Die Macht der Langeweile: Was treibt uns an?Serie Forschen und Verstehen
13. Mai 2026, von Wolff/Red.

Foto: privat
Die UHH ist wissenschaftliche Heimat von mehr als 6.200 Forschenden. Alle zwei Wochen geben wir in der Reihe „Forschen und Verstehen“ im Hamburger Abendblatt Einblick in ihre Arbeit. In dieser Ausgabe erklärt Prof. Dr. Wanja Wolff, wie sich der innere Schweinehund und Anstrengung auf unsere Leistung auswirken.
Ich bin begeisterter Hobbyausdauersportler und fand es schon immer spannend, warum es uns manchmal besser und manchmal schlechter gelingt, an langfristigen Zielen zu arbeiten. Wie schaffe ich es zum Beispiel, die nötige Energie aufzubringen, um beim Halbmarathon ein für mich gutes Ergebnis zu erzielen? Da reicht es nicht, sich einmal anzustrengen, sondern ich muss über längere Zeiträume hinweg die richtigen Dinge tun.
In meiner Forschung schaue ich mir an, wie Menschen Leistung im Sport und in anderen Lebensbereichen steuern – also warum wir dranbleiben oder aufhören. Vor allem möchte ich herausfinden, wie wir in diesen Situationen mit Alltagsempfindungen wie Langeweile, Anstrengung oder Erschöpfung umgehen und wie wir diese gezielt nutzen können. Dabei fasziniert mich vor allem das Dynamische: Leistung ist ja nicht einfach die Zeit, in der ich den Halbmarathon laufe. Vielmehr besteht sie aus der Summe vieler Entscheidungen zu Trainingszeit und -umfang, Tempo, Laufstil und so weiter.
Lieber kurz und intensiv oder länger und weniger intensiv?
Bei dem Versuch, eine Aufgabe möglichst gut zu lösen, können Gefühle wie Langeweile oder Anstrengung unsere Entscheidungen stark beeinflussen. Für uns sind das funktionale Signale: Sie informieren über das Kosten-Nutzen-Verhältnis aktueller Handlungen und beeinflussen, ob wir unsere Anstrengungsbereitschaft anpassen oder nach attraktiveren Alternativen suchen.
In unserem „Dynamics of Human Performance Regulation Lab“ kombinieren wir psychologische, neurowissenschaftliche und sportwissenschaftliche Methoden, um diese Prozesse der Leistungsregulation unter kontrollierten Laborbedingungen zu untersuchen. Aktuelle Projekte befassen sich zum Beispiel mit dem Zusammenspiel von Anstrengung und Leistung. Vereinfacht gesagt geht es darum, ob Menschen lieber kurz und intensiv oder länger und weniger intensiv Zeit und Energie investieren, um ein Ziel zu erreichen. Weitere Projekte untersuchen, ob Probandinnen und Probanden, wenn ihnen langweilig ist, bessere oder schlechtere Entscheidungen treffen. Das Besondere ist, dass wir mit einer hohen zeitlichen Auflösung arbeiten. Das heißt, wir messen in der konkreten Situation zahlreiche Parameter – etwa die Handkraft, kombiniert mit Hautleitfähigkeit und Schmerzstimulation, psychologischen Fragebögen und Blickverhalten – und können sie in Echtzeit zueinander in Beziehung setzen.
Langeweile wird als Steuerungssignal oft unterschätzt
Je genauer wir hinschauen, desto deutlicher wird, wie individuell die Entscheidungsfindung verläuft – und das Ergebnis wird mitunter auch direkt wieder geändert. Langeweile wird dabei als Steuerungssignal in ihrer Komplexität oft unterschätzt. Unsere Forschung zeigt, dass sie eine Barriere für sportliche Aktivität sein kann, sich ihr Verlauf während des Sports jedoch deutlich zwischen Personen unterscheidet. Während manche direkt nach Alternativen suchen, versuchen andere umso mehr, bei der Aufgabe zu bleiben. Das erfordert insbesondere während einfachen Aufgaben zusätzliche Anstrengung. In unseren Experimenten berichten Menschen durch diese zusätzliche Anstrengung von einer ähnlich starken Erschöpfung wie nach der Bewältigung einer anspruchsvollen Aufgabe.
Um dauerhaft erfolgreich an seinen Zielen zu arbeiten, erscheint es daher besonders wichtig, das eigene Training nicht nur nach Effizienzgesichtspunkten zu gestalten, also etwa im Keller auf dem Laufband zu rennen, da das am wenigsten Zeit kostet. Vielmehr sollte man einen Rahmen schaffen, in dem Langeweile eine möglichst geringe Rolle spielt, zum Beispiel durch das Training in der Gruppe, abwechslungsreiche Trainingseinheiten und -orte oder die gezielte Suche nach Trainingsformen, die Freude bringen.
Ein ähnliches Potenzial hat die Anstrengung. Trotz mehr als hundert Jahren Forschung zu dieser Empfindung gibt es immer noch viel darüber zu lernen, was Anstrengung genau ist und wie sie unser Verhalten beeinflusst. Ich bin mir sicher: Leistungsregulation ist eine so komplexe Frage, dass sie mich vermutlich mein gesamtes Forscherleben begleiten wird. Und ich bleibe dran!
Zur Person
Prof. Dr. Wanja Wolff ist seit 2024 Professor für Sportpsychologie an der Fakultät für Psychologie und Bewegungswissenschaft der Universität Hamburg. Er leitet dort das Dynamics of Human Performance Regulation Lab. Sein persönliches Trainingsgeheimnis für den Halbmarathon: Niemals die Donnerstagsrunde mit Nico ausfallen lassen.

