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Sonderforschungsbereich 538: Mehrsprachigkeit



Inhalt:

H1: Mehrsprachigkeit als Ursache und Folge von Sprachwandel: Historische Syntax romanischer Sprachen


Projektleiter:
Prof. Dr. Dr. h.c. Jürgen M. Meisel
Prof. Dr. Esther Rinke

Wissenschaftlicher Mitarbeiter:
Dr. Martin Elsig


Ehemalige wissenschaftliche Mitarbeiter/innen:
Dr. Gisella Ferraresi
Dr. Marc-Olivier Hinzelin
Prof. Dr. Georg A. Kaiser
Dr. Ioanna Sitaridou
Anne-Kathrin Preißler

Studentische Hilfskräfte:
Mariano Junge
Kathrin Konrad
Xavier Protat

Theoretischer Rahmen:

Das Teilprojekt H1 untersucht syntaktischen Sprachwandel in den romanischen Sprachen. Im Zentrum unseres Interesses steht dabei parametrischer Wandel und die Frage, wie er vor dem Hintergrund der Erkenntnisse aus der Spracherwerbsforschung zu erklären ist. Hierbei wird unter anderem die Rolle von Sprachkontakt und Informationsstruktur als möglichen Auslösern von syntaktischem Wandel thematisiert. Die Analysen werden im universalgrammatischen Rahmen durchgeführt und durch quantitative Methoden der Variationslinguistik ergänzt. Dadurch soll ein theoretisch und empirisch fundierter Beitrag zu einer Theorie des Sprachwandels geleistet werden.

Erkenntnisse der Spracherwerbsforschung zeigen, dass Kinder, die mehr als eine Erstsprache erwerben, bereits sehr früh die zielsprachlichen Parametrisierungen der beteiligten Sprachen korrekt und mühelos erwerben (vgl. Meisel 1989, 2000, 2001, 2007a, 2007b). Mehrsprachigkeit alleine kann daher keine hinreichende Ursache für Sprachwandel sein. Eine entscheidende Rolle könnte der Mehrsprachigkeit jedoch dann zukommen, wenn Bezugspersonen der Kinder Zweitsprachlerner der sich wandelnden Sprache sind oder wenn die Kinder nicht von Geburt an mit der Sprache in Kontakt kommen und somit selbst L2 Lerner sind. In beiden Fällen kann es dazu kommen, dass Parameter der Zielsprache gar nicht oder auf einen anderen Wert festgelegt werden als dies in der Grammatik jener Sprecher der Fall war, die in den vorausgehenden Generationen die Sprache als Muttersprache erworben hatten.  Ein solches Szenario ist vor allem in denjenigen Fällen von Sprachkontakt zu erwarten, die durch hohe soziale Instabilität geprägt sind, wie etwa in den Zeiten der Völkerwanderung oder als Folge der Pestepidemien.

Abgesehen von Sprachkontakt wird auch informationsstrukturell bedingte Variation  als Auslöser von syntaktischem Wandel diskutiert. Unsere Analysen haben diesbezüglich gezeigt, dass die informationsstrukturelle Gliederung nicht nur für die Koexistenz syntaktischer Varianten innerhalb einer Grammatik verantwortlich ist, sondern dass informationsstrukturelle Faktoren syntaktischen Wandel auch begünstigen oder auslösen können. In einigen Fällen hat sich gezeigt, dass strukturelle Variation (z.B. von Wortstellungsmustern) synchronisch wie diachronisch besser als informationsstrukturell bedingt zu erklären ist und nicht als Folge von parametrischer Variation (vgl. Gabriel & Rinke, erscheint, Kupisch & Rinke 2007, Rinke & Meisel, eingereicht).

Forschungsziele:

Vor dem Hintergrund dieser theoretischen Grundannahmen und Forschungsfragen richten sich unsere Analysen auf spezifische diachrone Phänomene der Wortstellungsvariation in den romanischen Sprachen.

