Senior Lecturer für Sozialwissenschaften„Wir bräuchten mehr Aufmerksamkeit dafür, wie wichtig Wissenschaft für eine Gesellschaft ist“
7. Januar 2026, von Claudia Sewig

Foto: Tobias Koch
Als eine der ersten Senior Lecturer an der Universität Hamburg verstärkt Dr. Julia Reuschenbach seit dem 1. Dezember 2025 die Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Sie sieht gleich mehrere Privilegien in dieser Stelle – und es als Aufgabe der Wissenschaft an, in die Öffentlichkeit zu gehen.
„Der Begriff Senior Lecturer erklärt sich für die Allermeisten erst einmal nicht – auch wenn er fancy klingt“, sagt Reuschenbach und lacht. Mitten im aktuellen Wintersemester ist sie an die Universität Hamburg gekommen und direkt in die Lehre eingestiegen. Für das noch recht nackte Büro hat sie Mitte Dezember in der Mittagspause schnell zwei Topfpflanzen gekauft.
„Wenn ich also meine Position erkläre, dann etwa so, dass man das früher akademische Ratsstellen nannte. Es handelt sich also um Positionen unterhalb der Professur, aber mit dem Privileg der unbefristeten Anstellung und zugleich einem sehr hohen Lehrdeputat.“ Das Besondere als Senior Lecturer sei jedoch, dass man nicht, wie früher die Ratsstellen, einer besonderen Professur oder einer bestimmten Arbeitsstelle zugeordnet ist, sondern auf einer Zentralstruktur arbeitet, also für den Fachbereich. „Das ist ganz neu und für die meisten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ungewohnt – für mich auch noch“, erklärt die Politikwissenschaftlerin.
Zum 1. April 2025 sind an der Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften die ersten beiden Senior Lecturer eingestellt worden. Das Modell steht allen Fakultäten der Universität Hamburg zur Verfügung. Die Aufgaben der Senior Lecturer beinhalten vor allem die Lehre, daher auch der Begriff „Lecturer“. Hinzu kommen selbstständige Forschung sowie organisatorische Aufgaben. Es bleibt zudem die Möglichkeit bestehen, eine eigene Professur anzustreben. Das hat auch Julia Reuschenbach vor.
„Weltenbummlerin im Bildungskontext“
Nach ihrem Studium der Politikwissenschaft, Soziologie und Geschichte in Bonn und Berlin war sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin bereits in unterschiedlichen Forschungsbereichen beschäftigt, zuletzt als Postdoc am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft, Arbeitsstelle für Politische Soziologie der Bundesrepublik Deutschland an der Freien Universität Berlin. „Meine Themen sind vor allem Parteien und Wahlforschung, politische Kommunikation, und damit auch immer die Demokratie als solche. Mein zweites Standbein ist der politische Umgang mit Geschichte und die politische Bildung. Ich habe lange auch außerhalb der Universität gearbeitet, in der außerschulischen Bildungsarbeit. Ich bin dort ein wenig Weltenbummlerin gewesen, habe mich beschäftigt mit der Diktaturaufbereitung über Erinnerung in einer migrantischen Gesellschaft bis zur politischen Instrumentalisierung von Geschichte – zuletzt als Referentin im Leitungsbereich, zuvor als Bildnerin in der Arbeit etwa mit Schulklassen“, sagt Reuschenbach.
Das tauche jetzt auch alles in der Lehre auf, die sie an der Universität Hamburg anbiete – aber auf eine neue Art und Weise: „Ich bin nicht irgendeine Senior Lecturer für die Politikwissenschaft, sondern ich bin es für die Sozialwissenschaften und ich bin es vor allem für das Lehramt. Meine Studierende sind in erster Linie Lehramtsstudierende“, erklärt die Wissenschaftlerin. In ihren fünf Übungen für Studierende für Sachunterricht in der Grundschule geht es um Themen wie Gerechtigkeit, Ungleichheit, Klima, Grenzen und Migration. Fachlich anspruchsvoll, wie Julia Reuschenbach betont, aber immer mit dem Hintergrund, dass der Inhalt bei ganz kleinen Kindern landet.
