Start zum 1. Januar 2026Förderung für Langzeitforschungsprojekt „Mittelniederdeutsche Grammatik“
1. Dezember 2025, von AW Hamburg / Newsroom-Redaktion

Foto: Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel
Die mittelniederdeutsche Textkultur ist ein zentraler Teil des kulturellen Erbes Nordeuropas. Das neue Langzeitforschungsvorhaben „Mittelniederdeutsche Grammatik“ liefert vertieftes Wissen über die sprachlichen Strukturen des Mittelniederdeutschen. Ziel ist es, in den kommenden 18 Jahren eine multidimensionale und webbasierte mittelniederdeutsche Grammatik für Forschung und Lehre zu erarbeiten. Das Projekt ist eine Kooperation der Universität Hamburg mit der Akademie der Wissenschaften in Hamburg.
Mittelniederdeutsch war vom 13. bis ins 17. Jahrhundert hinein im norddeutschen Sprachraum verbreitet. Darüber hinaus diente es als Handelssprache im Ostseeraum und in den Niederlassungen der Hanse von London über Brügge und Bergen bis nach Nowgorod. Mittelniederdeutsche Texte bilden somit das sprachliche Fundament der vielfältigen hansestädtischen Kultur. Solide Kenntnisse des Mittelniederdeutschen helfen grundlegend dabei, nordeuropäische Stadtgeschichte, Wirtschaftsgeschichte sowie Religionsgeschichte zu erforschen. Die geistesgeschichtliche und kulturelle Entwicklung spiegelt sich in der sprachlichen Variation und im Wandel des Mittelniederdeutschen wider.
Interdisziplinäre Kooperation
Beantragt haben das mit insgesamt 11,88 Millionen Euro geförderte Forschungsvorhaben Prof. Dr. Ingrid Schröder (Seniorprofessorin für Linguistik des Deutschen und für Niederdeutsche Sprache und Literatur am Institut für Germanistik), Prof. Dr. Chris Biemann (Professor für Sprachtechnologie im Fachbereich Informatik sowie Direktor des Hub of Computing and Data Science) und Prof. Dr. Sarah Ihden (Professorin für Historische Sprachwissenschaft des Deutschen an der Universität Rostock). In Zusammenarbeit ihrer Fachgebiete soll eine umfassende wissenschaftliche Grammatik des Mittelniederdeutschen entstehen, die dem heutigen Forschungsstand entspricht und bisher in dieser Form nicht existiert.
Besonders innovativ ist der Ansatz, da er sich unter anderem durch Variationssensitivität auszeichnet, das heißt, dass sprachliche Unterschiede, die durch Raum, Zeit und Textsorte bedingt sind, systematisch einbezogen werden. Zudem wird für die Analyse grammatischer Einheiten ein umfangreiches strukturiertes Textkorpus in digitaler Form genutzt (Korpusbezug).
Forschungslücke schließen – und verschiedenen Disziplinen helfen
Die geplante Mittelniederdeutsche Grammatik dient in erster Linie dazu, historische Texte zu erschließen. Zugleich bietet sie das notwendige vertiefte Wissen über die sprachlichen Strukturen des Mittelniederdeutschen, das die germanistische und allgemeine Sprachwissenschaft etwa für sprachvergleichende und typologische Forschungen in Europa benötigt. Denn strukturell ist das Mittelniederdeutsche zwischen dem Hochdeutschen auf der einen und dem Niederländischen und Englischen auf der anderen Seite einzuordnen. Es hat zudem die skandinavischen Sprachen stark beeinflusst.
„Wir freuen wir uns sehr darüber, dass unser Vorhaben bald im Akademienprogramm seine Arbeit aufnimmt. Durch die neue Mittelniederdeutsche Grammatik kann endlich eine große Forschungslücke in der Historischen Sprachwissenschaft geschlossen werden“, sagt Projektleiterin Prof. Dr. Ingrid. Erstmals könne die Sprache, die für Nordeuropa als „Lingua franca“ des hansischen Handels von enormer Bedeutung war, in ihrer strukturellen Vielfalt präzise beschrieben werden.
Für Forschende und Studierende interaktiv nutzbar
Zielgruppen der Mittelniederdeutschen Grammatik sind sowohl Forschende als auch Studierende, deren spezifischen Bedürfnissen die Grammatik gerecht werden soll. Für den akademischen Unterricht muss sie als kompakte Gebrauchsgrammatik verwendet werden können, um die mittelniederdeutsche Sprache zu vermitteln und zu analysieren. Für die Forschung soll sie als wissenschaftliche Grammatik die sprachliche Struktur umfassend dokumentieren und bis in große Detailtiefe beschreiben.
Für diese sehr unterschiedlichen Nutzungsszenarien ist ein interaktives Webinterface geplant, das Nutzerinnen und Nutzern die gewünschten grammatischen Informationen gezielt anzeigen kann. Das Webinterface erlaubt zudem einen Zugriff sowohl auf das Untersuchungskorpus selbst und dessen quantitative Auswertungen als auch auf weitere Ressourcen – zum Beispiel ausgewählte sprachhistorische Datenbanken oder das Mittelniederdeutsche Handwörterbuch. „Durch innovative digitale Darstellungsmethoden ist es möglich, Studierenden wie Forschenden ein bedarfsgerechtes Lern- und Forschungsinstrument in die Hand zu geben“, so Schröder. Über eine Schnittstelle wird die Mittelniederdeutsche Grammatik mit dem im Aufbau befindlichen Portal des NFDI-Konsortiums Text+ vernetzt. Neben der digitalen Publikation wird auch eine Printausgabe entstehen.
Das Projekt
Das Langzeitvorhaben „Mittelniederdeutsche Grammatik (MndGram)“ wird vom 1. Januar 2026 bis zum 31. Dezember 2043 mit insgesamt 11,88 Millionen Euro gefördert. Es ist Teil des Akademienprogramms – dem gemeinsamen Forschungsprogramm der deutschen Wissenschaftsakademien, das der Erschließung, Sicherung und Erforschung des kulturellen Erbes weltweit dient und das derzeit größte geisteswissenschaftliche Langzeitforschungsprogramm der Bundesrepublik Deutschland ist. Das Akademienprogramm umfasst in diesem Jahr bei einem Finanzvolumen von 79 Millionen Euro insgesamt 127 Vorhaben mit rund 192 Arbeitsstellen.

