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Sonderforschungsbereich 538: Mehrsprachigkeit



Inhalt:

E4: Spezifische Sprachentwicklungsstörung und früher L2-Erwerb: Zur Differenzierung von Abweichungen im Grammatikerwerb

Projektleitung: Prof. Dr. Monika Rothweiler, FB 12, Universität Bremen (www.monika-rothweiler.de)

Wissenschaftliche Mitarbeiterinnen: Dr. Manuela Schönenberger, Franziska Sterner

 
Das Projekt untersucht die grammatische Entwicklung bei Kindern mit Türkisch als Erstsprache (L1) und Deutsch als früher zweiter Sprache (L2), sowohl bei sprachunauffälligen Kindern als auch bei Kindern mit einer Spezifischen Sprachentwicklungsstörung (SSES).

Das Projekt bearbeitet drei Fragestellungen:

  • Wie gestaltet sich der Erwerb, insbesondere der Grammatikerwerb, der zweiten Sprache Deutsch, wenn der Erwerbsbeginn bei ca. 3 Jahren liegt?

  • Wie prägt sich eine Spezifische Sprachentwicklungsstörung in der zweiten Sprache Deutsch bei Kindern aus, die Deutsch ab dem Alter von ca. 3 Jahren erwerben?

  • Welche grammatischen Phänomene können in der Erstsprache Türkisch als klinische Marker für eine Spezifische Sprachentwicklungsstörung identifiziert werden?

Zur Klärung dieser Fragen wird bei türkisch-deutschen Kindern, die in den ersten Jahren ausschließlich Türkisch gelernt haben, der Erwerb des Deutschen ab dem Alter von 3 Jahren longitudinal über eine Periode von ca. 24-30 Monaten erfasst, sowohl bei sprachunauffälligen Kindern als auch bei einer kleinen Gruppe von Kindern, bei denen ein Verdacht auf Vorliegen einer SSES besteht. Zudem werden über eine Periode von einem Jahr Daten von älteren, d.h. 6-8-jährigen, türkisch-deutschen Kindern mit SSES erhoben, die ebenfalls seit dem Alter von ca. 3 Jahren Deutsch erwerben. Da sich eine genuine Sprachentwicklungsstörung in allen Sprachen eines Sprechers niederschlagen muss, werden auch punktuell Daten zur Ermittlung des Sprachentwicklungsstands im Türkischen erhoben. Die gewählte Konstellation von Sprachen (Türkisch/Deutsch) und Erwerbstyp (L1/frühe L2) bzw. Erwerbsbedingung (ungestört vs. gestört) ermöglicht die Untersuchung der drei genannten Fragestellungen.

Die erste Fragestellung betrifft den frühen ungestörten sukzessiven Erwerb und damit die 'kritische Phase' im Spracherwerb. Die bisher vorliegenden Ergebnisse stützen die Annahme, dass Kinder, die spätestens im 4. Lebensjahr mit dem Erwerb einer zweiten Sprache beginnen, dies parallel zum Erstspracherwerb tun. Für zentrale grammatische Strukturen (Satzstruktur, funktionale Kategorien) beobachten wir Erwerbsverläufe, die dem L1-Erwerb gleichen (Rothweiler 2006). Transfer aus der Erstsprache spielt keine Rolle. Die L1-Äquivalenz zeigt sich insbesondere im Kontrast zu Daten aus dem Wegener-Korpus (Erstkontakt mit dem Deutschen dort 6 Jahre) (Chilla 2008, Kroffke & Rothweiler 2006). Andere grammatische Bereiche, in denen lexikalisches Lernen eine bedeutende Rolle spielt (z.B. Genus), sollen in der laufenden Phase untersucht werden. Sollten sich Abweichungen vom L1-Erwerb belegen lassen, so sind als mögliche auslösende Faktoren Lexikonumfang und Transfer aus der Erstsprache zu prüfen.
Die zweite Fragestellung bezieht sich auf den Grammatikerwerb in der Zweitsprache Deutsch bei Kindern mit einer Sprachentwicklungsstörung, d.h. bei Kindern, bei denen auch im Türkischen Abweichungen im Grammatikerwerb auftreten. Die nun vorliegenden Ergebnisse zum Erwerb der Satzstruktur (Chilla 2008) zeigen, dass die Abweichungen bei Kindern mit SSES denen monolingualer Kinder mit SSES gleichen. Dieses Ergebnis ist nicht überraschend, da auch der unauffällige Erwerb der Satzstruktur im frühen sukzessiven Erwerb weitgehend parallel zum Erstspracherwerb verläuft. Diese Befunde müssen weiter erhärtet werden und sind von besonderem Wert für die sprachdiagnostische Praxis.

