Serie, Teil 3: UHH-Gebäude in der Science City„Eine offene und kooperative Forschungskultur“
12. August 2026, von Claudia Sewig

Foto: UHH/Engels
Die Science City Hamburg Bahrenfeld ist der sich derzeit am schnellsten verändernde Wissenschaftsstandort Hamburgs. Dort Arbeitende stellen in loser Folge bereits bestehende oder geplante Forschungsbauten der Universität Hamburg vor – und was diese ausmacht. Heute: das Hamburg Fundamental Interactions Laboratory HAFUN, das Centre for Structural Systems Biology CSSB und das Hörsaalzentrum.
HAFUN – ein ganzes Gebäude als Teil eines Experimentes

Fundamentale Interaktionen – wenn ein Gebäude diese bereits in seinem Titel verspricht, darf man Großes erwarten. Auch wenn einige der Teilchen, mit denen sich die Forschung im „Hamburg Fundamental Interactions Laboratory“ künftig beschäftigen wird, winzig klein sind. Rund 200 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Exzellenzclusters „Quantum Universe“ sowie des Fachbereichs Physik und der MIN-Fakultät der Universität Hamburg werden in dem HAFUN genannten Neubau, für den im Januar 2026 der Spatenstich erfolgte, mithilfe modernster Infrastruktur grundlegende Fragen der Teilchenphysik und Kosmologie untersuchen.
Einer von ihnen ist Prof. Dr. Dieter Horns. Der Professor für Astroteilchenphysik ist Direktor des Instituts für Experimentalphysik (IEXP). Mit seiner Arbeitsgruppe beschäftigt er sich zum einen mit den hohen Energien, die in unserem Universum in Objekten in der Nähe von schwarzen Löchern erzeugt werden. Und zum anderen mit der Suche nach dunkler Materie – hypothetischer, unsichtbarer Form von Materie, die nicht mit Licht wechselwirkt, sich aber durch ihre Schwerkraft bemerkbar macht. „Die beiden Themen ergänzen sich wunderbar, denn man kann nach den Teilchen, die wir als dunkle Materie vermuten, sowohl mit Beobachtung des Hochenergieuniversums suchen, aber auch im Experiment versuchen, sie selbst zu erzeugen“, sagt Horns.

Um den Himmel über Hamburg zu beobachten hat sein Team, das derzeit noch in Gebäude 68 in der Science City Hamburg Bahrenfeld (SCHB) arbeitet, bereits auf einigen der dortigen Dächer Detektoren aufgebaut. „Das wird alles mit HAFUN viel besser werden, weil wir dort auf dem Dach ein Teleskop unter einer Kuppel bekommen werden, die wir kontrolliert öffnen und schließen können. Dann müssen wir nachts nicht mehr auf irgendwelchen Dächern rumkrabbeln“, sagt Horns und lacht. Tagsüber könnten dann etwa auch Schulklassen das Observatorium auf dem begrünten Dach des neuen Gebäudes besuchen.
Nicht nur deshalb freut sich Horns auf den besonderen, 250 Millionen teuren Neubau, der vom Bund und der Freien und Hansestadt Hamburg finanziert wird. Es sind vor allem die Möglichkeiten, die die sieben Vollgeschosse mit insgesamt rund 19.000 Quadratmetern Bruttogrundfläche bieten. „Für mich ist sehr wichtig, dass wir nicht nur theoretisch forschen, sondern auch Experimente bauen. Im HAFUN-Gebäude wird das auf sehr besondere Weise möglich sein. Im Erdgeschoss wird es eine große Halle geben, 36 mal elf Meter Grundfläche, mit einer Höhe von neun Metern, die wir für unsere Aufbauten mitnutzen können“, sagt Prof. Horns.
Architektonisch wird eine helle, markante Fassade das Gebäude prägen. Ein transparentes Erdgeschoss ist als Schnittstelle zur Öffentlichkeit gedacht, während eine zentrale Wendeltreppe alle Ebenen bis zum Dach miteinander verknüpft. Viel Tageslicht und transparente Raumstrukturen sollen den Austausch, interdisziplinäre Zusammenarbeit und ein kommunikatives Arbeitsumfeld fördern. Auch darauf freut sich Prof. Horns: „HAFUN entsteht in direkter Nachbarschaft zu bestehenden Physikgebäuden der Universität Hamburg, des Deutschen Elektronen-Synchrotrons DESY und weiterer Forschungseinrichtungen. So rücken wir zum Beispiel auch nahe an unsere Kolleginnen und Kollegen des Centers for Hybrid Nanostructures (CHyN) heran, mit denen wir im Detektor-Entwicklungsbereich zusammenarbeiten.“
Die gesamte Forschungscommunity vor Ort und weltweit wird auch davon profitieren, dass das neue Forschungsgebäude mit seinen hochspezialisierten Laborflächen, Großgeräten und experimentellen Infrastrukturen durch den Einbau verschiedener Sensoren selbst zu einem riesigen Messinstrument wird. Die integrierten Gravity-Labore ermöglichen Präzisionsexperimente zur Gravitationswellenforschung und zur kosmischen Strahlung. In einem der Labore wird zum Beispiel ein neun Meter hohes Pendel auf einem luftgefederten Experimentiertisch installiert, das Forschenden neue und bessere Dimensionen ihrer physikalischen Untersuchungen eröffnet.
Der Baufortschritt für HAFUN lässt sich über eine Baustellenkamera beobachten.
CSSB – Ein einzigartiger Hub für die Struktur- und Infektionsbiologie in Hamburg

