22. Juni 2026
Internationaler FördererfolgDrei Early Career Researcher starten Projekte an der Universität Hamburg

Foto: privat (2), Princeton University
Die „Postdoctoral Fellowships“ werden im Rahmen der europäischen Marie Skłodowska-Curie Actions (MSCA) ausgeschrieben. Sie sind eine Förderlinie, die sich an promovierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler richtet und exzellente Projektvorhaben auf individueller Ebene fördert. Dr. Marcel Camprubí, Dr. Andrey Klebanov und Dr. Dimitra Spathara werden ihre „European Fellowships“ an der Universität Hamburg absolvieren und arbeiten dabei unter anderem eng mit den Exzellenzclustern „Understanding Written Artefacts“ bzw. „Quantum Universe“ zusammen.
Der Aufenthalt im europäischen Ausland sowie die Vernetzung mit Kolleginnen und Kollegen inner- und außerhalb des eigenen Arbeitsgebiets sind wichtige Bestandteile der Förderung für Early Career Researcher. Auch Kooperationen mit nicht-akademischen Bereichen sind möglich. Die Fellowships gelten als besondere Auszeichnung, da viele der MSCA-Fellows später auch bei anderen europäischen Förderlinien des European Research Councils erfolgreich sind.
Die drei erfolgreichen Projekte in der Übersicht:
Grammatik und ihre Ausnahmen – im Sanskrit des alten Indiens
Projekt: „Verse, Grammar, Pedagogy: The Gaṇapāṭhavivṛti, a Ninth-Century Kashmiri Teaching Text on Pāṇini’s Lists“ (VERGAP)
Wer eine Sprache lernt, kennt das Problem: Neben allgemeinen Regeln gibt es stets Ausnahmen, die sich nicht ohne weiteres einordnen lassen. Diese Schwierigkeit ist keineswegs modern. Schon in der Sanskrit-Grammatik des Pāṇini aus dem 3. Jahrhundert vor Christus – einer der ältesten und einflussreichsten Sprachbeschreibungen der Welt – findet man solche Grenzfälle. In rund 4.000 formelhaften Regeln entwarf Pāṇini eine systematische Analyse des Sanskrit. Doch selbst dieses formal präzise System kam nicht ohne Wortlisten aus, in denen besondere Fälle festgehalten wurden. Gerade diese Listen bereiten der Forschung bis heute Probleme: Sie sind nicht eigenständig überliefert, sondern nur als Teil späterer Kommentare, sodass ihre ursprüngliche Gestalt kaum rekonstruierbar ist.
Im Rahmen seines zweijährigen Marie Skłodowska Curie-Fellowships erschließt Dr. Andrey Klebanov an der Universität Hamburg unter der Betreuung von Prof. Dr. Harunaga Isaacson, Professor für Kultur und Geschichte Indiens an der Fakultät für Geisteswissenschaften und im Exzellenzcluster „Understanding Written Artefacts“, erstmals einen bislang nicht edierten Text aus dem 9. Jahrhundert. Die in Kaschmir entstandene Gaṇapāṭhavivṛti präsentiert Pāṇinis Wortlisten in Versform und bietet damit einen seltenen, datierbaren Ankerpunkt für ihre historische Gestalt. Entstehen wird eine digitale, frei zugängliche Edition dieses Textes. Neben philologischer und lexikographischer Analyse untersucht Klebanov im Rahmen des Projektes, das mit 217.965 Euro gefördert wird, auch die pädagogische Funktion der Versform als Mittel zur Vermittlung komplexer grammatischer Inhalte.
