Professorin Cordula Grewe kommt als Agathe-Lasch-Gastwissenschaftlerin ans Kunstgeschichtliche Seminar der Hamburger Universität
12. Februar 2026, von Stabsstelle Chancengerechtigkeit

Foto: Cordula Grewe
Es ist uns eine große Freude, dieses Sommersemester Prof. Dr. Cordula Grewe von der Indiana University Bloomington als Agathe Lasch-Gastwissenschaftlerin begrüßen zu dürfen. Mit Cordula Grewe bringt die von der Stabsstelle geförderte Gastprofessur eine der international führenden Wissenschaftlerinnen der europäischen Moderne nach Hamburg. Bekannt für ihre Arbeiten zur Romantik, religiösen Erweckung und „Papierkultur” des „langen“ 19. Jahrhunderts, hat Cordula Grewe intensiv über Wort-Bild-Beziehungen und visuelle Frömmigkeit, über Kunstkritik, Kunsttheorie und Ästhetik sowie die politische Funktion von Kunst publiziert. In den letzten Jahren hat Cordula Grewe ihre Forschung auf Fragen des 20. und 21. Jahrhunderts ausgedehnt; zu ihren Forschungsthemen gehören Überlegungen zu einer modernen Theo-Ästhetik (von Ingres bis Michael Triegel und der Leipziger Schule), zum Körper als Medium (von Lady Emma Hamilton bis Nicki Minaj) sowie zur Kunst im Dritten Reich und dessen kulturellem Erbe als Schwerpunkte. Die Arbeit an diesem prekären Erbe bildet nun auch den Rahmen für ihre Forschung in Hamburg – und zugleich das Thema ihres Seminars im Sommersemester 2026.
Cordula Grewes Erforschung der zwischen 1933 und 1945 produzierten Artefakte verfolgt als übergeordnetes Ziel den Entwurf eines differenzierten Interpretationsmodells, das nicht den kunstgeschichtlichen Dialog fördern soll, sondern auch über Rahmenbedingungen für eine Präsentation dieses problematischen Materials nachdenkt, insbesondere mit Blick auf kuratorische Strategien. Dies macht ein Nachdenken über das Nachleben und die anhaltende kulturelle Kraft nationalsozialistischer Kunst unabdingbar, wozu auch deren Aneignung in zeitgenössischen Medien gehört. Diese zeitgenössische Appropriation faschistischer Bildkultur steht im Zentrum von Cordula Grewes aktuellem Projekt über Antisemitismus und „Nazisploitation“ (der plakativen Wiederverwertung von Nazi-Bildmaterial) in der heutigen Populärkultur. Im Mittelpunkt steht dabei das animierte „lyrische“ Video zu dem 2014 Track „Only“ by Nicki Minaj, die bereits in Cordula Grewes vor Kurzem fertiggestelltem Buchmanuskript (under review), Performing Identity: Gender, Class, and Race from Lady Emma Hamilton to Nicki Minaj.
Das Video inszeniert Minaj als Galionsfigur eines namenlosen Totalitarismus: Flankiert von Drake, Lil Wayne und Chris Brown als hochrangigen Offiziere herrscht sie – als eine Art Junta-Dominatrix in hautengem schwarzem Leder-Catsuit – über eine schier endlos erscheinende Armee gesichtsloser Soldaten. Die Bildkomposition reduziert die Dargestellten zu archetypischen Figuren von Macht und Autorität, während die anonyme Masse eine totalitäre Mobilität jenseits individueller Subjektivität suggeriert. Die so entstehenden Bilder evozieren nicht nur die militärische Dominanz ihrer Protagonisten, sondern aktivieren auch ikonographische Erinnerungen an autokratische Herrschaftsformen bis hin zur Figur des „Führers“.
Formal bezieht die Animation ihre Kraft aus einem Neo-Noir-Vokabular, das an die Graphic Novels der 1980er Jahre und deren drastische Schwarz-Weiß-Rot-Ästhetik erinnert. Diese reduzierte Palette, die Frank Miller’s Sin City so populär machte, verstärkt die dystopische Lesbarkeit der Bilder. Zugleich arbeitet das Video explizit mit Motiven, die an SS-Ikonografie, nationalsozialistische Propaganda und das filmische Register Leni Riefenstahls anschließen. Die gestalterische Zuspitzung des Young-Money-Logos zur römischen Ziffer III erzeugt eine formale Nähe zum Symbol des Hakenkreuzes – eine Assoziation, die visuell ebenso eindrücklich wie historisch und emotional verstörend ist. Insgesamt wirkt „Only“ wie ein postmoderner Triumph des Willens, der zum Triumph des Strebens nach Macht, Dominanz und Kontrolle geworden ist. Wesentlich ist, dass die Provokation hier nicht nur ikonografisch stattfindet, sondern auch performativ: Rhetorik, Timing und Tonfall konstruieren eine Inszenierung, die – unabhängig von intentionalem Kalkül – alarmierende historische Resonanzen aktiviert.
