Sonnenfinsternis am 12. August 2026Wenn sich der Himmel verdunkelt
10. August 2026, von Brüggen/Red.

Foto: P. Horálek/ESO https://www.eso.org/public/germany/images/eso1822g/
Am Abend des 12. August 2026 schiebt sich der Mond vor die Sonne – und für einige Minuten wird es an einigen Orten Europas dunkel wie in der Dämmerung. Es ist die erste totale Sonnenfinsternis seit fast drei Jahrzehnten, die europäisches Festland streift, und ein Ereignis, das viele Millionen Menschen gemeinsam zum Himmel blicken lässt. Prof. Marcus Brüggen, der im Exzellenzcluster „Quantum Universe“ an der Universität Hamburg forscht, erklärt das Geschehen.
Herr Brüggen, was passiert bei einer Sonnenfinsternis genau?
Der Mond umkreist die Erde, und einmal im Monat steht er zwischen Erde und Sonne – Neumond. Meistens zieht er dabei knapp über- oder unterhalb der Sonne vorbei, denn seine Bahn ist gegenüber der Erdbahn um etwa fünf Grad geneigt. Nur wenn Erde, Sonne und Neumond exakt in einer Linie stehen, wirft der Mond seinen Schatten auf die Erde.
Wer im Kernschatten steht, erlebt eine totale Sonnenfinsternis: Für wenige Minuten verschwindet die gleißende Photosphäre der Sonne vollständig hinter der Mondscheibe, der Himmel verdunkelt sich, Sterne und Planeten werden sichtbar, und rund um den schwarzen Mond erscheint die sonst unsichtbare Korona – die äußere, Millionen Grad heiße Atmosphäre der Sonne – als schimmernder Strahlenkranz. Möglich wird dieses Schauspiel nur durch einen kosmischen Zufall: Die Sonne ist etwa 400-mal größer als der Mond, aber auch etwa 400-mal weiter entfernt. Beide erscheinen am Himmel deshalb nahezu gleich groß.
Kann man diese Sonnenfinsternis in Deutschland beobachten?
In diesem August liegt Deutschland nicht im Kernschatten. Je nach Standort verdeckt der Mond hierzulande zwischen etwa 85 Prozent der Sonnenscheibe, beispielsweise in Norddeutschland, und knapp 90 Prozent in Süddeutschland. Das ist beeindruckend, macht sich am Himmel aber überraschend wenig bemerkbar: Selbst bei 90 Prozent Bedeckung bleibt es hell, da schon ein schmaler Sichel-Rest der Sonne genug Licht liefert. Dennoch sollten sich alle, die beobachten möchten, eine geprüfte Sonnenfinsternisbrille besorgen – ein direkter Blick in die Sonne ist gefährlich für die Augen.
Wer die volle Dramatik der Totalität, den dunklen Himmel, die Korona, den Temperaturabfall erleben möchte, muss in einen schmalen Erdstreifen reisen, der über Grönland, den Westen Islands, den Norden Spaniens und die Balearen verläuft. In Städten wie Bilbao, Burgos oder Zaragoza dauert die totale Sonnenfinsternis gut zwei Minuten.
Was ist das Besondere an dieser Sonnenfinsternis?
Der Kernschatten des Mondes erreicht nach 1999 erstmalig wieder europäisches Festland – und über Spanien erstmalig seit 1905.
Zudem steht die Sonne während der Finsternis am späten Nachmittag bereits tief am Himmel – in Spanien nur wenige Grad über dem Horizont. Das wird dem Ereignis eine besondere Farbstimmung verleihen, macht die Beobachtung aber auch anspruchsvoll: Nur Orte mit wirklich freiem Blick nach Westen eignen sich.
Drittens fällt die Finsternis fast mit dem Höhepunkt der Perseiden-Sternschnuppen zusammen – ein doppeltes Himmelsschauspiel innerhalb weniger Tage.
Haben Sonnenfinsternisse eine Bedeutung in der Astronomie?
Durchaus. Da die Sonnenkorona nur während der Totalität mit bloßem Auge sichtbar wird, waren Finsternisse jahrhundertelang die einzige Möglichkeit, sie zu untersuchen. 1868 entdeckten Forschende im Spektrum der Korona eine bis dahin unbekannte Spektrallinie – sie stammte von einem neuen Element, das nach dem griechischen Sonnengott Helios „Helium“ getauft wurde, lange bevor man es auch auf der Erde nachweisen konnte.
Bei der Finsternis vom 29. Mai 1919 wurden Sterne nahe dem verfinsterten Sonnenrand fotografiert und nachgewiesen, dass ihr Licht durch die Schwerkraft der Sonne leicht abgelenkt wird. Es war der erste große experimentelle Beweis für Albert Einsteins gerade erst formulierte Allgemeine Relativitätstheorie, wodurch er schlagartig weltberühmt wurde.
Hat die Hamburger Sternwarte der Universität Hamburg nicht auch eine besondere Rolle bei der Erforschung von Sonnenfinsternissen gespielt?
Das stimmt. Bereits 1860 war der Astronom George Rümker an die spanische Ostküste bei Castellón gereist, um eine Finsternis zu beobachten – genau in der Region, über die auch 2026 wieder der Kernschatten ziehen wird. Und unter der Leitung ihres damaligen Direktors Richard Schorr reiste ein Team der Hamburger Sternwarte zur Sonnenfinsternis am 30. August 1905 nach Souk-Ahras im heutigen Algerien, um die Korona zu fotografieren. Die Forschenden wollten damals vor allem dem damals noch ungelösten „Koronium-Rätsel“ nachgehen – einem vermeintlich neuen chemischen Element, das sich später als hochionisiertes Eisen entpuppte.
Und wie ist das heute? Hat die Sonnenfinsternis für Sie als Wissenschaftler eine Bedeutung?
Auch heute liefern Finsternisse Astronominnen und Astronomen noch wertvolle Daten, etwa zur feinen Struktur der Korona oder zur Kalibrierung von Instrumenten, auch wenn moderne Koronografen und Weltraumteleskope die Sonnenkorona inzwischen jederzeit beobachten können.
Ich selbst beschäftige mich jedoch mit der Radioastronomie sehr weit entfernter Galaxienhaufen und mit Simulationen turbulenter, magnetisierter Plasmen – etwa des heißen, dünnen Gases zwischen den Galaxien in Galaxienhaufen. Beobachtungen mit Radioteleskopen wie LOFAR oder MeerKAT und aufwendige Simulationen auf Hochleistungsrechnern helfen zu verstehen, wie Magnetfelder und Turbulenz solche kosmischen Plasmen formen. Letztlich ist die Sonnenkorona ebenfalls ein magnetisiertes, turbulentes Plasma – nur eben tausendmal näher und millionenfach kleiner als die Strukturen, die ich sonst untersuche.

