Internationales KooperationsprojektGemeinsam gegen Cyberhass und für die Demokratie
8. Dezember 2025, von Anna Priebe

Foto: AdobeStock/Fabio/KI-generiert
Wie können Kinder und Jugendliche im Netz vor Hass geschützt werden? Zusammen mit Forschenden aus der Ukraine, Moldawien und Kirgisistan untersucht ein Team der Fakultät für Erziehungswissenschaft wirksame Präventions- und Interventionsstrategien. Projektkoordinatorin Julia Levin gibt Einblick in die vom Deutschen Akademischen Austauschdienst geförderte Initiative.
Kinder und Jugendliche sind im Netz immer wieder mit Gewalt, Hass und Mobbing konfrontiert. Welche Zahlen gibt es in der Forschung dazu?
Insgesamt kann man übergreifend sagen, dass bis zu 60 Prozent der befragten Jugendlichen mindestens einmal eine Form von Online-Hass selbst erlebt haben, bis zu 30 Prozent waren als Täterin bzw. Täter beteiligt. Das zeigen zahlreiche größere Studien – sowohl in Deutschland, als auch international. Sie untersuchen die verschiedenen Formen von Hass im Internet, also etwa Cyber-Mobbing, das sich gegen einzelne Personen richtet, oder Cyberhass gegen Gruppen.
Sie haben in den vier beteiligten Ländern mehrere Studien durchgeführt. Welche Ergebnisse lassen sich aus den ersten Untersuchungen ablesen?

Im ersten Schritt wollen wir die aktuelle Situation in der Ukraine, Moldawien, Kirgisistan und Deutschland beschreiben. Dafür haben wir Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene zwischen neun und 25 Jahren befragt. In der Ukraine wurde zum Beispiel eine Querschnittsstudie mit mehr als 5.000 Kindern und Jugendlichen durchgeführt. Wir haben uns angeschaut, wie häufig sie Opfer von Hass im Internet waren und wie oft sie selber Hass verbreiteten. Uns interessiert zudem, ob und wie sich der hybride Krieg Russlands in Form von Hass und Mobbing im Internet abbildet.
Schon nach den ersten Auswertungen können wir sehen, dass Cyberhate und Cybermobbing oft zusammenhängen. Das heißt, Jugendliche werden digital angegriffen, da sie einer bestimmten Gruppe, die im Fokus von Cyberhate steht, angehören. Zudem begünstigen eigene Erfahrungen mit Cybermobbing und Cyberhate, dass Kinder selbst Hass im Internet verbreiten. Uns interessiert aber auch, welche Schutzfaktoren gegen Cyberhass es bereits gibt und wie diese funktionieren.
Gibt es schon Erkenntnisse zu Unterschieden zwischen den Ländern?
Gerade schauen wir uns noch die Daten aus den einzelnen Studien an, die wir in den vier beteiligten Ländern durchgeführt haben. Dadurch, dass wir in allen Studien die gleichen Instrumente eingesetzt haben, können wir die Ergebnisse später im Ländervergleich analysieren. Das steht aber noch aus. Was wir in der Studie in der Ukraine bereits sehen: Die Zahl der Kinder, die schon einmal mit Hass im Internet konfrontiert wurden, ist im internationalen Vergleich tendenziell etwas höher, aber nicht sehr viel. Innerhalb des Landes gibt es aber zum Beispiel keine Unterschiede zwischen den Erfahrungen von Befragten aus den aktiven Kriegszonen im Osten und dem ruhigeren westlichen Teil der Ukraine. Allerdings ist der Krieg durch ständige Drohnenangriffe auch dort konstant präsent.
Hat sich der Krieg denn auf die Forschung selbst ausgewirkt?
Grundsätzlich hat er durch die Bombardierungen und Evakuierungen dazu geführt, dass Bildung in der Ukraine stark digitalisiert wurde. Die Kinder und Jugendlichen sind die Nutzung also in hohem Maße gewohnt, und es gibt auf jeden Fall einen Bedarf an Sensibilisierung für Hass-Inhalte. Gleichzeitig merkt man in den Befragungen, dass die Leute wegen der Angriffe und Alarme seit Jahren nicht durchgeschlafen haben. Sie sind zermürbt und emotional angegriffen. Das macht es anspruchsvoll, Studien und Trainings durchzuführen. Man braucht Fingerspitzengefühl und Trauma-sensitive Ansätze. So haben wir etwa die Pädagoginnen und Pädagogen der Befragten geschult und den Kindern und Jugendlichen Ansprechpersonen genannt, wenn sie nach der Studie weiteren Gesprächsbedarf haben. Angesichts der Herausforderungen ist es aus unserer Sicht aber umso wichtiger, diese Forschung aufrechtzuerhalten und mit unseren Ergebnissen den Menschen vor Ort zu helfen.
Es geht also um Prävention und den richtigen Umgang mit Hass im Internet?
