Serie Forschen und VerstehenWas macht eine gute Ehe aus?
6. August 2026, von Pauli/Red.

Foto: privat
Die UHH ist wissenschaftliche Heimat von mehr als 6.200 Forschenden. Alle zwei Wochen geben wir in der Reihe „Forschen und Verstehen“ im Hamburger Abendblatt Einblick in ihre Arbeit. In dieser Folge erklärt Prof. Dr. Julia Pauli, wie sich Ehe und Familie kulturell unterscheiden und was Gesellschaften voneinander lernen können.
Wir haben alle sehr genaue Vorstellungen davon, wie eine Familie aussieht und was eine gute Ehe ausmacht. Doch bei genauem Hinsehen stellt man schnell fest, dass diese Überzeugungen oft nur in bestimmten politischen, historischen, wirtschaftlichen und religiösen Zusammenhängen Sinn ergeben. Sie sind eine Variante von vielen und sehen in anderen kulturellen Zusammenhängen oft anders aus.
Genau diese Unterschiede interessierten mich als Sozial- und Kulturanthropologin. Ich beschäftige mich mit der Vielfalt von Verwandtschaft und Heirat. Seit mehr als 30 Jahren arbeite ich dazu in Mexiko und seit Anfang der 2000er-Jahre in Namibia. Ich möchte herausfinden, wie sich das Verständnis von Familie und die Bedeutung der Ehe über die Zeit verändern, welche Faktoren dafür eine Rolle spielen und was das für Auswirkungen auf die Gesellschaft hat. Dazu schaue ich mir Geburten- und Heiratszahlen an, aber vor allem nehme ich am Alltag von Menschen teil und höre ihnen zu.
Die teilnehmende Beobachtung am Alltag ermöglicht ein umfassenderes Verständnis
2003 bin ich mit meinem Mann und Kollegen Michael Schnegg und unserer damals einjährigen Tochter zum ersten Mal nach Namibia gereist. Wir haben anderthalb Jahre in einer ländlichen Region im Norden des Landes gelebt. Wir sind am Sonntag in die Kirche gegangen, haben an vielen Hochzeiten teilgenommen und uns eingebracht. Ähnlich ist es auch bei meiner Forschung in Mexiko: Ich lebe bei meinen Aufenthalten immer bei derselben Familie. Durch diese Nähe bekomme ich direkte Einblicke in den Alltag. Ich führe auch Interviews, aber Menschen lassen darin wichtige Dinge weg oder handeln doch anders, als sie es erzählen. Die teilnehmende Beobachtung am Alltag ermöglicht ein umfassenderes Verständnis von Lebensweisen.
Durch meine Forschung konnte ich zum Beispiel zeigen, dass sich Heirat in Namibia seit den 1970er-Jahren stark verändert hat. Hochzeit war vorher ein Prozess: Die Familien verhandelten oft über Jahre, wer was in die Verbindung gibt. Die Beziehung wurde so intensiviert. Man war also nicht einfach unverheiratet oder verheiratet, sondern konnte schrittweise immer mehr verheiratet sein.
Inzwischen hat sich das Verständnis durch die Globalisierung verändert. Vor allem wohlhabende Paare zeigen durch aufwendige Hochzeiten ihren sozialen Status. In den nun verbreiteten Hochzeitsfeiern werden westliche und nicht westliche Rituale kombiniert, sodass Hochzeiten sehr teuer geworden sind. Dadurch können sich aber große Teile der Bevölkerung eine Trauung nicht mehr leisten, obwohl sie Interesse hätten zu heiraten. Die Heiratszahlen sind ähnlich wie in Deutschland stark zurückgegangen.
Die Spannung zwischen individueller Freiheit und sozialer Verpflichtung und Verbundenheit
Diese einzelnen Beobachtungen sind Teil eines Gesamtbildes, der Anthropologe Thomas Hylland Eriksen spricht von „Large issues in small places“, also großen Themen an kleinen Orten. Wenn ich mir in einzelnen Familien und Gemeinschaften anschaue, wie sich Heirat, Ehe und Verwandtschaft verändern, sehe ich auch globale Prozesse. Ein sehr wichtiges Thema ist aktuell die Spannung zwischen individueller Freiheit und sozialer Verpflichtung und Verbundenheit. Durch globale Popkultur, etwa Netflix-Serien, Songs, Filme und Social Media, verbreiten sich bestimmte Vorstellungen davon, wie wir sein sollten – und dazu gehört eine starke Betonung von Individualität. Allerdings brauchen wir für ein erfülltes Leben auch andere Menschen. Wie gehen wir also mit dieser Herausforderung um?
Meine Forschungen in Mexiko und Namibia zeigen, dass die Basis für eine glückliche Beziehung und ein erfülltes Leben immer eine Balance dieses Spannungsverhältnisses ist. Ob es mir also gelingt, mich selbst zu verwirklichen und mich gleichzeitig auf den anderen oder die andere einzulassen, was immer auch Kompromisse bedeutet.
Das geht dann auch über die Ehe hinaus. In Namibia gibt es zum Beispiel berufstätige Frauen, die sich bewusst für das Leben in einer Gemeinschaft mit weiblichen Verwandten entscheiden, die sich gegenseitig unterstützen. Und in Mexiko gibt es das sogenannte Compadrazgo-System, das die Möglichkeit bietet, neue Verwandtschaften herzustellen. Sie sind selbst gewählt, aber als feste soziale Beziehungen auch institutionalisiert. Das heißt, sie gehen mit Rechten und Pflichten einher. Angesichts zunehmender Einsamkeit in unserer Gesellschaft sind das wichtige Impulse für drängende Fragen unserer Zeit.
Zur Person
Prof. Dr. Julia Pauli ist seit 2011 Professorin für Ethnologie am Fachbereich Kulturwissenschaften der Universität Hamburg und forscht als Sozial- und Kulturanthropologin vor allem in Lateinamerika und im südlichen Afrika. Sie kennt viele der an ihren Forschungen beteiligten Familien so lange, dass sie und ihr Mann Paten mehrerer Kinder sind.

