Historische BildungsforschungWie sind Comics in die Schulen gekommen?Titel, Thesen, Promotionen
26. Februar 2026, von Hofmann/Newsroom-Redaktion

Foto: privat
Comics als Bildungsmedien im Unterricht sind heutzutage keine Besonderheit. Doch das war nicht immer so: In den 1950er-Jahren hatten sie einen schlechten Ruf und ihre Verwendung im Unterricht war unvorstellbar. Wie Comics dennoch in die Schule gelangt sind, erforscht Anna Strunk an der Fakultät für Erziehungswissenschaft im Rahmen ihrer Promotion.
Worum geht es in Ihrer Arbeit?
Das Verwenden von Comics im Unterricht ist heute allgemein akzeptiert – das war es jedoch nicht immer so. Ich interessiere mich daher für die Frage: Wie ist es überhaupt dazu gekommen, dass Comics im Unterricht genutzt werden? Blickt man etwa auf die 1950er-Jahre, beobachtet man eine Phase sehr starker Ablehnung von Comics, die zuvor bereits in den USA auftrat. Das schlechte Image übertrug sich teilweise nach Deutschland.
Ein Grund für die starke Ablehnung war, dass man das Medium noch nicht richtig kannte, während gleichzeitig die Verkaufszahlen von Comics explodierten. Fast jedes Kind hat damals Comics gelesen. Einige Pädagoginnen, Pädagogen und Eltern hatten deshalb Angst, dass die vielen Bilder dazu führen, dass Kinder nicht mehr richtig lesen und schreiben lernen, dass Comics sie zu Gewalt anstiften oder sie keine „guten“ Bücher mehr lesen. Ähnliche Debatten kennen wir heute über Fernsehen und Social Media. In den 1950er-Jahren war es also unvorstellbar, dass Comics irgendwann mal in der Schule verwendet werden – trotzdem wurde genau das ab den späten 1960er-Jahren getan.
Dementsprechend habe ich untersucht, woher dieser Wandel im Meinungsbild unter Pädagoginnen und Pädagogen kam. Diese historische Diskursanalyse ist der Hauptteil meiner Arbeit. Darüber hinaus habe ich mir angeschaut, wie diese Diskurse in Rahmenrichtlinien und Bildungspläne der westdeutschen Bundesländer Einzug gefunden haben.
Welche Ergebnisse haben Sie erhalten?
Besonders hervorzuheben ist die Phase, die direkt an die „Anti-Comic-Debatte“ anschließt und in der eine Neubewertung von Comics stattfand, da eine ideologiekritische Analyse in den Fokus geriet. Das heißt konkret, dass Pädagoginnen und Pädagogen die Befürchtungen der 1950er-Jahre zum großen Teil verwarfen und Comics stattdessen eher als politische Gefahr ansahen. Sie waren der Meinung, dass Comics im Unterricht behandelt werden müssten, damit Kinder und Jugendliche über ihre Rolle im Leben und in der Gesellschaft aufgeklärt werden. Dazu gehörte auch, mehr über die Produktion von Comics sowie ihre Produzentinnen und Produzenten zu lernen. Man legte Wert darauf zu vermitteln, dass hinter der Comicproduktion eine Industrie steht, die vor allem an Gewinnen aus Comicverkäufen interessiert war.
Gleichzeitig lassen sich in dem Zeitraum auch viele positive Stimmen zu Comics als Unterrichtsmittel finden. Zum Beispiel wurde hervorgehoben, dass Lehrkräfte Comics nutzen könnten, um die Motivation von Schüler:innen zu steigern, den Unterricht zu demokratisieren oder beim Lesen- und Sprachelernen zu helfen. Es gab viele Vorschläge, um Comics im Unterricht zu nutzen.
Es gab also keine grundsätzliche Ablehnung mehr?
Comics wurden nicht plötzlich allgemein positiv betrachtet, stattdessen wurde die Notwendigkeit anerkannt, dass Schüler:innen sich im Unterricht mit Literatur auseinandersetzen sollten, mit der sie sich auch in ihrer Freizeit beschäftigten. Das war neu: Davor waren viele Pädagoginnen und Pädagogen der Überzeugung, dass Schüler:innen sich im Unterricht ausschließlich mit „Hochkultur“ oder „klassischer“ Literatur beschäftigen sollten. Dass die Lebenswelt der Schüler:innen als Ausgangspunkt gewählt wird, war eine neue Herangehensweise.
Sie untersuchen Comics als Bildungsmedien der 1960er- bis 1980er-Jahre. Welche Erkenntnisse Ihrer Forschung finden sich in der Gegenwart wieder?
Comics sind in Schulen mittlerweile ziemlich akzeptiert. Gesamtgesellschaftlich trifft das jedoch nicht immer zu. Es gibt auch heute immer wieder sehr kritische Aussagen über Comics und sie werden teilweise immer noch nicht als „richtige“ Literatur angesehen. Was sich in erster Linie verändert hat, ist die Ausgangslage: Damals war es ein brennendes Thema, weil Comics bei Kindern und Jugendlichen sehr beliebt waren. Heute ist es so, dass Kinder und Jugendliche eher weniger Comics lesen.
Dadurch geht man mit ganz anderen Comics an den Unterricht heran. Das sind meistens explizit Bildungs- und Informationscomics oder das, was man unter Graphic Novels versteht. Micky Mouse und Superman spielen inzwischen nicht mehr die größte Rolle. Allgemein lässt sich festhalten, dass in den Schulen und im Diskurs immer das Medium den meisten Raum einnimmt, das bei den Schüler:innen sehr aktuell ist, und heute sind das eher nicht mehr die Comics.
Das Interview ist Teil der Reihe „Junge Forschung“ der Fakultät für Erziehungswissenschaft. Eine Langfassung findet sich auf der Webseite der Fakultät.
Zur Person
Anna Strunk ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Arbeitsbereich „Allgemeine Erziehungswissenschaft und Historische Bildungsforschung“ der Fakultät für Erziehungswissenschaft. Aktuell arbeitet sie an ihrem Dissertationsvorhaben „Comics als Bildungsmedien in der Bundesrepublik Deutschland (1960er bis 1980er Jahre)“, für das sie den Julius-Klinkhardt-Preis zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses in der Historischen Bildungsforschung erhielt.
Promotionsthemen gesucht
Für das Format „Titel, Thesen, Promotionen“ sucht unsere Redaktion nach weiteren spannenden Promotionsthemen aus allen Fachrichtungen. Promovierende, die sich in der Planungsphase befinden, aktuell promovieren oder kurz vor dem Abschluss stehen, sind herzlich eingeladen, Kontakt aufzunehmen. Hinweise mit Themen an newsroom"AT"uni-hamburg.de.

