Forschen und VerstehenWie grüner Strom und Wüstenbildung in Afrika zusammenhängen
18. August 2026, von Jürgens/Red.

Foto: privat
Die UHH ist wissenschaftliche Heimat von mehr als 6.200 Forschenden. Alle zwei Wochen geben wir in der Reihe „Forschen und Verstehen“ im Hamburger Abendblatt Einblick in ihre Arbeit. In dieser Folge erklärt Prof. Dr. Norbert Jürgens, welche Gefahren der Import von Ökostrom aus Afrika für eines der wertvollsten Ökosysteme der Erde birgt.
In den 1930er-Jahren verwüsteten in den USA Dürren und Staubstürme riesige Flächen Farmland im Mittleren Westen. Die sogenannte „Dust Bowl“ zerstörte zahllose Existenzen und löste die Weltwirtschaftskrise mit aus. Eine ähnliche klimatische Entwicklung durchläuft derzeit das südafrikanische Richtersveld: ein Gebiet am Rande der Namib-Wüste, das mit 10.000 Quadratkilometern etwa halb so groß ist wie Hessen.
Auf den ersten Blick wirkt die Gegend trocken und karg. Doch nach mehr als 40 Jahren, die ich als Biologe dort forsche, weiß ich, dass diese Region am Unterlauf des Oranje-Flusses ein globaler Hotspot der Blütenpflanzen ist. Die Evolution wasserspeichernder sukkulenter Pflanzen hat dort eine verblüffende Artenvielfalt geschaffen. Erstaunliche 1000 endemische Pflanzenarten wachsen dort, Pflanzen also, die es nur dort und nirgendwo sonst auf der Erde gibt. Zum Vergleich: In Deutschland gibt es weniger als 50 endemische Arten, darunter der Schierlings-Wasserfenchel, den Hamburger aus Diskussionen um die Hafenentwicklung kennen.
Die schleichende Verarmung der Pflanzenwelt begann bereits vor Jahrzehnten
In dieser artenreichsten Halbwüste der Erde findet nahezu unbemerkt eine Wüstenausbreitung in einem nie zuvor beobachteten Ausmaß statt. Seit ich als Diplomand im Jahr 1980 zum ersten Mal dort war, habe ich immer wieder alle Pflanzen auf permanent markierten Monitoringflächen kartiert. Ich habe Satellitenbilder und historische Fotos ausgewertet, die ich in Archiven und bei Privatleuten aufgespürt habe. Einige dieser Bilder habe ich am ursprünglichen Aufnahmeort exakt nachgestellt. Und alle diese Methoden zeigen dieselbe, besorgniserregende Entwicklung: Sowohl die Zahl der vorhandenen Arten als auch die Biomasse der schützenden Pflanzendecke nimmt ab.
Zunächst dachte ich noch, dass die Vegetation zwar schwanken, aber nach einer Weile immer wieder zu ihrem Ausgangszustand zurückfinden würde. Doch inzwischen weiß ich, dass die schleichende Verarmung der Pflanzenwelt bereits vor Jahrzehnten begann. Sie geht auch heute, nach dem Ende der jüngsten, zehnjährigen Dürreperiode, weiter.
Der Artenschwund verläuft dabei in immer ähnlichen Schritten. Zuerst verliert ehemals dicht bewachsenes Land die ökologisch wichtigsten Arten: langlebige, wasserspeichernde Zwergsträucher, die den Boden bedecken. Anschließend ersetzen kurzlebige, salzliebende Arten diese für das Ökosystem entscheidenden Pflanzen. Diese Folgevegetation kann den Boden nicht vor Winderosion schützen: die fruchtbare Bodenoberfläche wird einfach weggeweht. Und zwar in einem Maßstab, der selbst aus dem All in Form von gigantischen Staubfahnen zu sehen ist. Zurück bleiben vegetationsfreie Flächen, die nach Regenfällen nur kurz wieder grünen. Der Wandel der Bodeneigenschaften wird zum Kipppunkt für den Wandel der Biodiversität.
Klimawandel und menschliches Handeln als Ursachen
Warum das so ist? Ganz klar spielt der Klimawandel mit höheren Temperaturen und Windgeschwindigkeiten und längeren Hitzephasen und Dürrephasen eine Rolle. Frustrierend ist aber auch, dass das Verhalten der Menschen vor Ort stark zum Vormarsch der Wüste beiträgt. Minengesellschaften schürfen nach Diamanten und lassen anschließend nackte Tagebaue offen zurück. Oft überweiden die Ziegen, Schafe und Rinder von Viehhaltern die Pflanzendecke.
Und: Für grünen Strom werden seit einigen Jahren immer mehr Energieprojekte geplant, auch in Nationalparks und Hotspots der Biodiversität. Windkraft-, Photovoltaik- und Wasserstoffanlagen benötigen aber eine großflächige Infrastruktur: Straßen, Pipelines, Kabel, Gebäude, Solarparks, Fundamente. Es wäre fatal, wenn wir Ökostrom aus Afrika importieren, dessen Produktion zur Schädigung eines der wertvollsten Ökosysteme der gesamten Erde beiträgt.
Die Entscheidung über die Landnutzung liegt natürlich in den Händen der Staaten im südlichen Afrika. Falls diese die Entwicklung von Industrie in Schutzgebieten zulassen wollen, sollten Politik und Wirtschaft der Abnehmerländer, meiner Meinung nach, helfen, den Naturschutz dort auf ein hohes Niveau zu bringen. Es liegt im beiderseitigen Interesse, dieses einmalige Gebiet für künftige Generationen zu erhalten.
Zur Person
Prof. Dr. Norbert Jürgens ist emeritierter Professor für Biodiversität der Pflanzen an der Universität Hamburg. Der Evolutionsbiologe und Ökologe war Direktor des Herbarium Hamburgense an der Universität und koordinierte große Projekte zur Bewältigung der Umweltprobleme und der Biodiversitätskrise in den Ländern des südlichen Afrikas.