Die dritte Fragestellung betrifft die Ausprägung einer SSES in der Erstsprache Türkisch. Da bisher zu SSES im Türkischen keine Studien vorliegen, bearbeitet das Projekt auch diesen Bereich. Für das Türkische konnten bereits abweichende Muster im Bereich der Kasus- und Verbmorphologie gezeigt werden (Babur, Rothweiler & Kroffke 2007; Chilla & Babur im Druck).

Methodischer Ansatz

Das Projekt wertet längsschnittliche Spontansprachdaten und elizitierte Daten von vier Gruppen von Kindern mit Türkisch als L1 aus. Die Gruppen sind homogen im Hinblick auf den Zeitpunkt des Erwerbsbeginns, d.h. alle Kinder erwerben Deutsch ab dem Alter von etwa 3 Jahren. Die vier Gruppen unterscheiden sich in folgender Hinsicht:

Gruppe 1: sprachunauffällig, Sprachaufnahmen ab 1. bis 3. KM (= Kontaktmonat);
Gruppe 2: sprachunauffällig, Sprachaufnahmen ab 12. KM;
Gruppe 3: sprachauffällig, Sprachaufnahmen ab 12. KM;
Gruppe 4: sprachauffällig, bereits im Grundschulalter.

Zusätzlich werden die Daten der unauffälligen Kinder mit Daten von Kindern, die im Alter von 6 bis 8 Jahren mit dem Erwerb des Deutschen beginnen (Wegener-Korpus) verglichen, und die Daten der Kinder mit SSES werden mit Daten einsprachiger Kinder mit SSES verglichen (Clahsen-Korpus).

Publikationen

Babur, Ezel, Solveig Chilla & Bernd Meyer. 2008. Aspekte der Kommunikation in der logopädischen Diagnostik mit ein- und mehrsprachigen Kindern. In: Arbeiten zur Mehrsprachigkeit (AzM), Folge B, 85, Universität Hamburg.

Babur, Ezel, Monika Rothweiler & Solveig Kroffke. 2007. Spezifische Sprachentwicklungsstörung in der Erstsprache Türkisch. In: Linguistische Berichte 212. 377-402.

Chilla, Solveig. 2008a. Erstsprache, Zweitsprache, Spezifische Sprachentwicklungsstörung? Eine Untersuchung des Erwerbs der deutschen Hauptsatzstruktur durch sukzessiv-bilinguale Kinder mit türkischer Erstsprache. Hamburg: Verlag Dr. Kovac.

Chilla, Solveig. 2008b. Störungen im Erwerb des Deutschen als Zweitsprache im Kindesalter – Eine Herausforderung an die sprachpädagogische Diagnostik. In: Diskurs Kindheits- und Jugendforschung 3. 277–290.

Chilla, Solveig & Ezel Babur (2010). Specific Language Impairment in Turkish-German successive bilingual children. Aspects of assessment and outcome. In: Topbaş, Seyhun & Mehmet Yavaş (eds.): Communication disorders in Turkish in monolingual and multilingual settings. Bristol: Multilingual Matters. 352-368.

Chilla, Solveig, Monika Rothweiler & Ezel Babur. 2010. Kindliche Mehrsprachigkeit. Grundlagen, Störungen, Diagnostik. München: Reinhardt.

Kroffke, Solveig. 2007. Mehrsprachige Kinder mit Spezifischer Sprachentwicklungsstörung Implikationen für die Diagnostik. In: L.O.G.O.S. interdisziplinär 15 (4). 253 – 262.

Kroffke, Solveig & Bernd Meyer. 2007. Verständigungsprobleme in bilingualen Anamnesegesprächen. In: Meyer, Bernd & Shinichi Kameyama (eds.): Mehrsprachigkeit am Arbeitsplatz. Frankfurt a. M. [u.a.]: Peter Lang, 149-184.

Kroffke, Solveig & Monika Rothweiler. 2006. Variation im frühen Zweitspracherwerb des Deutschen durch Kinder mit türkischer Erstsprache. In: Vliegen, Maurice (ed.). Variation in Sprachtheorie und Spracherwerb. Akten des 39. Linguistischen Kolloquiums, Amsterdam. - Frankfurt a.M. [u.a.]: Peter Lang. 145-153.

Papadopoulou, Despina, Monika Rothweiler, Ianthi-Maria Tsimpli, Solveig Chilla, Annnette Fox-Boyer, Kalliopi Katsika, Maria Mastropavlou, Agapi Mylonaki & Nadine Stahl. 2009. Motion verbs in Greek and German: Evidence from typically developing and SLI children. In: Tsangalidis, Anastasios (ed.). Selected Papers on Theoretical and Applied Linguistics. 18th International Symposium. Monochromia: Thessaloniki. 289-309.

