400 Jahre Reeperbahn„Das Milieu war immer höchst widersprüchlich“
27. April 2026, von Claudia Sewig

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Die wahrscheinlich bekannteste Straße Hamburgs feiert 400. Geburtstag. Im Interview erläutert Dr. Dirk Brietzke, Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Arbeitsstelle für Hamburgische Geschichte am Fachbereich Geschichte, die Historie der Reeperbahn – im Spannungsfeld zwischen Prostitution, weltberühmten Musikclubs und organisierter Kriminalität.
Die Reeperbahn ist weit über Hamburgs Grenzen hinaus als „sündigste Meile Deutschlands“ bekannt. Doch das war nicht von Anfang an so, oder?

Die Reeperbahn hat sich erst seit dem späten 18. Jahrhundert allmählich zu der Straße entwickelt, die wir heute kennen. Ihren Namen erhielt sie von einem Handwerk, das hier über Jahrhunderte ausgeübt wurde: Von 1626 bis zum ausgehenden 19. Jahrhundert hatten nördlich der heutigen Reeperbahn die Reepschläger ihre 400 Meter langen Bahnen, auf denen sie aus Hanf Schiffstaue herstellten – ein Produkt, für das es in der Hafen- und Handelsmetropole Hamburg eine große Nachfrage gab.
Vor 1626 gingen die Hamburger Reepschläger im Gebiet der späteren Neustadt ihrer Arbeit nach. Dann reichte der Platz für die Herstellung der immer größer werdenden Takelagen nicht mehr aus, und der Betrieb wurde vor die Tore der Stadt verlegt. Die Straße Drehbahn in der Nähe des Gänsemarkts erinnert noch heute an den ursprünglichen Standort.
Wann begann der Wandel der Reeperbahn hin zu Vergnügung und Unterhaltung?
Die Anfänge lassen sich bis ins frühe 19. Jahrhundert zurückverfolgen. Wenn man die Stadt damals in Richtung Westen durch das Millerntor verließ, gelangte man in die Vorstadt ‚Hamburger Berg‘, die seit 1833 offiziell den Namen St. Pauli trug. Gleich hinter der noch heute existierenden Millerntorwache lagen das Heiligengeistfeld und die Reeperbahn. Schon nach wenigen Schritte erreichte man den Spielbudenplatz, der viele Menschen anzog, die Vergnügungen und Unterhaltung suchten.
Vor pittoresken Bretterbuden standen Ausrufer, die neugierigen Passantinnen und Passanten lautstark Sensationen ankündigten. Wer sich in die Buden locken ließ, konnte dort volkstümliche Theaterspektakel, Guckkästen, Ausstellungen mit Kuriositäten aus aller Welt, Menagerien und vieles mehr bestaunen. In den angrenzenden Straßen waren berühmt-berüchtigte Tanzsäle mit angeschlossenem Bordellbetrieb zu finden, wie zum Beispiel das weithin bekannte Etablissement ‚Vier Löwen‘.
Warum siedelte sich die Prostitution in diesem Teil der Stadt an?
Die Nähe zum Hafen befeuerte den Amüsierbetrieb und die Prostitution; Hafenarbeiter und Matrosen der vor Anker liegenden Schiffe bevölkerten die Straßen. Viele Bewohnerinnen und Bewohner Hamburgs nahmen dieses Milieu schon im 19. Jahrhundert ambivalent wahr: Einerseits war man neugierig auf die fremdartige, lockende Welt volkstümlichen Vergnügens und fasziniert vom wilden, bunt schillernden und lärmenden Spektakel, andererseits bemühte man sich um Abgrenzung und pochte auf bürgerliche Moral. Als der Hafen seit den 1860er-Jahren expandierte, entstanden große Ballhäuser, Musik- und Bierhallen. St. Pauli wuchs zu dem Vergnügungs- und Rotlichtviertel heran, das wir heute kennen.
Wie passt es zusammen, dass sich einige der namhaftesten Musikclubs Hamburgs ebenfalls auf der Reeperbahn oder in ihrem direkten Umfeld befanden oder noch befinden?
Der schon bestehende Unterhaltungs- und Amüsierbetrieb in der Gegend um den Spielbudenplatz war eine gute Voraussetzung dafür, dass sich an der Reeperbahn und in der Umgebung auch Theater, Tanzsäle und schließlich Musikclubs ansiedelten. Eine der frühesten Gründungen war das ‚Urania Theater‘ im Jahr 1841. Es existiert noch heute unter dem Namen ‚St. Pauli-Theater‘ – der historische Zuschauerraum steht unter Denkmalschutz. In den 1920er-Jahren waren legendäre Lokale und Varietés wie das ‚Alkazar‘ oder das ‚Zillertal‘ weit über die Grenzen Hamburgs hinaus bekannt.
