Willkommen an Bord„Ein Verständnis der Funktionsweise audiovisueller Medien ist so wichtig wie nie zuvor“Prof. Dr. Guido Kirsten verstärkt die Geisteswissenschaften
1. Oktober 2026, von Kirsten/Red.

Foto: Flo Maak
Jedes Jahr kommen zahlreiche neue Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an die Universität Hamburg. In dieser Reihe stellen wir sie und ihre Forschungsgebiete vor. Dieses Mal: Film- und Medienwissenschaftler Prof. Dr. Guido Kirsten.
Prof. Dr. Guido Kirsten ist zum Wintersemester 2026/27 von der Universität Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf nach Hamburg gekommen und hat an der Fakultät für Geisteswissenschaften eine Heisenberg-Professur für Medienwissenschaft angetreten.
Mein Forschungsgebiet in drei Sätzen:
Ich erforsche die Transformationen der Découpage (der szenischen Auflösung) in digitalen Medienproduktionen. Mit Methoden der Production Studies untersuche ich dabei den Wandel der Découpage und der daraus resultierenden ästhetischen und produktionslogischen Folgen durch die zunehmende Digitalisierung von Produktionsprozessen. Die Découpage, so eine meiner Hauptthesen, ist von doppelt entscheidender Bedeutung für Bewegtbildproduktionen: Nicht nur werden hier wichtige formale (narrative, affektive und ideologische) Entscheidungen getroffen, weil beispielsweise entschieden wird, wie nah wir den Figuren kommen – die szenische Auflösung ist auch eins der wichtigsten Instrumente, um Produktionsprozesse zu organisieren und zu strukturieren.
Und so erkläre ich meiner Familie, worum es da geht:
Bevor ein Film, eine Folge einer Serie oder eine Szene für einen Werbeclip oder ein Musikvideo gedreht wird, muss entschieden werden, aus welchen verschiedenen Blickwinkeln die Kamera die Szene aufnimmt. Dies geschieht, in dem sich die Regisseurin (oder der Regisseur) und die Kamerafrau (oder der Kameramann) gemeinsam über das Drehbuch beugen, um zu überlegen, wie sie diese Szene in einer Abfolge bewegter Bilder erzählen wollen. Mich interessiert nun, welche Veränderungen dieser Prozess gegenwärtig erfährt und welche möglichen Folgen diese Veränderungen haben.
Darum freue ich mich auf Hamburg – auf die Stadt und die Universität:
Ich freue mich auf die Arbeit am Institut für Medien und Kommunikation, wo ich engagierte und nette Kolleg:innen haben werde. Auch freue ich mich darauf, die Kolleg:innen aus der Fakultät kennenzulernen und mit ihnen Erfahrungen und Ideen auszutauschen. Hamburg ist eine interessante und vielseitige Stadt, die ich noch nicht gut kenne – da gibt es für mich viel zu entdecken. Die Universität Hamburg ist sehr forschungsstark und erneut Exzellenzuni geworden. Zugleich bin ich gespannt, wie die gegenwärtige finanzielle Krise gemeistert wird und wie sich die Sparpläne auswirken. Ich hoffe aber natürlich, dass nach einigen Strukturanpassungen der Sturm gut überstanden wird. Insgesamt blicke ich optimistisch in die nähere Zukunft und freue mich auf die Arbeit in Hamburg.
Das sind meine Pläne an der Uni Hamburg (in Bezug auf Transfer, Lehre o.Ä.):
Ich möchte meine Forschung zu Fragen der Découpage gern auch in den Unterricht und in den Wissenstransfer einbringen. Insbesondere meine Kontakte zu Film- und Medienschaffenden, die ich in meine Veranstaltungen einladen möchte, können dabei sehr hilfreich sein. Allgemein sind Filmvorführungen im Kino oder anderen Orten immer gute Gelegenheiten für Diskussionen über die Disziplin hinaus.
Darum sollten Studierende unbedingt meine Veranstaltungen besuchen:
In meinen Veranstaltungen greife ich aktuelle Forschungsfragen und Phänomene auf: Methoden und Themen der Production Studies, audiovisuelle Diskurse zu Klassenfragen und anderen sozialen Belangen, 360 Grad-Video etc. In meinen Lehrveranstaltungen können sich die Studierenden selbst einbringen und eigene Fragen und Herangehensweisen entwickeln. Für die Praxisnähe meiner Forschung werde ich den Seminarraum verlassen und Exkursionen zu Festivals und anderen Veranstaltungen anbieten.
Blick in die weite Welt: mit diesen internationalen Einrichtungen, Universitäten oder Institutionen arbeite ich zusammen:
Ich habe das Glück, an Universitäten in anderen europäischen Ländern studiert und gearbeitet zu haben: in Frankreich, der Schweiz, Schweden und Österreich. Darüber hinaus habe ich Kontakte zu Institutionen und Forschungsnetzwerken in vielen anderen Länder und zu Kolleg:innen etwa in den USA und Kanada, mit denen ich auch in Zukunft kooperieren möchte. So habe ich beispielsweise vor, eine größere Konferenz zum Thema der Découpage in Hamburg auszurichten. Auch das internationale Medienschaffen wird in meiner Forschung eine Rolle spielen.
Darum ist meine Forschung für die Gesellschaft wichtig:
Ein genaueres Verständnis der Funktionsweise audiovisueller Medien ist heute wahrscheinlich so wichtig wie nie zuvor. Wir erleben politische Kampagnen in sozialen Medien, die teilweise bewusst mit gezielter Desinformation und KI-generierten Bewegtbildern arbeiten. Zu verstehen, wie Filme, Serien und andere audiovisuellen Produkte hergestellt werden und was dabei hinter den Kulissen geschieht, kann aber nicht nur zu einer größeren Medienkompetenz, sondern auch zu einem tieferen ästhetischen Verständnis beitragen. Letztlich geht es dabei immer darum zu erkennen, dass es sich bei ästhetischen Formen um kontingente Gebilde handelt, die auch ganz anders aussehen könnten. In der Differenz der spezifischen Form zu ihren vielfältigen virtuellen und latenten Alternativen steckt die je besondere Bedeutung.

