Forschen & VerstehenWarum es bei Inschriften nicht nur auf die Worte ankommt
30. September 2026, von Kaja Harter-Uibopuu/Red.

Foto: Sebastian Engels
Die UHH ist wissenschaftliche Heimat von mehr als 6.200 Forschenden. Alle zwei Wochen geben wir in der Reihe „Forschen & Verstehen“ im Hamburger Abendblatt Einblick in ihre Arbeit. In dieser Folge erklärt Prof. Dr. Kaja Harter-Uibopuu, was Inschriften über den bloßen Inhalt hinaus verraten können.
Wer einen antiken Stein mit einer griechischen oder lateinischen Inschrift sieht, möchte zunächst wissen, was dort geschrieben steht. Mir als Althistorikerin geht es nicht anders und ich beginne neugierig mit dem Lesen: Ich entziffere Buchstaben, ergänze Lücken, datiere und übersetze Texte und ordne sie historisch ein. Aber damit ist meine Arbeit noch lange nicht getan. Eine Inschrift ist mehr als ein Text. Sie ist ein von Menschen geschaffenes Objekt, das selbst eine Geschichte hat. Um sie zu verstehen, betrachte ich sie als das, was sie ursprünglich war: ein Monument, bei dem Text, Material und Aufstellungsort zusammengehörten.
Besonders anschaulich wird das bei meiner Arbeit in Milet, einer antiken Großstadt an der Westküste der heutigen Türkei. Dort nehme ich jedes Jahr im Gelände und in den Steindepots neue Inschriften auf und analysiere bereits bekannte Steine. Zunächst betrachte ich das Original sehr genau: Wie groß ist der Stein, wie ist seine Oberfläche erhalten, wie wurden die Buchstaben eingemeißelt? Ich vermesse und fotografiere ihn und fertige, wenn es möglich und sinnvoll ist, einen Abklatsch an – eine dreidimensionale Kopie der Oberfläche aus Spezialpapier. Bei der jüngsten Kampagne konnten wir diese traditionelle Methode mit einer digitalen verbinden. An einem kleinen Altar aus dem 2. Jh. v. Chr., den die Milesierin Artemonis nach einem Traum der Aphrodite geweiht hatte, erstellten wir erstmals im Rahmen unserer Arbeiten ein digitales 3D-Modell mittels Fotogrammetrie. So stehen Papier, Wasser und Bürste neben digitaler Technik. Die Methoden stammen aus unterschiedlichen Zeiten, helfen mir aber auf jeweils eigene Weise, die Inschrift als Text und als Monument zu untersuchen.
Mein besonderes Interesse gilt Inschriften mit rechtlichem Inhalt. In Milet und anderen griechischen Städten wurden Gesetze, Beschlüsse und Verträge öffentlich aufgestellt. Sie berichten von politischen Entscheidungen und internationalen Beziehungen, von Amtsträgern und ihren Aufgaben oder vom Umgang mit öffentlichem und privatem Besitz. Damit sind sie Zeugen für Regeln des Zusammenlebens – aber ebenso dafür, wie Recht in einer Stadt sichtbar gemacht wurde. Gerade durch sie wurde Recht im Alltag einer antiken Stadt präsent und wirksam.
Dabei war es keineswegs selbstverständlich, einen Text in Stein zu meißeln. Manche Informationen schrieb man auf vergängliche Materialien, etwa mit Kohle auf geweißte Holztafeln; andere Texte wurden auf Bronzetafeln graviert. Für die meisten Inschriften fertigte man jedoch steinerne Stelen an, beschrieb Wände oder nutzte Ehrenmonumente. Schon die Wahl der Steinsorte konnte eine Aussage sein: Wo sonst vor allem lokaler Kalkstein zu sehen war, stach glänzender Marmor ins Auge. Material, Größe, Gestaltung und Platzierung beeinflussten also, wie ein Text wahrgenommen wurde.
Dass ein Stein seine eigene Geschichte haben kann, zeigt ein weiteres neues Beispiel aus Milet: Für eine Ehrung des römischen Kaisers Aurelian wurde im 3. Jh. n. Chr. eine ältere Inschrift wiederverwendet. Der Name des zuvor geehrten Kaisers wurde entfernt und durch den Aurelians ersetzt. Die Botschaft änderte sich, das Monument wurde weiter genutzt. Für mich ist eine solche Wiederverwendung besonders aufschlussreich: Sie zeigt, dass ein Schriftartefakt durch die Transformation länger Bestand haben konnte als der Text, den es ursprünglich trug.
Genau hier setzt eine weitere Frage meiner Forschung an: Welche Entscheidungen stehen hinter den Schriftartefakten? Im Exzellenzcluster „Understanding Written Artefacts“ untersuchen wir solche „Material Choices“. Uns interessiert dabei nicht nur das fertige Monument, sondern der Prozess, der zu seiner Gestalt führte: Welche Möglichkeiten standen zur Verfügung, welche praktischen Grenzen gab es und welche Absichten verbanden die Beteiligten mit ihrer Wahl?
Epigraphik (Inschriftenkunde) bedeutet für mich weit mehr, als Inschriften zu entziffern und ihren Inhalt zu verstehen. Die Arbeit in Milet führt mir immer wieder vor Augen, dass Text und Monument nicht voneinander zu trennen sind. Erst durch diese Kombination kann ich verstehen, was hinter den Worten steckt, wie sie gelesen wurden und welche Wirkung sie in der antiken Stadt entfalten konnten.
Zur Person
Prof. Dr. Kaja Harter-Uibopuu hat Alte Geschichte in Graz studiert. Vor ihrem Wechsel an die Universität Hamburg leitete sie die Arbeitsgruppe „Antike Rechtsgeschichte“ an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Heute ist sie Professorin für Alte Geschichte und Co-Sprecherin des Exzellenzclusters „Understanding Written Artefacts“, einem von vier Exzellenzclustern an der Uni Hamburg.

