Teilnehmende gesuchtStudie zu Lernprozessen in der Jugend und den Folgen von Störungen
30. September 2026, von Anna Priebe

Foto: AdobeStock/JackF
Viele psychische Störungen haben ihren Ursprung im Jugendalter. Ein Team an der Fakultät für Psychologie und Bewegungswissenschaft der Universität Hamburg untersucht, welche Rolle dynamische Lernprozesse und ihr individueller Ablauf dabei spielen. Laura Langemeyer stellt im Interview die aktuelle Studie vor.
Oft müssen wir in Situationen schnell auf veränderte Gegebenheiten reagieren, also sehr schnell lernen, wie wir uns am besten verhalten. Können Sie kurz erklären, was bisher über diese Lernprozesse bekannt ist?
Entscheidend für den Lernprozess ist grundsätzlich der sogenannte Vorhersagefehler. Er beschreibt, dass die Realität eines Ereignisses anders ist, als wir es erwartet haben. Wenn also zum Beispiel eine Maschine doch anders funktioniert als beim letzten Gebrauch oder ein Mensch nicht so reagiert wie bei der Begegnung vor zwei Wochen. Daraus ziehen wir entsprechende Schlüsse und ändern unser Verhalten.
Es gibt aber verschiedene Arten, aus Ereignissen und unserer Umgebung zu lernen. Wir können entweder jedes Mal, wenn etwas Unerwartetes passiert, unser Verhalten gemäß des konkreten Vorhersagefehlers anpassen. Oder wir versuchen abzuschätzen, welche Veränderungen in der Umwelt bedeutsam sind und welche eher zufällig geschehen. Dann müssen wir unser Verhalten nur anpassen, wenn eine bedeutsame Änderung vorliegt. Zu genau dieser dynamischen Anpassung forschen wir.
Insbesondere geht es darum, warum diese dynamischen Lernprozesse bei manchen Menschen anders funktionieren. Was ist Ihre Annahme?
Die Annahme ist, dass Menschen sich darin unterscheiden, wie gut sie ihren Lernprozess dynamisch anpassen können. Dabei gehen wir davon aus, dass besonders starke Abweichungen mit psychischen Störungen bzw. psychischen Symptomen zusammenhängen. Dabei kann sowohl eine übermäßige als auch eine unzureichende Anpassung an Umweltveränderungen mit Risiken verbunden sein. Angstsymptome oder psychotische Symptome wären zwei Beispiele für Erkrankungen, bei denen gestörte Lernprozesse berichtet wurden.
Ihr Fokus liegt vor allem auf Kindern und Jugendlichen. Warum ist diese Gruppe so interessant?
Die Jugend ist eine Phase großer Veränderungen: Jugendliche lernen viel, werden unabhängiger und entwickeln neue Strategien im Umgang mit Stress und ihrer Umwelt. Diese Dynamik bietet viele Chancen, macht aber auch anfälliger für psychische Probleme. Die meisten psychischen Störungen entwickeln sich in dieser Altesspanne und bestehen leider oft bis ins Erwachsenenalter fort. Deshalb ist diese Phase besonders wichtig, um zu verstehen, wie psychische Probleme entstehen und wie man ihnen frühzeitig entgegenwirken kann.
Aktuell läuft eine Studie, für die Sie auch noch Probandinnen und Probanden suchen. Was ist hier das Ziel?
Wir suchen tatsächlich noch bis Ende des Jahres Jugendliche, die an unserer Studie teilnehmen. Bei einer Labormessung bearbeiten Teilnehmende bei uns Computeraufgaben, die den dynamischen Lernprozess abbilden. Man muss also auf Veränderungen reagieren und das Gelernte beim nächsten Durchlauf anwenden. Gleichzeitig messen wir mit nicht-invasiven Verfahren verschiedene Parameter wie Hirnströme, Herzfrequenz und die Pupillengröße als physiologische Maße.
Zusätzlich füllen die Teilnehmenden eine Reihe von Fragebögen aus. In der Auswertung können wir uns dann den Lernprozess auf Verhaltens- und neurophysiologischer Ebene anschauen und mit den psychologischen Maßen verbinden. So können wir untersuchen, wie Abweichungen in den Lernprozessen mit psychischen Symptomen zusammenhängen und welche schützende Rolle soziale Unterstützung dabei spielt. Ein wichtiger Teil der Studie sind dabei unsere Follow-up-Telefonate. Alle sechs Monate erfassen wir, wie es unseren Teilnehmenden geht und ob wir durch die im Labor gemessenen Lernprozesse ihr Wohlbefinden und Veränderungen von Symptomen vorhersagen können.
Was können Sie aus diesen Ergebnissen ableiten?
Wenn wir verstehen, wie psychische Störungen entstehen, können wir frühe Interventionen und Therapieansätze entwickeln. Prävention ist gerade in der Jugend sehr wichtig, um lange und häufig chronische Verläufe bei psychischen Erkrankungen zu verhindern. Bis es so weit ist, bedarf es aber noch weiterführender Forschung. Wir in unserem Projekt leisten dafür zum Beispiel durch die Verknüpfung mit dem sozialen Umfeld einen Beitrag.
An der Studie teilnehmen
Die Studie wird gemeinsam von den Arbeitsbereichen Klinische Psychologie und Neurowissenschaften sowie Klinische Psychologie und Psychotherapie durchgeführt. Aktuell werden noch Teilnehmende zwischen zwölf und 17 Jahren gesucht. Neben einer Labor-Messung und einem Interview sind auch Handy-Check-ins sowie anschließende Telefoninterviews vorgesehen. Teilnehmende erhalten für ihre Zeit eine Aufwandsentschädigung. Interessierte Jugendliche und ihre Eltern finden alle Informationen auf der Kontaktseite des Projektes.

