DFG-ForschungsprojektDie Bedeutung von Internet-Memes aus Sicht der SprachwissenschaftSerie Forschen und Verstehen
28. Januar 2026, von Claudia Sewig

Foto: Adobe Stock/TShirt Empire
Memes sind als Kommunikationsform, vorwiegend in den sozialen Medien, nicht mehr wegzudenken. Doch wie genau entsteht ihre Bedeutung aus dem Zusammenspiel von Text und Bild? Das untersucht Prof. Dr. Stefan Hinterwimmer im DFG-Projekt „Visueller und nichtvisueller Ausdruck von Perspektive, Teil 2“ – und er erklärt im Interview auch, was Memes mit Evolutionsbiologie zu tun haben.
Wann kamen Memes auf, und wie definieren sie sich?
Der Begriff Meme hat anfänglich gar nichts mit dem Internet zu tun. Der war ursprünglich viel allgemeiner gedacht und stammte von dem Evolutionsbiologen Richard Dawkins. Er hat den Begriff in den späten 1970er- und 80er-Jahren benutzt, um Kulturerzeugnisse im weitesten Sinne zu bezeichnen, die weitergegeben und damit verbreitet, nachgeahmt und imitiert werden und die auch gleichzeitig einer permanenten Variation unterliegen. Das kann alles Mögliche sein: ein Kleidungsstil, ein bestimmter Brillentyp, eine bestimmte Art und Weise, sich den Bart zu stutzen, eine Redewendung, ein Witz, ein Bild oder auch ein Lied.
Dawkins hat das, als Evolutionsbiologe, in Analogie zum Begriff des Gens verwendet. Sein Verständnis dazu war: Diese Kulturerzeugnisse haben auch eine Art Eigenleben, und bestimmte von ihnen sind besonders erfolgreich, die setzen sich dann durch. Das heißt, sie sprechen besonders viele Leute an. Aber, und das ist wichtig, sie werden auch immer ein wenig variiert. Sie werden also typischerweise nicht einfach kopiert, wie das bei Genen ja auch der Fall ist. Dieser Vergleich ist in den Kulturwissenschaften zwar aufgegriffen, aber auch ein wenig kritisch gesehen worden. Es stellte sich die Frage, wie weit die Analogie zur Evolutionsbiologie wirklich trägt.
Und wie kam der Begriff dann in den Sprachgebrauch?
So richtig durchgesetzt hat sich der Begriff Memes dann erst im Internetzeitalter. Vor allem ab den 2010er-Jahren, mit dem Aufstieg der sozialen Medien. Seitdem wird der Begriff fast ausschließlich verwendet, um ursprünglich Kombinationen aus Text und Bild zu bezeichnen, die über das Internet verbreitet werden, hauptsächlich über die sozialen Netzwerke. Sie sind relativ leicht zu erzeugen – das ist auch ein wichtiger Punkt für den Erfolg von Memes. Und das passt auch sehr gut dazu, wie soziale Medien an sich funktionieren.

Sind Memes auf eine bestimmte Alters- oder Nutzergruppe beschränkt?
Nein. Memes werden über verschiedene Altersgruppen hinweg verwendet, wenn auch die jüngeren Generationen, also die Digital Natives, sehr viel mehr über Memes interagieren und auch aktiv gestalten, als Ältere das tun. Das merke ich ja schon direkt an mir: Memes sind für mich viel mehr Forschungsgegenstand als Kommunikationsmittel. Ich muss zum Teil meine jungen Mitarbeitenden bitten, mir dazu etwas in den sozialen Medien herauszusuchen.
Was charakterisiert ein Meme?
Erfolgreiche Memes zeichnet zum einen aus, dass sie auf verschiedenen Ebenen gelesen werden können, also meist eine Mehrdeutigkeit in sich haben, und dennoch für einen großen Kreis von Personen verständlich sind. Dafür müssen sie in ein bestimmtes kulturelles Hintergrundwissen eingebettet sein. Sehr häufig haben sie einen humoristischen Aspekt. Das funktioniert oft dadurch, dass durch die obere Zeile ein bestimmtes Szenario aufgerufen wird, das durch das Bild bestätigt wird, also mit der Erwartungshaltung konform geht. Und dann kommt unten drunter eine überraschende Punchline, die auf einmal eine ganz andere Lesart erzwingt.
Hätten Sie dafür konkrete Beispiele?
Ein sehr bekanntes Beispiel dafür wäre das sogenannte „Woman yelling at a cat“-Meme, das ursprünglich aus der Serie „The Real Housewives of Beverly Hills“ stammt und das es in vielen verschiedenen Varianten gibt. Dabei ist immer eine Frau zu sehen, die sehr aufgebracht zu sein scheint, mit weit aufgerissenem Mund schreit und mit einem Finger auf etwas zeigt. Und auf der anderen Seite sieht man immer eine Katze, die völlig ungerührt vor einem gedeckten Teller sitzt. In einer Variante, die ich besonders gelungen finde, ist über beiden ein Haus zu sehen, auf dem die Aufschrift „No smoking safety first“ zu lesen ist. Man könnte es aber auch so lesen, dass da „No safety smoking first“ steht. Die erste Lesart ist dann der schreienden Frau zugeordnet und die zweite der stoischen Katze. Das ist ein sehr gelungenes Spiel damit, dass man diesen Text in zwei Richtungen lesen kann.
Genau wie auch das „Pepperspraying Cop“-Meme, bei dem ein US-amerikanischer Polizist demonstrierenden Studierenden Pfefferspray ins Gesicht sprüht und das in sehr viele verschiedene Kontexte, auch historische, hineinkopiert wurde. Dieses Meme funktioniert ausschließlich über die visuelle Ebene.
