Forschungsprojekt zu Latein im Nationalsozialismus„Für regimekritische Autoren war Latein ein Rückzugsort“
19. Januar 2026, von Lennart Wichmann

Foto: Schriftgut-Archiv Ostwürttemberg; Stadtarchiv Baden-Baden, Reiner Wieland
Dr. Katharina-Maria Schön, Humboldt-Stipendiatin am Institut für Griechische und Lateinische Philologie der Universität Hamburg, erforscht in ihrem aktuellen Projekt politische lateinische Texte aus der Zeit des Nationalsozialismus. Im Interview erklärt sie, wie Autoren die klassische Sprache nutzten, um Kritik zu verschlüsseln und innere Emigration auszudrücken.
Wie sind Sie auf das Forschungsthema gekommen und mit welchen Quellen haben sie gearbeitet?
Während meiner Tätigkeit an der Universität Groningen begann ich, mich mit neulateinischen Texten des 20. Jahrhunderts zu befassen, die in der Zeit des Faschismus und des Nationalsozialismus in Italien und Deutschland entstanden. Unter den zahlreichen, klar propagandistischen Schriften finden sich wenige, aber äußerst bemerkenswerte Texte, in denen Autoren in verschlüsselter Form kritische Positionen formulierten. Gerade diese seltenen Stimmen haben mein Interesse geweckt. Diese möchte ich im Rahmen meines Humboldt-Stipendiums an der Universität Hamburg sorgfältig wissenschaftlich aufarbeiten.
Viele dieser für mich und das Projekt relevanten Texte entstanden im Umfeld der „Latinitas-viva“-Bewegung, die Latein im späten 19. Jahrhundert als internationale Wissenschaftssprache wiederbeleben wollte. Die Texte wurden in Zeitschriften publiziert bzw. bei Wettbewerben eingereicht und sind heute vor allem in Archiven in Rom, Amsterdam und Haarlem erhalten. Die Arbeit vor Ort ist für mich zentral, da der materielle Kontext oft neue Einsichten ermöglicht. Ergänzend nutze ich Privatarchive mit unveröffentlichten Manuskripten, Tagebüchern und Briefkorrespondenzen. Methodisch verbinde ich einen diskursanalytischen Ansatz mit einem biographischen Zugang sowie mit textueller Hermeneutik (close-readings). Sofern mehrere Zeugen eines Textes vorliegen, befasse ich mich auch mit Textkritik. Insgesamt lese ich die Texte sehr genau und setze sie in Beziehung zu den Lebensumständen und politischen Erfahrungen ihrer Autoren.

Welche Unterschiede bestanden zwischen dem Umgang mit Latein im faschistischen Italien und im nationalsozialistischen Deutschland?
Im faschistischen Italien wurde Latein bewusst als Propagandasprache eingesetzt. Mussolini stilisierte sich durch den Rückgriff auf das römische Imperium zum neuen Kaiser Augustus. Seine Reden wurden ins Lateinische übertragen, um ihnen Monumentalität und eine Aura der Zeitlosigkeit zu verleihen. Institutionen wie das „Istituto di Studi Romani“ organisierten Wettbewerbe, deren Beiträge stark ideologisch codiert waren. Das Ausmaß dieses Führerkults ist gut dokumentiert (z. B. in der Datenbank Fascist Latin Texts).
Auch in Deutschland wurde im Rahmen der „Latinitas-viva“-Bewegung versucht, der lateinischen Sprache zu einer neuen Popularität zu verhelfen. Adolf Hitler verknüpfte allerdings die lateinische Literatur nicht aktiv mit seiner Ideologie, sondern legitimierte diese besonders durch Bezugnahme auf das Griechen- und Germanentum. Deshalb bot die Sprache des alten Roms für regimekritische Autoren ein vergleichsweise sicheres Medium, um ihren Standpunkten Ausdruck zu verleihen. Man kann also sagen, dass Latein als sprachliches Medium regimekritischen Autoren zur NS-Zeit eine Art Rückzugsort bot.
Können Sie dafür ein Beispiel nennen?
Besonders berührend ist das Schicksal des Dichters Julius Stern (1865–1942), der aufgrund seiner jüdischen Herkunft unmittelbar von der NS-Verfolgung betroffen war. Nach seiner Pensionierung widmete er sich intensiv der lateinischen und altgriechischen Poesie, veröffentlichte einen Gedichtband und reichte seine Werke bei internationalen Wettbewerben ein.