„Ich habe früher schon in Bonn Fachdidaktik gelehrt und vertrete die These, dass jeder, der später einmal Geschichte oder Politik in der Schule unterrichten will, als erstes eine gute Politikwissenschaftlerin oder ein guter Historiker sein muss. Man muss ein Fach beherrschen, wenn man in der Lage sein will, dazu mit jungen Menschen zu arbeiten. Aber umgekehrt sehe ich es auch als unsere Aufgabe an, dass Lehramtsstudierende nicht erst im Referendariat merken, was das alles mit Schule zu tun hat. Sondern sie sollen sich schon früh immer wieder reflektieren und die Frage stellen, warum Themen wie Polarisierung oder Medienkonsum oder die Frage, welche Parteianhängerschaft welche Einstellungen hat, wichtig zu wissen ist, wenn sie einmal Lehrkraft sind“, so Reuschenbach.
„Viel zu wenig qualitative Parteienforschung“
Ein Privileg, dass sie in ihrer neuen Aufgabe sieht, sei unter anderem, dass ganz viele Gedanken zu ihrer Forschung aus der Lehre kämen, durch den Austausch mit den Studierenden und das Vorbereiten der Lehrveranstaltungen. „Aber das größte Privileg ist, dass ich forschen kann, ohne darüber nachdenken zu müssen, ob ich dadurch meine eigene Stelle finanzieren kann. Dass man an den Inhalten entlang denken kann, und nicht über Anträge, die die Stelle finanzieren. Das ist ein wahres Glück für mich. Insofern klingen 25 Prozent Forschung inklusive sonstiger Aufgaben, wie es in meinem Arbeitsvertrag steht, im Gegensatz zu 75 Prozent Lehre wenig, aber sie haben inhaltlich für mich ein ganz großes Plus.“
Ihr größtes Forschungsprojekt derzeit ist ein Projekt zur Strategiefähigkeit von Volksparteien. Reuschenbach: „Ich finde hochinteressant – und als Bürgerin auch hoch besorgniserregend –, was wir momentan im Parteienwettbewerb beobachten können. Wie sich Parteien gegenseitig das Leben schwer machen, wie es immer schwieriger wird, die Gesellschaft zusammenzuhalten. Dazu führe ich Interviews mit Akteuren in der CDU.“
Sie begeistert das Projekt auch deshalb, weil es in der Parteienforschung nach ihrem Empfinden viel zu wenig qualitative Forschung gibt. Das läge wahrscheinlich auch an dem großen Aufwand, den qualitative Forschung mache. Man müsse das Vertrauen der Menschen gewinnen, bevor sie bereit seien, mit einem über parteiinterne Dinge zu sprechen, so Reuschenbach. „Aber trotzdem denke ich, dass die aktuelle Lage diese Forschung erheblich bestärkt, wenn man etwa an die Rentendebatte denkt und an das Abstimmungsverhalten der Fraktionen.“
„Es gibt einen riesigen Bedarf an Einordnung, an Orientierung“
Mit ihren Themen ist sie eine in den Medien recht präsente Wissenschaftlerin. „Wir bräuchten auf der medialen Ebene viel mehr Aufmerksamkeit dafür, wie immens wichtig Wissenschaft für eine Gesellschaft ist“, ist sich Reuschenbach sicher. „Wir hatten das unter Corona, da wurde darüber gesprochen, was Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler den ganzen Tag zum Beispiel in Universitäten machen – und was das mit jedem einzelnen zu tun hat. Aber das ebbte dann auch wieder ab.“ Sie würde ganz klar die These vertreten, dass Wissenschaft rausgehen muss, in die Gesellschaft: „Sie darf sich nicht zu fein sein, die eigene Arbeit zu kommunizieren. Das hat viel mit den Entwicklungen der vergangenen Jahre zu tun, mit der aufkeimenden Wissenschaftsfeindlichkeit, mit dem Anzweifeln von Evidenzen, dem Hochjazzen von Umfragedaten. Da haben wir wirklich eine Verantwortung.“
Sie höre von vielen Kolleginnen und Kollegen in ihrem Fach, dass diese ungemein nachgefragt würden von den Medien: „Es gibt einen riesigen Bedarf an Einordnung, an Orientierung. Und ich glaube, dass wir einen Fehler machen würden, wenn wir uns dem nicht stellten.“ Noch vor einigen Jahren habe sie das quasi von allen Kolleginnen und Kollegen erwartet. Heute würde sie einsehen, dass sich die Wissenschaft dahingehend diversifizieren müsse. Reuschenbach: „Ich wünschte mir, dass wir es hinbekommen, diese Arbeit als gemeinschaftliche Arbeit zu sehen.“