  • In der linguistischen Literatur wird Altfranzösisch in der Regel ähnlich den germanischen Sprachen als Verbzweitsprache klassifiziert (vgl. Adams 1987): Neben Nullsubjektsätzen weist es eine große Anzahl postverbaler Subjekte in deklarativen Hauptsätzen auf, deren erste Position von einer anderen Konstituente, z.B. einem Adverb oder einer Adverbialphrase, belegt ist. Abgesehen von diesen Inversionsstrukturen ist im Altfranzösischen jedoch auch eine nicht zu vernachlässigende Anzahl von Verberst- und Verbdrittsätzen vorhanden, die als Verletzung der Verbzweitregel angesehen werden müssen und daher die Analyse des Altfranzösischen als Verbzweitsprache ernsthaft in Frage stellen. Dennoch wird häufig an dieser Analyse festgehalten (vgl. Labelle 2007, Mathieu 2006, 2007). Unsere Studien hingegen legen den Schluss nahe, dass Inversion im Altfranzösischen trotz augenscheinlicher Ähnlichkeiten mit den entsprechenden Konstruktionen im Deutschen nicht rein strukturell bedingt ist und somit nicht als Beleg für eine zugrundeliegende Verbzweitgrammatik  angesehen werden kann (vgl. Ferraresi & Goldbach 2002, Kaiser 2002, Rinke & Meisel, eingereicht). Vielmehr weist das Altfranzösische eher Parallelen zu modernen romanischen Nullsubjektsprachen als zu germanischen Verbzweitsprachen auf. Wie in den Nullsubjektsprachen kann die präverbale und die postverbale Stellung des Subjekts mit unterschiedlichen informationsstrukturellen Lesarten korrelieren: Das Nullsubjekt und das overte Subjekt in präverbaler Stellung wird generell als Topik interpretiert; das postverbale Subjekt trägt Fokus oder ist Teil einer präsentationellen oder thetischen Konstruktion (vgl. Rinke 2005, 2006, Rinke & Meisel, eingereicht).

  • Ergänzende empirische Untersuchungen von historischen Daten aus der deutsch-französischen Sprachgrenzregion, in der Varietäten des Altfranzösischen und des Alt- und Mittelhochdeutschen über lange Zeiträume hinweg in Kontakt standen, geben weiteren Aufschluss über den möglichen Einfluss von Sprachkontakt auf grammatischen Wandel (vgl. Elsig 2008a). Unsere Ergebnisse lassen den Rückschluss zu, dass selbst unter dem Eindruck einer geographischen Koexistenz beider Sprachsysteme kein gegenseitiger Einfluss auf der Ebene der beteiligten grammatischen Systeme nachweisbar ist: Verbzweiteffekte in mittelhochdeutschen Hauptsätzen lassen sich nahezu kategorisch nachweisen, unabhängig von der Art der Konstituente in erster struktureller Position, und legen damit eine strukturelle Ursache nahe, nämlich die Applikation des V2-Parameters; Verbzweiteffekte in altfranzösischen Hauptsätzen treten dagegen konstruktionsspezifisch und in Variation mit Verbdrittstellung auf. Ihr Auftreten ist informationsstrukturell und nicht grammatisch bedingt. Diesem fundamentalen Unterschied zwischen beiden Kontaktsprachen widerspricht auch die unter quantitativen Gesichtspunkten signifikante Ähnlichkeit beider Varietäten hinsichtlich der Realisierung von präverbalen Topikkonstituenten nicht.
 
  • Ein weiterer Fall von diachronischer syntaktischer Variation findet sich in der portugiesischen Nominalphrase: Während in possessiven Nominalphrasen der definite Artikel im modernen Portugiesischen in Argumentposition generell realisiert wird, wird er im Altportugiesischen meist ausgelassen. Diese Art der diachronischen Variation kann insofern als parametrischer Wandel aufgefasst werden, als sich Sprachen in Hinblick auf die Möglichkeit der Kombination von definitem Artikel und possessiver Nominalphrase systematisch unterscheiden. Kupisch & Rinke (2007) argumentieren gegen die Annahme eines Parameterwechsels und analysieren die in den Daten zu beobachtende diachrone Variation als Folge der allgemeinen Ausbreitung des Artikelgebrauchs, die auf possessive Kontexte ausgedehnt wurde. Letzteres spiegelt die fortschreitende Grammatikalisierung des Artikels wider.

  • Für das französische Interrogativsystem ist die Vielzahl von Ausdrucksformen mit verschiedenen Wortstellungsmustern charakteristisch. Varianten mit Subjekt-Verb-Wortstellung bestehen neben solchen mit Inversion. Als nicht weniger vielfältig erweist sich die Platzierung der Fragewörter oder die Einbindung verschiedener Interrogativmarkierer und -partikeln. Basierend auf der Auswertung von Daten des Sprachgebrauchs, die einen Zeitraum vom späten Mittelfranzösischen bis hin zum modernen gesprochenen Französischen des späten 20. Jahrhunderts abdecken und die mit Hilfe variationslinguistischer Verfahren evaluiert wurden, konnte in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Shana Poplack und dem soziolinguistischen Labor der Universität Ottawa gezeigt werden, dass im Québec-Französischen die pronominale Inversion nur noch in eingeschränkten linguistischen und lexikalischen Kontexten verwendet wird, ungeachtet der Tatsache, dass sie aus quantitativer Sicht noch immer die häufigste Variante der Entscheidungsfragen ist. Die komplexe Inversion wird kaum verwendet, vermutlich weil sie als sehr formell empfunden wird. Die postverbale Interrogativpartikel tu (entstanden aus ti) ist im modernen Québec-Französischen hingegen sehr produktiv, während die verschiedenen Möglichkeiten der Subjekt-DP-Inversion, die freie und die einfache Inversion, aus dem Sprachsystem verschwunden sind. Lediglich die stilistische Inversion kommt noch in Prädikativkonstruktionen mit einem Kopulaverb und selten auch in unakkusativen und passiven Kontexten vor. Wir interpretieren diese Beobachtungen als Folge eines strukturellen Wandels, der mit dem Übergang vom Mittelfranzösischen hin zum klassischen Französischen stattfand und der den Verlust der Verbbewegung von T° nach C° reflektiert. Beim späteren Übergang hin zum modernen Französischen geht zudem auch die wh-Bewegung nach SpecCP verloren (Elsig 2008b, Elsig, erscheint).

