BiodiversitätWelchen Einfluss hat Einwanderung auf das Artensterben?Serie Forschen und Verstehen
22. Juli 2026, von Glaubrecht/Red.

Foto: UHH/Engels
Die UHH ist wissenschaftliche Heimat von mehr als 6.200 Forschenden. Alle zwei Wochen geben wir in der Reihe „Forschen und Verstehen“ im Hamburger Abendblatt Einblick in ihre Arbeit. In dieser Folge erklärt Prof. Dr. Matthias Glaubrecht, Professor für Biodiversität der Tiere, wie sich neue Arten auf unsere Ökosysteme auswirken.
Der Wolgazander ist nach aktuellen Angaben des Anglerverbandes Niedersachsen erstmals im Mittellandkanal nachgewiesen worden, von wo aus er auch in die nördliche Elbe fand. Wahrscheinlich wurde er als Besatzfisch von Anglern ausgesetzt. Doch ist das Aussetzen gebietsfremder Arten nicht verboten?
Tatsächlich gibt es auf europäischer Ebene eine sogenannte Unionsliste. In dieser benennt die EU gebietsfremde Tier- und Pflanzenarten, die mit ihrer Ausbreitung heimische Arten oder Ökosysteme beeinträchtigen und daher der biologischen Vielfalt schaden können. Sie regelt damit, welche Arten man nicht einführen, handeln, züchten und freisetzen darf. Von den rund 12.000 gebietsfremden Arten in Europa stehen aber nur etwas mehr als 100 Arten auf der Liste. Auch der Wolgazander wird hier nicht geführt, damit war sein Aussetzen nicht verboten.
Warum die Asiatische Hornisse die Umweltbehörde auf den Plan rief
Es gibt jedoch Arten, die auf der Liste stehen und bei denen die Hamburger Umweltbehörde bei Sichtungen aktiv wird. Im vergangenen Sommer war das etwa bei der Asiatischen Hornisse der Fall. Sie richtet wirtschaftlichen Schaden an, weil sie Bienen erbeutet. Hier hat man nicht nur unsere 556 Wildbienenarten im Blick, sondern vor allem die Honigbiene, weil sie für die Imkerwirtschaft und für die Bestäubung von Pflanzen wichtig ist. Die Pestizide, die wir in die Landschaft bringen, sind für die Honigbienen zwar eine viel größere Gefahr, aber weil man nicht alle Probleme gleichzeitig lösen kann, fängt man mit der Kontrolle der Asiatischen Hornisse an.
Viele Arten, die neu in Hamburg sind, sind aus Zuchtbetrieben entkommen. Der ursprünglich aus Ostasien stammende Marderhund ist in Ländern der ehemaligen Sowjetunion gezüchtet worden, dort aus Haltungen entkommen und hat sich, wie der ebenfalls für sein Fell gezüchtete Waschbär, bis zu uns ausgebreitet. Beide Arten fressen Eier, Amphibien, Insekten und Kleinsäuger, was lokale Populationen gefährden kann. Eine große Rolle spielen bei uns auch die Nutrias. Die Art aus Südamerika wurde ebenfalls in Pelzfarmen in Deutschland gezüchtet und gelangte durch Flucht oder gezielte Aussetzung in unsere Natur. Die Tiere unterhöhlen durch ihre Bauten Deiche, was ja besonders für unsere Region relevant ist.
Invasive Wasserpflanzen breiten sich durch Schifffahrt oder Vögel aus
Bei den Pflanzen macht sich besonders das Drüsige Springkraut breit, welches eigentlich vom indischen Subkontinent stammt und als Zierpflanze eingeführt wurde. Es wächst schnell und nimmt damit anderen Pflanzenarten Sonnenlicht und Nährstoffe. Doch Pflanzen können auch wirtschaftliche Schäden verursachen: Invasive Wasserpflanzen wie das Alligatorkraut breiten sich durch Schifffahrt oder Vögel aus und blockieren Be- und Entwässerungssysteme sowie Kraftwerkszuflüsse.
Neue Arten können auch der Gesundheit von Menschen, Tieren und Pflanzen schaden. Ein Beispiel dafür ist der eingeschleppte amerikanische Sumpfkrebs. Er überträgt Krankheiten, an denen er selbst nicht leidet, auf unsere europäischen Krebsarten. Und inzwischen findet auch die Asiatische Tigermücke, eine Überträgerin des Dengue-Fiebers, die über den Mittelmeerraum zu uns gelangt ist, hier ein Bruthabitat.
Verglichen mit den großen Problemen, die wir beim Erhalt der Biodiversität haben, sind invasive Arten jedoch unser geringstes Problem. Da steht der Habitatverlust an erster Stelle. Seit 800 Jahren lebt Hamburg vom Hafen. Daher versuchen wir, ihn wettbewerbsfähig zu halten, indem wir die Tideelbe ausbaggern. Doch das Ausbaggern verändert den Lebensraum –, und zwar so, dass wir unter anderem den Stint verlieren, eine typische Art für die Elbe. Sein Bestand und der vieler anderer Arten gehen nicht wegen einer neuen (Zander-)Art zurück, sondern wegen unserer massiven Eingriffe in die Lebensräume.
Eine extreme Rolle beim Artensterben spielt also vor allem eine eingewanderte Art – nämlich der Mensch. Wir sind, aus Afrika kommend, in Europa eingewandert, haben den Neandertaler beiseitegeschafft und auch das Mammut. Es hat also immer schon Einwanderung gegeben, im Prinzip ist es eine natürliche Entwicklung. Doch durch unser Tun ist jetzt zusätzlich auch noch die Biodiversität bedroht.
Zur Person
Matthias Glaubrecht ist Professor für Biodiversität der Tiere an der Universität Hamburg. Der Evolutionsbiologe war von 2014 bis 2021 Direktor des Centrums für Naturkunde (CeNak) in Hamburg und baut seit 2021 als wissenschaftlicher Projektleiter für das Leibniz-Institut zur Analyse des Biodiversitätswandels, in dem das CeNak aufgegangen ist, das „Evolutioneum“ als neues Naturkundemuseum in Hamburg auf.