Das Centre for Structural Systems Biology ist die wissenschaftliche Heimat für etliche Forscherinnen und Forscher der Universität Hamburg in der Science City Hamburg Bahrenfeld, auch wenn der geradlinige Bau mit viel Glasfläche kein originäres UHH-Gebäude ist. Rund 200 Personen aus aktuell 39 Nationen sind in dem interdisziplinären, kurz CSSB genannten Zentrum tätig, das eine gemeinsame Initiative von vier Universitäten und sechs Forschungsinstituten in Norddeutschland ist. Egal, ob man der UHH oder der Universität zu Lübeck angehört, dem DESY oder dem EMBL, und egal, ob man hier als Arbeitsgruppenleitung, als Nachwuchswissenschaftler:in, als technische Assistenz oder im wissenschaftsunterstützenden Bereich tätig ist – die Mission ist für alle dieselbe: gemeinsam die molekularen Mechanismen von Infektionen zu erforschen. „Wenn wir die Struktur, Dynamik und Funktion von Krankheitserregern verstehen, dann können wir Ansatzpunkte für therapeutische Interventionen identifizieren“, erläutert Prof. Dr. Kay Grünewald. „Letztendlich lassen sich auf unsere spannende Grundlagenforschung aufbauend innovative medizinische Anwendungen entwickeln und diese wiederum tragen zur langfristigen Stärkung der öffentlichen Gesundheit bei.“

Der Arbeitsgruppenleiter am Institut für Biochemie und Molekularbiologie der Universität Hamburg und zugleich Leiter der Abteilung „Strukturelle Zellbiologie der Viren“ am Leibniz-Institut für Virologie wurde 2014 gemeinsam von beiden Institutionen ans CSSB berufen, kam dafür aus Oxford nach Hamburg und konnte das 2017 eröffnete Forschungszentrum so auch mitplanen. „Für unser Gebäude war das Konzept, neue komplementäre Technologien auf den Forschungscampus der Science City Hamburg Bahrenfeld zu holen, wie zum Beispiel die Kryo-Elektronentomographie“, sagt Grünewald. Bei dieser fortgeschrittenen Form der Elektronenmikroskopie werden die Zellen blitzartig eingefroren, sodass glasartiges Eis entsteht. Dadurch bleibt die räumliche Struktur aller Zellbestandteile bis ins atomare Detail erhalten. Dies wiederum ermöglicht es den Forscherinnen und Forschern, die makromolekularen Komplexe in ihrer funktionellen natürlichen Umgebung zu untersuchen.
Während die Arbeitsgruppe von Kay Grünewald hauptsächlich mit Viren arbeitet und sich häufig ins Untergeschoss des CSSB begibt, um unter den vier Meter hohen Kryo-Elektronenmikroskopen unter anderem Herpesviren, Adenoviren, Bunyaviren und Poxviren in den Interaktionen mit ihren Wirtszellen zu analysieren, haben andere Arbeitsgruppen, etwa jene von Prof. Dr. Tim Gilberger, der gemeinsam von der UHH und dem Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin berufen ist, den Schwerpunkt ihrer Forschung auf Parasiten gelegt.
Bakterien wiederum untersuchen neben anderen auch die Arbeitsgruppen von Prof. Dr. Caroline Barisch, die ihren Ruf von der UHH und dem Forschungszentrum Borstel erhalten hat, und von Prof. Dr. Michael Kolbe als gemeinsame Berufung von UHH und dem Helmholtz-Institut für Infektionsforschung.
„Das ist sicherlich nahezu einzigartig, innerhalb eines Gebäudes so viel unterschiedliche institutionelle wie individuelle Expertise bündeln zu können“, resümiert Kay Grünewald und unterstreicht das erfolgreiche Konzept des CSSB: „Die offene und kooperative Forschungskultur, die wir hier alle gemeinsam entwickelt haben und täglich leben, ist schon etwas ganz Besonderes.“ „Fighting infection together“ ist daher keine Phrase, sondern die Motivation der CSSBler. Man diskutiert, experimentiert und publiziert gemeinsam, geht infektionsbiologische Herausforderungen gemeinsam an und feiert seine Erfolge gemeinsam – so wie im kommenden Jahr das 10-jährige Bestehen des CSSB.
Hörsaalzentrum – Das erste Gebäude in den Quartieren am Volkspark