Heute ist das Reeperbahn-Festival Europas größtes Club-Festival
Insbesondere in den späten Fünfziger- und frühen Sechzigerjahren entstanden zahlreiche Clubs, die mit Live-Musik ein großes junges Publikum ansprachen. Schon 1959 wurde der ‚Kaiserkeller‘ an der Großen Freiheit gegründet, 1960 der ‚Top Ten Club‘ an der Reeperbahn 136 und das ‚Indra‘. Sie boten in den Anfangsjahren vor allem jungen Bands aus England Auftrittsmöglichkeiten.
Weltberühmt wurde der 1962 in einem ehemaligen Kino gegründete ‚Star-Club‘ an der Großen Freiheit. Hier starteten die Beatles im April 1962 ihre Weltkarriere. Auch viele bereits berühmte Musiker wie Ray Charles und Jimi Hendrix traten in dem international renommierten Club auf. 1968 wurde in einem ehemaligen Tanzsalon das ‚Grünspan‘ (heute: ‚Gruenspan‘) eröffnet, das zunächst vor allem als Diskothek diente, schon bald aber auch zu Hamburgs wichtigsten Live-Clubs gehörte.
Die Club-Landschaft der Sechziger- und Siebzigerjahre war Ausdruck einer neuen, international geprägten Jugendkultur und nicht zuletzt ein Signal der Rebellion gegen etablierte Formen der Musik und der Unterhaltung. Heute stehen Clubs wie ‚Bahnhof Pauli‘, ‚Docks‘, ‚Große Freiheit 36‘, ‚Gruenspan‘, ‚Indra‘, ‚Molotow‘ oder ‚Nochtspeicher‘ für eine höchst lebendige Szene. Das alljährlich stattfindende, international renommierte Reeperbahn-Festival ist Europas größtes Club-Festival.
Tourismus, Musical- und Theaterszene auf der einen Seite, Kriminalität, Drogenhandel und Waffenverbotszone auf der anderen: Wo ordnet sich die Reeperbahn in ihrer Bedeutung für Hamburg aktuell ein?
Ein Anlass zum nostalgisch verklärenden Rückblick ist das 400-jährige Reeperbahn-Jubiläum gewiss nicht. Das Milieu war immer höchst widersprüchlich: Einerseits war es eine besondere, vom Hafen geprägte urbane Lebenswelt und Ausdruck einer vielfältigen, oft innovativen Kultur der populären Unterhaltung, die Musik- und Theatergeschichte geschrieben hat. Und andererseits ein Brennpunkt der Gewalt, der organisierten Kriminalität und der Immobilienspekulation. Das ist bis heute so – auch, wenn jemand, der für eine Nacht zum Feiern hinkommt, vielleicht nur die positive Seite wahrnimmt. Aber ich glaube, alle Menschen, die dort leben, sind sich der Ambivalenz bewusst.
Wer die Reeperbahn in ihrer heutigen Vielfalt und Widersprüchlichkeit verstehen möchte, sollte sich auch mit ihrer Geschichte beschäftigen. In der Bibliothek der Arbeitsstelle für Hamburgische Geschichte haben wir eine umfangreiche Sammlung zur Geschichte von St. Pauli. Zusammengetragen hat sie über viele Jahrzehnte der Historiker und Literaturwissenschaftler Hans-Werner Engels, dessen wissenschaftlichen Nachlass wir vor einigen Jahren mit Unterstützung der Hamburger Stiftung für Wissenschaft und Kultur übernehmen konnten. Es handelt sich um die wohl größte Sammlung zum Thema. Sie enthält viele Darstellungen und historische Quellen, die in keiner anderen Bibliothek zu finden sind.
Zur Person
Dirk Brietzke ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Arbeitsstelle für Hamburgische Geschichte am Fachbereich Geschichte der Universität Hamburg. Er gibt seit 2000 gemeinsam mit Franklin Kopitzsch die „Hamburgische Biografie“ heraus, ein biografisches Lexikon zur Geschichte Hamburgs. Bislang liegen acht Bände mit 2375 Artikeln vor. Demnächst erscheint im Wallstein Verlag sein neues Buch „Poesie des Lebens und Ideenschmuggel der Freiheit. Karl Gutzkows Hamburger Jahre (1837–1842)“.

