze ihres Landes ergreift“, heißt es in der Studie.
Gerade hat die angolanische Regierung allerdings in einer Mitteilung des Umweltministeriums bekanntgegeben, vorerst lediglich die Serra do Pingano und nicht das gesamte Gebiet unter Schutz zu stellen. Es fehlen zudem die genauen Angaben, wie der Schutzstatus hergestellt werden soll, und auch die genauen Grenzen des Schutzgebietes sind nicht bekannt. Thea Lautenschläger erklärt: „Ohne eine umgehende komplette Unterschutzstellung werden das Gebiet und damit all seine Reichtümer rasant degenerieren – und mit fehlendem Wald wird es zu Wasserverknappung kommen, von den fehlenden natürlichen Ressourcen zum täglichen Leben für die Landbevölkerung ganz zu schweigen.“






