Wie viel Grün bedarf es zum Glücklichsein?
15. April 2026, von Kley/Red.

Foto: UHH/Bruns
Die UHH ist wissenschaftliche Heimat von mehr als 6.200 Forschenden. Alle zwei Wochen geben wir in der Reihe „Forschen und Verstehen“ im Hamburger Abendblatt Einblick in ihre Arbeit. In dieser Ausgabe erklärt Prof. Dr. Stefanie Kley, warum Gärten und Bäume uns zufriedener wohnen lassen und Städte davon besonders profitieren.
Wenn im Frühling die Bäume wieder grün werden, freuen wir uns glaube ich alle über die ersten Farben nach dem Winter, wir fühlen uns fröhlicher und vielen geht es besser als in der dunklen Jahreszeit. Für mich ist diese Wirkung der Natur aber nicht nur eine persönliche Wahrnehmung, sondern eine spannende Forschungsfrage.
Als Soziologin sind die zentralen Themen meiner Arbeit soziale Ungleichheit und ihre Folgen. Während ich meine eigene soziale Herkunft kaum ablegen kann, ist eine Veränderung der räumlichen Umgebung oft möglich. Wir sprechen in der Wissenschaft von der Wohnumgebung als sogenannter Gelegenheitsstruktur – und mich interessiert, bis zu welchem Grad Menschen durch die Wahl ihres Wohnortes der Verwirklichung ihrer Lebensziele ein Stück näherkommen können.
Positive Wirkung auf die psychische Gesundheit
Einen besonderen Fokus legen mein Team und ich auf den Stellenwert einer grünen Wohnumgebung für das Wohlbefinden in der Großstadt. Wir wollen herausfinden, ob ein Mangel an Grün die Menschen dazu antreibt, aus ihrem Wohnviertel wegzuziehen. Dabei schauen wir auch, ob es Unterschiede zwischen Menschen in verschiedenen Lebensphasen gibt oder ob das Empfinden vom sozialen Status abhängt.
Es gibt zahlreiche Befunde aus Experimenten, dass der Aufenthalt in der Natur und das Betrachten von Bäumen oder ziehenden Wolken eine positive Wirkung auf die psychische Gesundheit haben. Das bestätigt auch eines unserer aktuellen Projekte, bei dem wir Interviews in Tagebuchform statistisch analysieren. Wir setzen die geschilderten Naturerlebnisse, die in den USA erhoben wurden, in Beziehung zu positiven, aber auch zu stressvollen Ereignissen und gesundheitlichen Beeinträchtigungen. Erste Ergebnisse zeigen, dass Menschen generell davon profitieren, im Alltag Zeit in der Natur zu genießen – ungeachtet ihres Alters, Geschlechts oder ihrer ethnischen Gruppe. Dies zeigt sich insbesondere in einer besseren emotionalen Ausgeglichenheit, wenn Menschen gemeinsam Zeit in der Natur verbringen.
Angesichts des herrschenden Wohnungsmangels gibt es aber vor allem in den Großstädten Bestrebungen, immer enger zu bauen und weniger Grünflächen vorzusehen. Wie das die Zufriedenheit der Bewohnerinnen und Bewohner beeinflusst und ob sie deshalb vielleicht sogar wegziehen, ist bisher kaum erforscht. Darum wollen mein Team und ich herausfinden, ob und wenn ja, für wen, eine grüne Wohnumgebung besonders relevant ist.
In Hamburg ist das Grün gleichmäßiger verteilt
Dafür haben wir in Hamburg und Köln 1.800 Telefoninterviews geführt und zum Beispiel gefragt, wie die Menschen die Grünräume in ihrer Umgebung nutzen, aber auch, ob sie durch ihr Fenster auf Bäume und anderes Grün schauen können. Für Hamburg haben wir dabei festgestellt, dass es kaum Unterschiede zwischen den sozialen Schichten gibt, wenn es um den Blick ins Grüne geht, weil das Grün gleichmäßiger verteilt ist – selbst in Wohngebieten, in denen weniger reiche Leute wohnen. Das ist in vielen Städten anders.
Insgesamt zeigen unsere Ergebnisse aber, dass für Menschen aus der Arbeiterklasse eine grüne Wohnumgebung deutlich wichtiger für die Wohnzufriedenheit ist als für wohlhabendere Menschen. Dabei mag eine Rolle spielen, dass diejenigen, die nicht so viel Geld haben, in der Regel über kleinere Wohnungen verfügen. Ein grüner Fensterblick aber wertet auch kleine Zimmer auf, und ein gut gestalteter Grünzug oder ein Park in der Nähe kann Gelegenheiten für kostenlose sportliche Betätigung in der Natur bieten.
Wir können mit unserer Befragung daher wissenschaftlich bestätigen, dass Menschen in Großstädten Lebensqualität aus einer grünen Wohnumgebung schöpfen, und dass viele Menschen Lärm und Enge in der Großstadt durch Aufenthalte in fußläufig erreichbaren Grünräumen ein Stück weit kompensieren. Und was besonders relevant ist: Menschen, die dies tun können, setzen ihre Wegzugsgedanken seltener in die Tat um. Wir deuten dies als Hinweis, dass grüne Höfe und Gärten, Straßenbäume und Parks der Zersiedelung von Großstädten, das heißt deren Ausbreitung an den Rändern, entgegenwirken könnten. Diese Erkenntnisse können der Stadt- und Bebauungsplanung wichtige Hinweise für den Erhalt von Grünflächen geben.
Zur Person
Prof. Dr. Stefanie Kley hat bereits an der Universität Hamburg Soziologie studiert und ist hier nach Stationen in Bremen und Amsterdam, seit 2009 als Wissenschaftlerin tätig. Seit 2016 ist sie Professorin für Soziologie, insb. Ökologisierung und quantitative Methoden der Sozialforschung. Ihre eigene grüne Quelle ist der Fensterblick in den baumbestandenen Hinterhofgarten.