Rothweiler, Monika. 2010. The potential of studying SLI in bilinguals for linguistic research on SLI in monolinguals. Comment on Johanne Paradis "The Interface between Bilingual Development and Specific Language Impairment". In: Applied Psycholinguistics 31.102-106.

Rothweiler, Monika. 2009a. Critical periods and SLI. Comment on Jürgen Meisel “Second Language Acquisition in Early Childhood”. In: Zeitschrift für Sprachwissenschaft 28,1. 49-57.

Rothweiler, Monika. 2009b. Über den Zusammenhang von Lexikon, Grammatik und Mehrsprachigkeit: Was kann die Spracherwerbsforschung für die Praxis liefern?. In: Sprachheilarbeit 54. 246-254.

Rothweiler, Monika. 2009c. Frühe Mehrsprachigkeit in der Kindertagesstätte. Vergleichen wir Äpfel mit Birnen? In: Ostfriesische Landschaft (Hg.) Mehrsprachiges Ostfriesland. Was der Erhalt der plattdeutschen Sprache bringt. Dokumentation. Ostfriesische Landschaft: Aurich. 18-40.

Rothweiler, Monika. 2007a. Spezifische Sprachentwicklungsstörung und Mehrsprachigkeit. In: Schöler, Hermann & Alfons Welling (eds.). Sonderpädagogik der Sprache. (= Borchert, Johannes & Herbert Goetze (eds.) Handbuch Sonderpädagogik, Band 1) Göttingen: Hogrefe. 254-258.

Rothweiler, Monika. 2007b. Multilingualism and language impairments. In: Auer, Peter & Li Wei (eds.). Multilingualism. (= Handbook of Applied Linguistics (HAL), edited by Antos, Gerd & Karlfried Knapp). Berlin, New York: de Gruyter. 229-246.

Rothweiler, Monika 2007c. Bilingualer Spracherwerb und Zweitspracherwerb. In: Steinbach, Markus et al. (eds.). Schnittstellen der germanistischen Linguistik. Stuttgart/Weimar: Metzler. 103-135.

Rothweiler, Monika. 2007d. ’Mistaken identity’ – Zum Problem der Unterscheidung typischer grammatischer Strukturen bei SSES und bei Mehrsprachigkeit". In: de Langen-Müller, Ulrike & Volker Maihack (eds.). Früh genug – aber wie? Sprachförderung per Erlass oder Sprachtherapie auf Rezept? Tagungsbericht vom 8. wissenschaftlichen Symposium des Deutschen Bundesverbandes der akademischen Sprachtherapeuten. Köln: ProLog. 110-128.

Rothweiler, Monika. 2006a. The acquisition of V2 and subordinate clauses in early successive acquisition of German. In: Lleó, Conxita (ed.). Interfaces in Multilingualism: Acquisition, Representation and Processing. Amsterdam: John Benjamins. 91-113.

Rothweiler, Monika. 2006b. Spezifische Sprachentwicklungsstörung und kindlicher Zweitspracherwerb. In: Rainer Bahr & Claudia Iven (eds.) Sprache, Emotion, Bewusstheit. Beiträge zur Sprachtherapie in Schule, Praxis, Klinik. Idstein: Schulz-Kirchner Verlag, 154-162.

Rothweiler, Monika. 2004. Spezifische Sprachentwicklungsstörung und früher Zweitspracherwerb. In: VHN - Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete 73, 167-178.

Rothweiler, Monika, Ezel Babur & Solveig Kroffke. 2007. Spezifische Sprachentwicklungsstörung im Kontext kindlicher Mehrsprachigkeit. Ergebnisse zur Kasusmorphologie in der Erstsprache Türkisch. In: Sprache, Stimme, Gehör 31. 1-7.

Rothweiler, Monika, Solveig Chilla & Ezel  Babur. 2010. Specific Language Impairment in Turkish: Evidence from the acquisition of case markings in Turkish-German successive bilinguals. In: Clinical Linguistics and Phonetics 24 (7). 540-555.

Rothweiler, Monika, Solveig Kroffke & Michael Bernreuter. 2004a. Grammatikerwerb bei mehrsprachigen Kindern mit einer Spezifischen Sprachentwicklungsstörung. Voraussetzungen und Fragen. In: Arbeiten zur Mehrsprachigkeit (AzM), Folge B, 52, Universität Hamburg. 4-18.

Rothweiler, Monika, Solveig Kroffke & Michael Bernreuter. 2004b. Grammatikerwerb bei mehrsprachigen Kindern mit einer Spezifischen Sprachentwicklungsstörung. Voraussetzungen und Fragen. In: Die Sprachheilarbeit 49. 25-31.
 

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