VersicherungenAbsicherung von Überschwemmungsrisiken: Freiwillig oder verpflichtend?
15. Dezember 2025, von Anna Priebe

Foto: AdobeStock/Christian
Angesichts der zunehmenden Zahl extremer Wetterereignisse wird die Frage, wie eine finanzielle Absicherung gegen Naturgefahren aussehen könnte, immer dringlicher. Ob sich betroffene Regionen nach Überschwemmungen durch eine verpflichtende Versicherungslösung schneller erholen, untersucht Sophia Bock im Team von Petra Steinorth, Professorin für Risikomanagement und Versicherung an der University of Hamburg Business School.
Worum geht es in Ihrer Forschung?
In Europa haben sich verschiedene Flutversicherungssysteme entwickelt. Diese reichen von freiwilligen Versicherungen, wie es beispielsweise in Deutschland der Fall ist, bis zu Systemen mit einer Pflichtversicherung wie in Frankreich. Gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen der St. John’s University aus New York untersuchen wir, welche regulatorischen Ansätze die wirtschaftliche Erholung nach Überschwemmungen in Europa beeinflussen und beschleunigen können.
Wie haben Sie die wirtschaftliche Erholung gemessen?

Klassische Indikatoren wie das Bruttoinlandsprodukt lassen sich schlecht auf einzelne Regionen herunterbrechen. Daher haben wir die Lichtintensität anhand von Satellitendaten verwendet. Die Verwendung von Lichtdaten verfolgt eine einfache Logik: Je mehr Licht es gibt, desto höher ist die wirtschaftliche Aktivität – und umgekehrt. Entsprechend konnten wir beobachten, dass es nach einer Flut in den betroffenen Gebieten erstmal dunkler wird. Dann untersuchen wir, wie schnell es in einer Region wieder so hell wird wie vor der Flut. Dadurch ist eine Analyse auf sehr feiner räumlicher Ebene möglich.
Zeigen Ihre Forschungen einen Beitrag einer Pflichtversicherung zu einer schnelleren Erholung?
Unsere Analyse der 82 größten Fluten in Europa in den vergangenen Jahren zeigt, dass eine solidarische Pflichtversicherung den betroffenen Regionen hilft, sich schneller von einer Flut zu erholen. Interessant ist, dass diese Erholung deutlich schneller als beispielsweise in Regionen mit einer freiwilligen Versicherung erfolgt. Ein Grund dafür dürften die schneller verfügbaren Versicherungsleistungen sein, die den Wiederaufbau beschleunigen. Ohne Versicherungsschutz sind Sonderfonds oder andere staatliche Hilfen notwendig, die meist erst nach einiger Zeit zur Verfügung stehen. Durch die Pflichtversicherungen können diese Belastung des Staates und potenzielle Ad-hoc-Hilfen reduziert werden.
Insbesondere nach der Flut im Ahrtal gab es Diskussionen um Pflichtversicherungen. Welches Modell gibt es bisher?
In Deutschland gibt es aktuell keine allgemeine Pflichtversicherung gegen Überschwemmungsrisiken. Die Versicherung gegen Elementarschäden ist bisher eine optionale Zusatzversicherung, die Versicherungsprämien sind dabei stark risikoabhängig. Bei einer solidarischen Pflichtversicherung wären hingegen alle Haushalte versichert. Die Beiträge könnten weiterhin risikobasiert gestaltet sein, aber durch solidarische Elemente wie etwa staatliche Subventionen unterstützt werden. So wären auch in hochgefährdeten Gebieten bezahlbare Prämien möglich.
Das klingt jetzt erstmal so, als sei eine Pflichtversicherung die ultimative Lösung. Wie sind die Ergebnisse zu bewerten?
Dieses Versicherungssystem zeigt Wirkung bei der Erholung der betroffenen Gebiete. Allerdings muss in jedem Land individuell geschaut werden, wie die Gegebenheiten sind. So kann es die Anreize zum Abschluss von Versicherungen und zur Prävention verringern, wenn Ad-hoc-Hilfen von der Bevölkerung einkalkuliert werden. Dieses Phänomen nennt man auch „Charity Hazard“ und es kann die Erholung letztlich verlangsamen. Das würde insbesondere in gefährdeten Gebieten für eine Pflichtversicherung sprechen.
Gleichzeitig bedeutet eine schnellere Erholung nicht, dass ein Pflichtversicherungssystem auch die kostengünstigste Lösung für die Gesellschaft ist. Denn auch hier kann es hohe Prämien, Verwaltungskosten oder Umverteilungseffekten geben, die gesellschaftlich nicht immer optimal sind. Es braucht also eine genaue Abwägung.
Zuletzt sollten wir uns fragen: Ist der – schnelle – Wiederaufbau in Hochrisikogebieten überhaupt erstrebenswert.
Wie sehen Sie angesichts der Ergebnisse die Forderungen von Bevölkerung und Politik nach einer Pflichtversicherung in Deutschland?
Diese Frage lässt sich gar nicht so einfach beantworten. Klar ist, dass noch immer zu wenige Haushalte gegen Flutrisiken abgesichert sind. Ich denke, es ist entscheidend, ein Gesamtkonzept zu schaffen, das Anreize zur privaten Prävention stärkt, das Risikobewusstsein der Bevölkerung erhöht und vor allem bestehende Versicherungslücken deutlich reduziert. Unsere Ergebnisse zeigen, dass sich Gegenden, in denen es eine Versicherungspflicht gibt, schneller erholen und schneller zur normalen Lichtintensität zurückkehren. Damit liefern wir eine empirische Grundlage, um politische Diskussionen über eine nachhaltige Lösung zu unterstützen.
Forschen und Verstehen
In den acht Fakultäten der Universität Hamburg forschen rund 6.200 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Auch viele Studierende wenden oft bereits im Studium ihr neu erworbenes Wissen in der Praxis an. Die Reihe „Forschen und Verstehen“ gibt einen Einblick in die große Vielfalt der Forschungslandschaft und stellt einzelne Projekt genauer vor. Fragen und Anregungen können gerne an die Newsroom-Redaktion(newsroom"AT"uni-hamburg.de) gesendet werden.

