Erstsemester liefern Daten für den GewässerschutzMüll zählen statt Formeln pauken
7. Mai 2026, von S. Otto, M. Eberhard

Foto: UHH/Otto
Rund 240 Erstsemester des Fachbereichs Biologie sammelten Müll an der Außenalster - 6.370 Artikel. So entstand eine Pilotstudie, die Lehre, Forschung und Umweltengagement verbindet.
Im Rahmen des Moduls „Data Science 1" bekamen rund 240 Erstsemester der Studiengänge „Biologie“ und „Marine Ökosystem- und Fischereiwissenschaften“ die Gelegenheit, zu erleben, wie eine wissenschaftliche Datenerhebung funktioniert – von der Planung über die Feldarbeit bis hin zur statistischen Auswertung.
Zwölf Gruppen, zwei Wochen, eine Mission
Über einen Zeitraum von zwei Wochen schwärmten im November 2025 zwölf Übungsgruppen mit ihren Übungsleitenden an die Außenalster sowie in die angrenzenden Gewässer vom Mundsburgkanal bis Kuhmühlenteich aus. Ausgestattet mit Handschuhen, Greifzangen, Müllsäcken und einem standardisierten Erhebungsbogen dokumentierten sie systematisch jeden einzelnen Müllartikel – vom Zigarettenfilter bis zur Plastikflasche. Standortkoordinaten wurden per Smartphone-App erfasst und jeder Fund fotografisch dokumentiert. Das Projekt war als Pilotstudie in Kooperation mit dem Projekt „Lebendige Alster“ (NABU/BUND Hamburg) konzipiert.
Erste Ergebnisse: Plastik dominiert
Insgesamt wurden 6.370 Müllartikel erfasst und kategorisiert. Die Auswertung liefert ein eindrückliches Bild: Plastik macht rund 67 Prozent des gesamten Mülls aus – ein Befund, der nun mit lokalen Daten belegt ist. Zigarettenfilter sind mit knapp 30 Prozent der mit Abstand häufigste Einzelartikel. „Ein Ergebnis, das die Diskussion über Aschenbecher an Aufenthaltsorten und Parkbänken befeuern dürfte", sagt Dr. Saskia Otto, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachbereich Biologie und Lehrende des Data Science Moduls. „Auf EU-Ebene wird derzeit aktiv über ein Verbot von Kunststofffiltern diskutiert; eine Überarbeitung der Einwegkunststoffrichtlinie sowie der Tabakproduktrichtlinie sind für 2026/2027 geplant. Lokale Daten wie diese könnten dabei helfen, den Handlungsbedarf zu untermauern."
Rund zwei Drittel aller gefundenen Artikel sind Einwegprodukte; ein Teil davon fällt unter die seit 2021 geltenden EU-Verbote für Einwegkunststoffe und wurde dennoch im Uferbereich gefunden. Und: Die Mülldichte variierte erheblich zwischen den Gebieten – um den Faktor 3,4 zwischen dem am wenigsten (im Südosten entlang der Kennedybrücke) und dem am stärksten im Nordosten der Alster, entlang der Straße Bellevue) belasteten Abschnitt. Rund 30 Prozent aller Fundorte lagen in sogenannten Problem-Hotspots – Bereichen mit überdurchschnittlich viel Müll und gleichzeitig wenigen Mülleimern in der Nähe. Im Kanalbereich war sogar jeder zweite Fund betroffen. Allerdings lässt sich daraus nicht einfach schlussfolgern, dass mehr Mülleimer das Problem lösen würden: Im Kanalbereich sammelt sich Müll vermutlich weniger durch aktives Wegwerfen als durch Windverdriftung und Wassereinträge in schwer zugänglichen Böschungen. Gezielte Reinigungsaktionen, wie sie das Projekt Lebendige Alster bereits durchführt, sind dort sinnvoller. In zugänglicheren Aufenthaltsbereichen der westlichen Außenalster könnte eine bessere Infrastruktur dagegen einen direkten Effekt haben.
Mehr als nur ein Lehrprojekt
Für die Studierenden war die Fallstudie weit mehr als eine Pflichtübung. Sie haben den kompletten Data-Science-Workflow erfahren: Daten erheben, digitalisieren, bereinigen, visualisieren und interpretieren – und das mit einem gesellschaftlich relevanten Thema. „Viele Studierende begegnen dem Modul Data Science zuerst mit viel Respekt und befürchten, mit Formeln und komplizierten mathematischen Begriffen überfordert zu werden“, berichtet Dr. Monika Eberhard, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachbereich Biologie und ebenfalls Lehrende des Data Science Moduls. „Dieses Projekt hat vielen nicht nur die Angst vor der Arbeit mit Datensätzen genommen, sondern zeigt den Studierenden, wie relevant Data Science für Biologie und Umweltschutz ist.“
Die vollständigen Ergebnisse sind jetzt als interaktiver Online-Bericht verfügbar und wurden dem Projekt „Lebendige Alster“ sowie der Hamburger Stadtreinigung zur Verfügung gestellt. Die Planungen für eine Wiederholung im kommenden Wintersemester laufen bereits.
Die Rohdaten wurden open access auf Zenodo veröffentlicht (englisch), der Ergebnisbericht ist unter diesem Link abrufbar.