Genau. Dafür haben wir im vergangenen Jahr bereits verschiedene Ansätze ausprobiert, die wir jetzt weiter erproben wollen. Es gibt in Deutschland und international bereits verschiedene wissenschaftlich belegte Methoden, die sehr gut wirken. Wir wollen also nicht unbedingt etwas Neues erfinden, sondern schauen, wie man die vorhandenen Ansätze in einzelnen Ländern an die Gegebenheiten anpassen kann. Um die Wissenschaftscommunity dazu zu vernetzen, haben wir unter anderem eine Summer School veranstaltet.
Die Kinder sollen benennen können, was sie gerade sehen
Wo kann man denn grundsätzlich ansetzen?
Einer der wichtigsten Hebel, die wir gewählt haben, ist Aufklärung und Sensibilisierung. Die Kinder sollen benennen können, was sie gerade sehen. Wurde der Inhalt zum Beispiel von einem Bot erstellt oder stammt er von einem echten Menschen? Das zu erkennen, hilft ungemein. Ergänzend lernen sie, wie man Inhalte blockiert oder meldet und welche rechtlichen Möglichkeiten es gibt. Das bezeichnet man als technisches Coping im Umgang mit Cyberhate.
Wichtig ist aber, sich bei der Prävention immer auch das Umfeld der Kinder anzuschauen. Sie müssen wissen, wo sie soziale Unterstützung bekommen, wenn sie Opfer von Hass oder Mobbing werden – ob das Lehrer, Pädagoginnen, Eltern oder Freunde sind. Diese Gruppen adressieren wir mit unseren Interventionen daher ebenfalls. Wir erforschen zum Beispiel, wie man Lehrkräfte am besten unterstützen kann und wie man Eltern über die Gefahren aufklärt. In der Ukraine wurden zudem Schulleiterinnen und Schulleiter speziell ausgebildet, um Programme in ihren Schulen zu implementieren.
Gibt es auch schon Ideen für Hamburg, um die Ergebnisse in die Praxis zu bringen?
Ja, gerade sprechen wir mit einer Hamburger Stiftung über Kooperationsmöglichkeiten für ein gemeinsames Schulprojekt. Bereits im November richten wir für den Verein Kijuga aus Berlin im Rahmen eines deutsch-französischen Jugendaustauschs einen Workshop zum Thema Gaming aus. Der Hass, der in diesem Bereich vorkommt, ist nochmal sehr spezifisch, es gibt viele sexistische und frauenfeindliche Inhalte. Wir werden in diesem Workshop daher verschiedene unserer entwickelten Instrumente anwenden und weiter erproben.
Was würden Sie sagen: Wie wichtig war die internationale Kooperation bei diesem Thema?
Das Besondere an unserem Projekt ist der Fokus auf drei osteuropäische, post-sowjetische Länder, in denen es zu diesem Thema bisher kaum Studien gab. Zudem herrscht in der Ukraine seit drei Jahren Krieg, in dem Russland durch sogenannte „Trollfabriken“ Propaganda im digitalen Raum verbreitet. Moldawien und Kirgisistan liegen im russischsprachigen Raum und sind ebenfalls im Fokus anti-europäischer Narrative – und auch in Westeuropa ist der hybride Krieg deutlich spürbar. Unter anderem gab es europaweit einen Rechtsruck, der auch darauf basiert, dass im Internet Informationen gegen bestimmte Gruppen verbreitet werden, etwa gegen Migrantinnen und Migranten, bestimmte Religionen oder gegen die LGBTQ-Gemeinschaft.
Wir müssen daher gemeinsam schauen, wie wir unsere junge Generation dazu befähigen können, mit Informationen im Internet kritisch umzugehen. Wir können voneinander lernen und Ansätze entwickeln, wie länderspezifische Gegebenheiten bei Präventionsprogrammen berücksichtigt werden können. So kann unser Projekt einen wichtigen Beitrag leistet, um unsere Demokratien zu stärken.
Das Projekt
Das Projekt „Gemeinsam gegen Hass im Netz: Präventions- und Interventionsstrategien für Jugendliche“ läuft von Januar bis Dezember 2025 und wird im Programm „Ost-West-Dialog“ des Deutschen Akademischen Austauschdiensts gefördert. Im August 2025 fand an der Universität Hamburg im Rahmen des Projektes eine einwöchige Sommerschule mit Seminaren, Vorlesungen und Workshops zur Bekämpfung von Hass im Internet statt.
Forschen und Verstehen
In den acht Fakultäten der Universität Hamburg forschen rund 6.200 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Auch viele Studierende wenden oft bereits im Studium ihr neu erworbenes Wissen in der Praxis an. Die Reihe „Forschen und Verstehen“ gibt einen Einblick in die große Vielfalt der Forschungslandschaft und stellt einzelne Projekt genauer vor. Fragen und Anregungen können gerne an die Newsroom-Redaktion(newsroom"AT"uni-hamburg.de) gesendet werden.

