Agathe Lasch-Gastprofessur„Wir bekommen aus der Antike ein Feedback für die Moderne“
12. Januar 2026, von Christina Krätzig

Foto: CC1
Jedes Jahr lädt die Universität Hamburg im Rahmen des Agathe-Lasch-Gastwissenschaftlerinnenprogramms Forscherinnen zu einem maximal halbjährlichen Aufenthalt ein. Derzeit untersucht die Althistorikerin Loredana Cappelletti Quellen, die Aufschluss über die Rechtsstellung von Frauen in der Antike geben.
Der Legende nach wurde Rom am 21. April 753 v. Chr. quasi aus dem Nichts gegründet. In der Realität existierte die Stadt Rom jedoch schon vor der sagenhaften Kindheit ihrer offiziellen Gründer Romulus und Remus. Sie war eines von vielen politischen Gebilden auf der italienischen Halbinsel. „Griechen, Etrusker und Völker wie die Umbrer oder Samniten lebten bereits im heutigen Italien. Die Römer haben viel von ihnen übernommen“, erklärt die selbst aus Rom stammende Althistorikerin Loredana Cappelletti, die derzeit eine Gastprofessur an der Universität Hamburg innehat.

Cappelletti untersucht, wie der kulturelle Austausch im ersten Jahrtausend vor Christus vor sich ging und wie sich die Rechtsvorstellungen der verschiedenen Gesellschaften voneinander unterschieden. Insbesondere die Rolle der Frauen und ihre rechtliche Stellung stehen in ihrem Fokus. „Bei den in Nord- und Mittelitalien siedelnden Etruskern hatten Frauen beispielsweise deutlich mehr Rechte als bei den Römern. Sie trugen eigene Namen, während sich Frauennamen in der römischen Kultur einfach aus den Namen ihrer Familien ableiteten. Etruskische Grabmalereien zeigen Frauen oft in aktiven Rollen bei Spielen oder Banketten – sogar weintrinkend neben ihren Ehemännern. Sie konnten Vermögen verwalten, selbst entscheiden, wen sie heiraten wollten und waren teilweise an politischen Entscheidungen beteiligt“, sagt Cappelletti.
Einen Einblick in die Kultur der Etrusker geben beispielsweise die Überlieferungen, die das Leben von Tanaquil, Ehefrau des fünften römischen Königs Lucius Tarquinius Priscus beschreiben. Diese griff wiederholt in politische Geschehen ein und regelte fast im Alleingang die politische Nachfolge ihres Mannes. „Römische Frauen hingegen gehörten ins Haus. Sie hatten weniger rechtliche Selbständigkeit, waren meistens im Rahmen der Familie eingebunden und standen stärker unter der Kontrolle durch männliche Familienmitglieder“, fasst Cappelletti zusammen.
Ein Puzzle aus Grabinschriften und Wandmalereien
Bei der Beurteilung solcher Gegebenheiten müsse man jedoch vorsichtig sein, warnt sie, denn vollständige Gesetzestexte seien aus diesen Gesellschaften nicht überliefert. Stattdessen sind Forschende auf Textfragmente angewiesen, auf Grabinschriften oder auch bildliche Darstellungen wie beispielsweise Wandmalereien. Aus diesen lassen sich indirekte Rückschlüsse über die Rechtsnormen ziehen. „Insgesamt existieren rund 11.000 Textfragmente in etruskischer Sprache“, erklärt Cappelletti. Diese seien erfasst, aber noch nicht vollständig ausgewertet. Ihre Zeit in Hamburg widmet sie dieser Aufgabe – neben Lehrveranstaltung und der Organisation einer Fachtagung im Januar 2026 (siehe unten).
Neben der Stellung der Frauen interessiert sie sich besonders für das Mit- und Nebeneinander der verschiedenen Kulturen in der Frühzeit des Römischen Reichs. In den Städten und Dörfern lebten Angehörige verschiedener Gruppen auf engem Raum. Römer oder Römerinnen konnten etruskische Männer und Frauen heiraten. Wissen wurde weitergegeben. So waren die Etrusker begnadete Handwerker und hatten viel Erfahrung im Wasserbau. Ihre Städte verfügten über eine für ihre Zeit herausragende Infrastruktur mit Wasserleitungen, die zum Teil über Aquädukte führten, Kanalsystemen, Hafenanlagen und ausgeklügelten Entwässerungssystemen. Unter etruskischer Herrschaft entstand in Rom die Cloaca maxima, das bis heute existierende Abwassersystem, welches Schmutzwasser und das Wasser der häufigen Überschwemmungen aus der Stadt heraus leitet. „Die Römer profitierten von dem Wissen ihrer Vorgänger und haben es sich zu eigen gemacht. Mich interessiert, ob uns die vorhandenen antiken Quellen verraten, wie dieser Wissenstransfer und das friedliche Miteinander genau funktionierten“, sagt die Althistorikerin. Schließlich sei so eine solche friedliche Koexistenz nicht selbstverständlich – und könnte auch als Vorbild für moderne Zeiten dienen.
Fachtagung zum Thema an der Universität Hamburg
Prof. Dr. Loredana Cappelletti und Prof. Dr. Kaja Harter-Uibopuu von der Universität Hamburg laden am 22. und 23. Januar 2026 zur Tagung „Zwischen Norm und Lebenswirklichkeit — Zur Rechtsstellung und Handlungsmacht von Frauen in antiken Gesellschaften“ ein. Referentinnen aus Wien, Budapest, Heidelberg, Köln, Genf und Komotiní (Griechenland) gestalten das Programm. Die Teilnahme ist kostenfrei, um Anmeldung wird gebeten unter alte.geschichte@uni-hamburg.de.
Agathe-Lasch-Gastwissenschaftlerinnenprogramm
Agathe Lasch erhielt 1923 von der Universität Hamburg als erste Germanistin in Deutschland einen Professorentitel. Das nach ihr benannte, fakultätsübergreifende Förderprogramm soll Frauen in Bereichen stärken, in denen sie unterrepräsentiert sind. Für eine Gastprofessur in Frage kommen Professorinnen, habilitierte Wissenschaftlerinnen oder Wissenschaftlerinnen mit Habilitationsäquivalent (z. B. Juniorprofessorinnen, associate professors) aus dem In- und Ausland. Die Bewerbungsfrist für 2026 endet im April 2026.

