Queering the City: Urbane Stadträume und queere Subjektivitäten aus historisch-kulturwissenschaftlicher Perspektive - Das Beispiel Hamburg St. Pauli
Der Vortrag stellt eine Kooperation zwischen kulturanthropologischem Forschen und Arbeiten, Queer-Aktivismus und queerer Stadt- sowie Geschichtsvermittlung im Hamburger Stadtteil St. Pauli dar. Er bewegt sich an der Schnittstelle einer Stadt- und Raumforschung, von Queerer Anthropologie, Geschlechtergeschichte, engagiert-selbstreflexiver Forschung und Historischer Anthropologie. Im Zentrum steht das Verhältnis von Stadtraum und Geschlecht aus queertheoretischer Perspektive.
Ausgewählte Biografien – etwa der Tänzer:innen Marta Halusa und Margot Liu, der Bar-Inhaberin Ingrid Sonja Liermann oder der Travestiekünstler:innen Liddy Bacroff, Sylvin Rubenstein und Heinrich Bode – geben Einblicke in queere Lebensweisen während des Nationalsozialismus und der Nachkriegszeit sowie in widerständige Praktiken von lokalen Akteur:innen in Hamburg St. Pauli im 20. und 21. Jahrhundert. Auch die Strategien von Barbesitzerin Katharina und Künstler:innen wie Kirsten Nilsson und Angie Stardust zeigen, wie dominante Geschlechterrollen kreativ unterlaufen und nicht-normative Selbstverständnisse artikuliert wurden.
Basierend auf kulturhistorischen Quellen werden diese queeren Lebenswelten in einem Stadtteil vorgestellt, der oft als „bunt“ beschrieben wird – jedoch meist aus männlicher Perspektive. Weibliche und nichtbinäre Narrative fehlen häufig und bilden eine Leerstelle, der der Vortrag gezielt füllen möchte. Ausgehend von den biografischen und lebensweltlichen Kontexten werden durch eine mikrohistorische Perspektive die „große“ Erzählung des Stadtteils in „kleine“ Geschichten übersetzt. Ein Ziel des Vortrages ist es, queere Positionalitäten und marginalisierte Akteur:innen im öffentlichen Diskurs und der Erinnerungskultur sichtbar zu machen. Durch eine queere Lesart gesellschaftlicher, politischer und historischer Kontexte werden so normative Setzungen und ihre Wirkmacht im Alltag und in der lokalen Erinnerungspolitik dekonstruiert. Trotz vorhandener Archive und populärkultureller Repräsentationsformen zeigt sich, wie selektive Überlieferungstraditionen queere Geschichte marginalisieren.
Der Beitrag plädiert dafür, Stadt als queeren Wissens-, Handlungs- und Möglichkeitsraum zu verstehen – als Ort, an dem normative Grenzen, kulturelle Codes, Identitätskonstruktionen und Begehrensformen 'verschoben' werden können. "Queering the City" wird so zur Methode der Kritik wie auch zur Strategie kulturell-politischer Intervention, etwa um dominante Geschichtsnarrative aufzubrechen.
Referent:in: Manuel Bolz
Zielgruppe: Studierende, Lehrende, Forschende, TVP-Beschäftigte, öffentlich
Datum und Zeit: Dienstag, 9. Juni 2026, 10.00-12.00 Uhr
Ort: ESA O 221
Veranstalter:in: Manuel Bolz & Didine van der Platenvlotbrug