Cordula Grewe nimmt diese Befunde auf und entwickelt in ihrem Text „From Harajuku Barbie to SS Action Heroine: Nicki Minaj’s Self-Fashioning“ das Modell einer emancipatory toxicity. Minajs Video wird zum analytischen Knotenpunkt, um Spannungsfelder heutiger Kulturproduktion an der Schnittstelle von Rasse, Macht und Repräsentation auszuloten. Es geht um Ambivalenzen: um die historisch komplexen, von Solidarität wie Spannungen geprägten Beziehungen zwischen schwarzen und jüdischen communities in den USA; um die Möglichkeit einer Gleichzeitigkeit von Selbstermächtigung und Ausgrenzung, von Selbstfindung und problematischer Symbolpolitik; und um die beunruhigende Renaissance von Nazisploitation in der Gegenwartspopkultur. Minaj selbst verkörpert solche Ambivalenz.
Als einflussreiche femcee hat sie die Sichtbarkeit, Handlungsfähigkeit und kreative Autonomie Schwarzer Frauen global erweitert. Gleichzeitig jedoch haben ihre über soziale Medien verbreiteten Verschwörungserzählungen – etwa zur COVID-19-Impfung – und ihre politische Nähe zu MAGA-Positionen ihr öffentliches Ansehen polarisiert und ihre Glaubwürdigkeit in weiten Kreisen unterminiert. Diese ambivalente Position verschärft die Deutung des 2014 freigeschalteten Videos: Ästhetische Provokation trifft auf reale politische Verwundbarkeiten und verschiebt die Wirkung von Repräsentation in den Bereich gesellschaftlicher Verantwortung. Die Kooperation mit Ye (ehemals Kanye West), dessen antisemitische Äußerungen breite Empörung hervorgerufen haben, verleiht der Bildpolitik von „Only“ weitere Brisanz. Vor dem Hintergrund eines wiedererstarkenden Antisemitismus in Teilen der Musikindustrie und des wachsenden Widerstands gegen Diversity- und Inklusionsinitiativen (DEI) wird deutlich: Emanzipatorische Gesten lassen sich nicht automatisch als fortschrittlich lesen, wenn sie zugleich Symboliken und Affekte reproduzieren, die Ausschluss fördern.
Cordula Grewes Konzept einer emancipatory toxicity bietet hier einen produktiven analytischen Rahmen: Es benennt jene Konstellation, in der Befreiungsrhetoriken und identitätspolitische Performances mit Ressentiment, Exklusion oder autoritären Bildpolitiken koexistieren. Die Aufgabe besteht nun darin, diese Koexistenz zu präzisieren und kunsttheoretisch zu durchdringen — und zwar ohne die politisch-ästhetischen Errungenschaften Schwarzer Popkultur zu trivialisieren, aber eben auch ohne historische Blindheiten zu dulden. Keine leichte Gratwanderung.
Der von Prof. Dr. Iris Wenderholm ausgerichtete Gastaufenthalt dient dabei nicht nur dem akademischen Wissenschaftsaustausch. Auf einer bereits 2025 durch ein Primary Partner Faculty Grant der Indiana University Bloomington (verliehen vom Office of the Vice President for International Affairs) geförderten Kollaboration aufbauend, zielt er vielmehr auf eine dauerhafte Zusammenarbeit der kunsthistorischen Institute der Indiana University Bloomington und der Universität Hamburg ab. Für Cordula Grewe ist es eine große Ehre, diese Arbeit unter der Schirmherrschaft von Agathe Lasch (1879–1942) fortzusetzen —Deutschlands erster Germanistikprofessorin und der ersten Frau, die von der Hamburgischen Universität auf eine Professur berufen wurde. 1942 von den Nazis ermordet, verkörpert Agathe Lasch bis heute ein Vorbild an Mut und intellektueller Rigorisität. Inspiriert von ihrem Vermächtnis, sieht sich Cordula Grewe dem Aufruf dieser akademischen Revolutionärin verpflichtet, dass es die Aufgabe der Wissenschaft sei, „veraltete […] Ansichten … einzureißen“.

