Neue Studie zu Sanktionen: Gegensätze ziehen sich an? Nicht in der Außenpolitik.
9. April 2026, von Newsroom-Redaktion

Foto: AdobeStock/Feng Yu
Internationale Sanktionen werden seltener verhängt, wenn sich die verantwortlichen politischen Personen in ihren Lebensläufen ähneln. Das zeigt eine neue Studie unter Beteiligung von Dr. Jerg Gutmann von der Universität Hamburg. Basierend auf mehr als 150 Staaten wurde für den Zeitraum 1970 bis 2004 untersucht, wann zwischen Staaten Sanktionen verhängt wurden – und ob diese Entscheidungen mit biografischen Gemeinsamkeiten der beteiligten Regierungschefs statistisch zusammenhängen.
Für ihre Analyse verbinden die Forscher Informationen zu mehreren Jahrzehnten internationaler Sanktionspolitik mit einem Datensatz, der die beruflichen und persönlichen Lebensläufe führender Regierungsvertreterinnen und -vertreter weltweit erfasst. „Wir haben uns dutzende Merkmale wie Alter, Geschlecht, Ausbildung, berufliche Stationen, Militärdienst und politische Karrierewege der Staats- und Regierungschefs angeschaut“, erklärt Dr. Jerg Gutmann. Er forscht an der Fakultät für Rechtswissenschaft der Universität Hamburg zu Rechtsstaatlichkeit und internationalen Konflikten und hat die Studie gemeinsam mit Pascal Langer und Prof. Dr. Matthias Neuenkirch von der Universität Trier durchgeführt.
Gemessen wurden für jedes Paar politischer Anführerinnen und Anführer, wie weit ihre Merkmale und Lebenserfahrungen übereinstimmen. „Wir sehen mit diesem Ansatz beispielsweise eine große Ähnlichkeit zwischen Gerhard Schröder und Wladimir Putin“, veranschaulicht Matthias Neuenkirch die gewonnenen Daten. „Dieses Bild bleibt überraschend stabil, auch wenn wir alternative statistische Methoden verwenden und unterschiedliche biografische Merkmale berücksichtigen.“
Biografische Ähnlichkeit als Einflussfaktor
Die statistische Analyse zeigt: Je stärker sich politische Führungspersonen zweier Staaten in ihren biografischen Profilen ähneln, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass diese Staaten Sanktionen gegeneinander verhängen. Sehr unterschiedliche Paare von Staatschefs verhängen im Vergleich mit sich sehr ähnlichen Paaren mehr als dreimal so häufig Sanktionen. Besonders deutlich tritt dieser Zusammenhang dort zutage, wo Regierungen autonom über Sanktionsmaßnahmen entscheiden können, ohne an gemeinsame Entscheidungsverfahren inter- und supranationaler Organisationen gebunden zu sein, wie etwa in den Vereinten Nationen oder der Europäischen Union.
Ein ausgeprägter Effekt findet sich zudem bei Sanktionen, die mit Demokratie- oder Menschenrechtszielen begründet werden. Mit anderen Worten, hier verfügen Politikerinnen und Politiker scheinbar über deutlich mehr Ermessensspielraum. In sicherheits- oder konfliktbezogenen Kontexten spielt die Ähnlichkeit der politischen Führung dagegen eine geringere Rolle.
Die Studie knüpft an psychologische Forschungen zum Phänomen der Homophilie und zu In-Group-Dynamiken an. Diese gehen davon aus, dass Menschen mit ähnlichen Hintergründen häufig leichter miteinander kommunizieren, eher Vertrauen entwickeln und darum eher zu diplomatischen Mitteln greifen, bevor sie Konflikte eskalieren lassen. Auf die Außenpolitik übertragen bedeutet dies, dass biografische Ähnlichkeit zwischen Regierungschefs die Wahrscheinlichkeit erhöht, Konflikte auf dem Verhandlungsweg zu lösen statt durch Zwangsmaßnahmen.
Politische Implikationen
Die Ergebnisse legen nahe, dass internationale Sanktionspolitik stärker personenbezogen geprägt ist, als der Blick auf institutionelle Verfahren vermuten lässt. Für das Verständnis außenpolitischer Entscheidungen bedeutet dies, dass auch die biografische Zusammensetzung politischer Eliten berücksichtigt werden sollte. „Die Studie zeigt insgesamt, dass außenpolitische Sanktionsentscheidungen nicht nur auf staatlicher Ebene, sondern auch durch persönliche Prägungen politischer Führung beeinflusst werden. Wer Sanktionspolitik wirksam und nachvollziehbar gestalten will, sollte diese Dimension ausreichend berücksichtigen“, so Gutmann.
Die Forschergruppe arbeitet nun daran, die verwendete Messmethode künftig auch auf die jüngere internationale Politik anzuwenden, und sammelt hierfür die biografischen Informationen zu politischen Anführerinnen und Anführern über das letzte bisher abgedeckte Jahr 2004 hinaus.
Originalpublikation:
Jerg Gutmann, Pascal Langer, Matthias Neuenkirch. Leader similarity and international sanctions. Journal of Conflict Resolution. 2026.