Bei anderen Memes, wie etwa dem „Der Moment wenn“-Meme, ist die sprachliche Ebene wichtiger. Hier gibt es Sätze wie etwa „Der Moment, wenn Du realisierst, das Freitag ist“ – und dann sieht man darunter einen Hund mit Sonnenbrille im Liegestuhl, der einen Cocktail schlürft. Da finde ich es als Linguist und insbesondere Semantiker spannend, dass man hier eigentlich nur einen unvollständigen Satz hat, denn es steht ja nur der temporale Nebensatz da. Und der Rest wird durch das Bild ergänzt. Man muss sich also die Aussage mit Hilfe der bildlichen Komponente erschließen und dabei unterschiedliche Aspekte auswählen, um auf die Gesamtbedeutung zu kommen. Dabei finde ich es besonders spannend, welche Aspekte man genau auswählt.
Memes können auf verschiedenen Ebenen gelesen werden.
Könnte die Sprache in den Memes in unseren Sprachgebrauch übergehen?
Da findet man tatsächliche Beispiele dafür! So wurde etwa „Der Moment wenn“ bereits in journalistischen Texten verwendet, wobei ganz klar war, dass das auf das Meme anspielte.
Nun ist Sprache ein dynamisches System und entwickelt sich immer weiter. Viele Redewendungen, die uns heute völlig selbstverständlich erscheinen und die in die Standardsprache übergangen sind, kommen ursprünglich aus der Jugendsprache oder bestimmten Subkulturen. So denke ich, wird das auch mit einigen Begriffen aus Memes sein.
Was wird der Hauptgegenstand Ihrer Forschung zu den Memes sein?
Einerseits wollen wir auf einer sehr grundsätzlichen Ebene erforschen, wie das Zusammenspiel von Text- und Bildelementen im Detail verläuft. Was mich dabei am meisten interessiert: Nach welchen Kriterien interpretieren wir bestimmte Aspekte des bildlich Dargestellten eigentlich? Also: Wie treffen wir dabei eine Auswahl, denn die Fülle von Informationen ist ja eigentlich immer viel zu groß, gemäß dem alten Spruch: „Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte“. Selbst eine sehr lange textliche Darstellung kann viel weniger an Information übermitteln, als es eine schematische bildliche Darstellung kann.
Zweitens möchten wir eine Klassifikation erstellen, welche Arten von Sprach-Bild-Interaktionen es gibt. So gibt es zum Beispiel Fälle wie das oben erwähnte „Der Moment wenn“-Meme, da werden ganze Teile der sprachlichen Äußerung durch Bilder ersetzt. Oder es gibt Fälle, wo eine Lesart eines Satzes, die an sich völlig abwegig wäre, durch das Bild erzwungen wird.
Ein Unterprojekt meiner Forschung wird sein, zu untersuchen, warum bestimmte Memes auf der politischen Ebene so erfolgreich sind.
Und wie erforschen Sie das alles?
Was die Methoden unserer Forschung angeht: Bisher gehen wir da noch recht klassisch vor. Wir wählen Memes aus und versuchen, sie in unterschiedliche Gruppen einzuteilen. Dann machen wir eine erste Untersuchung dazu, was die wahrscheinlichen Interpretationen dieses Memes sind, und nähern uns analytisch, wie diese wahrscheinlich zustande kommen. Im nächsten Schritt wollen wir auch Experimente durchführen, wo wir Probanden Memes vorlegen und sie bitten, in wenigen Sätzen zu erklären, was sie da sehen und wie sie das interpretieren.
Damit wollen wir erst einmal herausfinden, ob es stimmt, dass wir bestimmte Memes mehr oder weniger alle gleich interpretieren oder ob es da auch große Unterschiede gibt. Dann ist der Plan, durch technische Verfremdung bestimmte Elemente an den Memes zu manipulieren und sie den Probanden erneut vorzulegen, um herauszufinden, welche Elemente genau die Interpretation verändern. Eventuell ergänzen wir das Ganze noch durch eine Blick-Analyse, bei der wir schauen, wohin die Probanden wann auf die Memes gucken.
Zur Person
Stefan Hinterwimmer ist seit April 2024 Professor am Institut für Germanistik der Universität Hamburg mit Schwerpunkt Semantik und derzeit Geschäftsführender Direktor des Instituts für Germanistik. Er hat Allgemeine Sprachwissenschaft und Soziologie in Regensburg studiert und an der Humboldt-Universität zu Berlin in Germanistischer Linguistik promoviert. Sein erstes Projekt im DFG-Schwerpunktprogramm „Visuelle Kommunikation“, hatte noch nichts mit Memes zu tun, sondern beschäftigte sich mit der Lautsprache-Gesten-Interaktion in Bezug auf Perspektive. Für eine zweite Phase wollte er die Multimodalität noch etwas ausweiten und kam so auf die Internet-Memes. Das Folgeprojekt „Visueller und nichtvisueller Ausdruck von Perspektive, Teil 2“, das er gemeinsam mit Cornelia Ebert von der Goethe-Universität Frankfurt leitet, läuft seit Dezember 2025.
Forschen und Verstehen
In den acht Fakultäten der Universität Hamburg forschen rund 6.200 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Die Reihe „Forschen und Verstehen“ gibt einen Einblick in die große Vielfalt der Forschungslandschaft und stellt einzelne Projekt genauer vor. Die Folgen erscheinen im UHH-Newsroom, manche von ihnen auch alle zwei Wochen als Kolumne im Hamburger Abendblatt. Fragen und Anregungen können gerne an die Newsroom-Redaktion(newsroom"AT"uni-hamburg.de) gesendet werden.