Neue Materialien für Detektoren zur Erforschung dunkler Materie
Projekt: „Ultra-pure, high-strength, electroformed Cu-based alloys for next generation rare-event searches“ (PureCuAlloys)
Für die Erforschung der dunklen Materie werden neuartige, extrem empfindliche Detektoren verwendet. Ihr Entdeckungspotenzial wird jedoch durch Verunreinigungen, die bei der Herstellung entstehen, eingeschränkt. Derzeit ist elektrogeformtes Kupfer das Material der Wahl für die Anwendungen, denn es enthält kaum radioaktive Substanzen, ist also radiopur. Aufbauend auf dieser Technologie würden neuartige Legierungen mit verbesserten mechanischen Eigenschaften im Vergleich zu elektrogeformtem Kupfer das physikalische Potenzial maximieren, etwa weil weniger Material verwendet oder Detektoren in größerem Maßstab gebaut werden könnten. Hier setzt das zweieinhalbjährige Projekt PureCuAlloys von Dr. Dimitra Spathara an, für das sie 272.456 Euro erhalten wird. Im Rahmen von PureCuAlloys wird sie diese Legierungen mit verbesserten mechanischen Eigenschaften entwickeln.
Um konkrete Schritte für den weiteren Verlauf des Projekts zu entwickeln, wird es zu Beginn darum gehen, in einem mehrstufigen Prozess bestehende Forschungslücken zu identifizieren, beispielsweise wie ausreichende Eigenschaftsbeschreibungen gewonnen werden können, um Materialmodelle hinsichtlich ihrer Leistungsfähigkeit zu validieren. Dieser Materialdesign-Ansatz wird die Entwicklung von Legierungen, deren Eigenschaften durch thermodynamische und kinetische Prozesse verbessert werden können, erheblich beschleunigen. Konkret werden die Ergebnisse von PureCuAlloys bei der Herstellung von Komponenten für „DarkSPHERE-30“ verwendet – einem vollständig elektrogeformten Detektor, der neue Wege bei der Suche nach Sub-GeV-Teilchen in der dunklen Materie beschreiten wird. Prof. Dr. Konstantinos Nikolopoulos, Professor für Experimentalphysik am Fachbereich Physik und am Exzellenzcluster „Quantum Universe”, unterstützt das Fellow-Projekt von Seiten der Universität Hamburg.
Musiktheoretische Diagramme als interdisziplinäres und interkulturelles Phänomen
Projekt: „Blurring the Lines: Arabic Musical Diagrams across Disciplinary and Cultural Boundaries“ (ARAMUS)
Diagramme spielen in der mittelalterlichen Musiktheorie eine wichtige Rolle bei der Darstellung und Vermittlung von Wissen. Ein Beispiel ist al-Farabis im 10. Jahrhundert entstandenes „Großes Buch der Musik“, eine der bedeutendsten Abhandlungen der arabischen musiktheoretischen Tradition. Darin dienen Diagramme unter anderem dazu, abstrakte Konzepte wie Tonhöhen, Intervalle und Tonsysteme visuell darzustellen. In seinem Projekt „Blurring the Lines: Arabic Musical Diagrams across Disciplinary and Cultural Boundaries“ (ARAMUS) untersucht Dr. Marcel Camprubí diese Diagramme in einem breiteren geistes- und kulturgeschichtlichen Zusammenhang. Er geht der Frage nach, in welchem Verhältnis musiktheoretische Diagramme zu den visuellen Praktiken anderer arabischer Wissenschaften wie Astronomie und Medizin standen. Zudem vergleicht er sie mit Diagrammen in verwandten griechischen und lateinischen Werken, darunter Ptolemäus’ „Harmonik“ und Boethius’ „Grundlagen der Musik“.
Indem ARAMUS Traditionen miteinander in Beziehung setzt, die bislang weitgehend isoliert voneinander untersucht wurden, erforscht das Projekt die Stellung der Musik innerhalb der arabischen Wissenschaftskultur und zeigt, wie die Geschichte der Musiktheorie durch den Austausch geprägt wurde. Methodisch verbindet es Ansätze der Manuskriptforschung, der Mediengeschichte und der Wissenschaftsgeschichte. Das zweijährige Projekt, das mit 202.125 Euro gefördert wird, ist bei Prof. Dr. Matteo Nanni an der Fakultät für Geisteswissenschaften sowie im Exzellenzcluster „Understanding Written Artefacts“ angesiedelt. Zu den Forschungsgebieten des Professors für Historische Musikwissenschaft zählen auch die Geschichte und Theorie musikalischer Notation.