Drei Beispiele zeigen, wie er klassische Stoffe politisch verwertet: In „San Remo“ (1937) imaginiert das lyrische Ich einen Aufenthalt in der italienischen Hafenstadt, die für viele verfolgte Juden ein Fluchtpunkt war. Durch Anspielungen auf Ovids Exilliteratur unterstreicht Stern seine innere Emigration. In„Kallikratidas“ (1940) schildert Stern das Schicksal des gleichnamigen spartanischen Feldherrn, der sich dem autokratischen Lysander widersetzt. Er greift das im Nationalsozialismus überhöhte spartanische Kriegerideal auf und transformiert es zu einem zeitkritischen Kommentar. Und in den späten Gedichten „Epicurus moriturus“ (1941) und „Morituri: Petrarca, Erasmus“ (1942) schildert Stern die letzten Lebenstage antiker und humanistischer Figuren, um den eigenen nahen Tod zu reflektieren. Sein Suizid im August 1942, angesichts der drohenden Deportation, bestätigt diese düstere Vorahnung.
Welche Gefahren drohten Autoren mit versteckter Kritik? Wurden die Texte verstanden?
Kritische Autoren mussten mit Zensur, politischer Verfolgung oder sogar Internierung rechnen. Deshalb war eine verschlüsselte Schreibweise notwendig, die nur ein kleiner Kreis Eingeweihter verstand.
Ein in Fachkreisen bekanntes Beispiel ist Hermann Weller (1878–1956), einer der renommiertesten neulateinischen Dichter seiner Zeit. In seinem Gedicht „Y“ schildert er eine Traumvision, in der das A („Adolf Hitler“) gegen den „fremdartigen“ Buchstaben Y („die Juden“) hetzt und eine kollektive Jagd auslöst. Die dichterische Persona sympathisiert mit dem Verfolgten und reflektiert die eigene Mitschuld. Während die Symbolik aus heutiger Sicht eindeutig erscheint, fand ich in Wellers Korrespondenz keinen einzigen zeitgenössischen Leserhinweis auf eine politische Deutung – ein Befund, der die Vorsicht der Beteiligten zeigt.
Latein gilt heute eher als „tote“ Sprache. In Ihrem Projekt scheint es aber voller Leben und Widerstand gegen Unterdrückung zu sein.
Mit dem Begriff der „toten Sprache“ fremdle ich immer ein bisschen. Obwohl Latein heute keine Muttersprache mehr ist, existiert eine lebendige Sprecher- und Forschungsgemeinschaft. Zahlreiche linguistische und literaturwissenschaftliche Projekte zeigen über lange historische Zeiträume hinweg deutlich, wie wichtig das Lateinische als Fundament der europäischen Kultur- und Geistesgeschichte ist und welches völkerverbindende Potenzial in ihm steckt. Gerade weil die Bemühungen, Latein zu einer internationalen „lingua franca“ zu machen, im 20. Jahrhundert scheiterten und die aktive Sprechergemeinschaft eher klein blieb, wurde – insbesondere im nationalsozialistischen Deutschland – eine Plattform geschaffen, die weniger kontrolliert wurde als andere Kommunikationsformen. Zugleich unterscheiden sich die Rollen des Lateinischen in den totalitären Regimen deutlich: Italien, Spanien und Deutschland zeigen jeweils eigene Muster der Instrumentalisierung und Möglichkeiten des Rückzugs.
Was möchten Sie mit Ihrem Projekt sichtbar machen?
Der lateinischen Sprache haftet bis heute der Nimbus des Elitären oder Exklusiven an, und historisch wurde sie wiederholt zur Legitimation politischer Macht und als Sprache von Unterdrückern genutzt. Mir geht es jedoch darum, andere Facetten sichtbar zu machen. Die neulateinischen Texte des 20. Jahrhunderts zeugen von einer bemerkenswerten Vielfalt: Nicht nur Herrschende, sondern ebenso marginalisierte und verfolgte Personen griffen auf Latein zurück, um ihre Ansichten auszudrücken.
Die antike Literatur bot allen Beteiligten ein reiches Repertoire an Motiven, um unterschiedlichen politischen und persönlichen Haltungen Ausdruck zu verleihen. Mein Anliegen ist es, diese Pluralität herauszuarbeiten und so zu einer differenzierteren Sicht auf die Wissenschaftsgeschichte der klassischen Philologie beizutragen.
Forschen und Verstehen
In den acht Fakultäten der Universität Hamburg forschen rund 6.200 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Auch viele Studierende wenden oft bereits im Studium ihr neu erworbenes Wissen in der Praxis an. Die Reihe „Forschen und Verstehen“ gibt einen Einblick in die große Vielfalt der Forschungslandschaft und stellt einzelne Projekt genauer vor. Fragen und Anregungen können gerne an die Newsroom-Redaktion(newsroom"AT"uni-hamburg.de) gesendet werden.