Noch erstreckt sich entlang der Luruper Chaussee, genau gegenüber dem Eingang zum bestehenden Forschungscampus in der Science City Hamburg Bahrenfeld, das Gelände der Trabrennbahn. Hier entstehen in naher Zukunft die Quartiere am Volkspark, die Forschung, Lehre, Lernen und Studium mit einem neuen Wohnquartier verweben sollen. Für das erste Gebäude, das hier gebaut werden wird, wurde unlängst der Architekturwettbewerb entschieden: Das neue Hörsaalzentrum der Universität Hamburg erhielt damit sein Gesicht.
Gemeinsam mit dem ebenfalls in Planung befindlichen Learning Center, das auf der Campusseite der Luruper Chaussee entstehen wird, wird das Hörsaalzentrum das Herz der zukünftigen Lern- und Lehrinfrastruktur für rund 5.500 Studierende in der Science City Hamburg Bahrenfeld werden. In dem ruhig gegliederten Gebäude mit dem großzügigen, einladenden Foyer werden moderne Lehrräume, kommunikative und flexible Arbeitsplätze und Treffpunkte sowie eine Mensa und ein Café untergebracht werden. Es wird die Campusachse über die Luruper Chaussee hinaus verlängern und gleichzeitig die Universität Hamburg an der markanten Straße sichtbar machen.

Jan de Wolff, Teamleitung Standortentwicklung Science City Hamburg Bahrenfeld und stellvertretende Referatsleitung Campusentwicklung an der Uni, ist unter anderem auch mit der Planung des Hörsaalzentrums befasst. „Als Architekt kümmern mein Team und ich uns darum, gemeinsam mit den Nutzern optimale Rahmenbedingungen für Studium, Lehre und Innovationen herzustellen. 2019 haben wir mit Studierenden, Lehrenden, Beschäftigten und Partnern Lernwelten-Konzepte erarbeitet, als Grundlage für die Lehr- und Lerninfrastruktur. Darauf bauten sich dann die Planungen für das Hörsaalzentrum und das Learning Center auf.“
Was wird die Studierenden konkret im Hörsaalzentrum erwarten? Ein großer Hörsaal mit 700 Plätzen, der außerhalb der Vorlesungen gemeinsam mit dem Foyer als Veranstaltungsraum genutzt werden kann. Multifunktionale, flexibel zu gestaltende Theoriehörsäle und Seminarräume, die durch Zusammenschaltbarkeit und direkt angrenzende Lagerräume eine hohe Flexibilität aufweisen werden. Ein Café mit Loungebereich, eine Mensa mit mehr als 400 Sitzplätzen, eine Fahrradgarage für 300 Fahrräder und Stellplätzen für Lastenräder sowie ein begrüntes Dach mit Photovoltaik, das das nachhaltige Gebäudekonzept unterstützt.
Jan de Wolff freut sich, dass mit dem Hörsaalzentrum und dem Learning Center zwei so wichtige Gebäude für die Universität Hamburg jetzt so zeitnah angegangen werden: „So entwickeln wir den bestehenden Forschungscampus gemeinsam mit der Quartiersentwicklung in Richtung eines integrierten und nachhaltigen Wissenschaftsquartiers weiter, welches ein attraktives Umfeld für Forschende, Studierende und Mitarbeitende bietet und Innovation und Transfer fördert.“
Die Science City Hamburg Bahrenfeld
Direkt am Volkspark Altona gelegen, entsteht im Hamburger Westen auf 125 Hektar die Science City Hamburg Bahrenfeld. Bereits jetzt sind auf dem Forschungscampus neben der Universität Hamburg namhafte Einrichtungen wie das Deutsche Elektronen-Synchrotron (DESY), die European X-Ray Free-Electron Laser GmbH, das Max-Planck-Institut für Struktur und Dynamik der Materie oder das European Molecular Biology Laboratory vertreten. Zudem sind zwei der vier Exzellenzcluster der Universität hier ansässig: „CUI: Advanced Imaging of Matter“ und „Quantum Universe“.
Und das Gebiet wächst weiter: Bis 2040 sollen Forschung, Ausbildung und Unternehmen durch lebendige Wohnquartiere, Sport-, Freizeit- und Einkaufsmöglichkeiten ergänzt werden. Ein Autobahndeckel über der A7 und die Verlegung der Hamburger Trabrennbahn sollen den Bau von rund 3.800 neuen Wohnungen und zwei Schulen ermöglichen.
Verantwortlich für die Entwicklung des Geländes ist die Science City Hamburg Bahrenfeld GmbH. Sie betreibt ein Infocenter, das neben Informationen für Besucherinnen und Besucher auch geführte Spaziergänge über das Gelände anbietet. Ohne Voranmeldung können interessierte Bürgerinnen und Bürger jeden Donnerstag um 18 Uhr an einem Rundgang teilnehmen. Die Führungen sind kostenlos; Startpunkt ist am Infocenter Science City, Albert-Einstein-Ring 8-10. Mehr Informationen finden sich auf der Homepage.