Bibliographie:

Adams, M. (1987). From Old French to the theory of pro-drop, in: Natural Language and Linguistic Theory 5, 1-32.

Elsig, M. (2008a). Verb Second Effects in Old French: Evidence for a Verb Second Grammar? Ms. Universität Hamburg.

Elsig, M. (2008b). Variability within the French interrogative system: A diachronic perspective. In: P. Siemund & N.
Kintana (Hsg.) Language Contact and Contact Languages. (Hamburg Studies on Multilingualism 7), Amsterdam: John Benjamins.

Elsig, M. (erscheint). Diachronic Aspects of Syntactic Variation in the Interrogative System of Québec French. (Studies in Language Variation), Amsterdam: John Benjamins.

Ferraresi, G. & M. Goldbach (2002). V2 syntax and topicalisation in Old French, in: Linguistische Berichte 189, 3-25.

Gabriel, C. & E. Rinke (erscheint). Information packaging and the rise of clitic doubling in the history of Spanish, in: G. Ferraresi & R. Lühr (Hsg.) The Role of Information Structure in Language Change. Berlin: Mouton de Gruyter.

Kaiser, G. (2002). Verbstellung und Verbstellungswandel in den romanischen Sprachen. Tübingen: Niemeyer.

Kupisch, T. & E. Rinke (2007). Italienische und portugiesische Possessivpronomina im diachronischen Vergleich: Determinanten oder Adjektive? Universität Hamburg: Arbeiten zur Mehrsprachigkeit N° 78.

Labelle, M. (2007). Clausal architecture in early Old French, in: Lingua 117 (1), 289-316.

Mathieu, E. (2006). Stylistic fronting in Old French, in: Probus 18, 219-266.

Mathieu, E. (2007). À propos des propriétés germaniques de l’ancien français, in: Cahiers linguistiques d'Ottawa / Ottawa Papers in Linguistics (CLO/OPL) 35, 107-136.

Meisel, J. M. (1989). Early differentiation of languages in bilingual children, in: K. Hyltenstam & L. K. Obler (Hsg.) Bilingualism across the Life Span. Aspects of Acquisition, Maturity and Loss. Cambridge: Cambridge University Press, 13-40.

Meisel, J. M. (2000). The Simultaneous Acquisition of two First Languages. Early Differentiation and Subsequent Development of Grammars. Universität Hamburg: Arbeiten zur Mehrsprachigkeit No 7.

Meisel, J. M. (2001). The simultaneous acquisition of two first languages: Early differentiation and subsequent development of grammars, in: J. Cenoz & F. Genesee (Hsg.) Trends in Bilingual Acquisition. Amsterdam: John Benjamins, 11-41.

Meisel, J. M. (2007a). On autonomous syntactic development in multiple first language acquisition, in: H. Caunt-Nulton, S. Kulatilake & I.–H. Woo (Hsg.) Proceedings of the 31st Boston University Conference on Language Development. Somerville, MA: Cascadilla Press, 26-45.

Meisel, J. M. (2007b). The weaker language in early child bilingualism: acquiring a first language as a second language?, in: Applied Psycholinguistics 28 (3), 495-514.

Rinke, E. (2005). Subjekt-Verb-Inversion im Frühromanischen: Altportugiesisch und Altfranzösisch im Vergleich, Ms. Universität Hamburg.

Rinke, E. (2006). Der Verlust der vP-internen Subjektposition im Französischen, Ms. Universität Hamburg.

Rinke, E. & J. M. Meisel (eingereicht). Subject-inversion in Old French: Syntax and information structure. Proceedings of the Workshop on ‘Null-Subjects, Expletives, and Locatives in Romance’, March 2008, University of Konstanz.
 

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