
Die Universität Hamburg gehört zu den jüngeren deutschen
Universitäten. Ihre Errichtung dokumentiert sich nicht in einem
landesherrlichen Stiftungsbrief, sondern im nüchternen „Amtsblatt“ der
Freien und Hansestadt Hamburg vom 1. April 1919.
Die Wurzeln der Universität reichen jedoch bis in das beginnende 17. Jahrhundert zurück. 1613 wurde in Hamburg das „Akademische Gymnasium“ gegründet. Es war als Zwischenstufe zwischen Schule und Universität gedacht: In zwei Semestern sollten hier allgemeinbildende Vorlesungen gehört werden, ehe sich die Absolventen Spezialstudien zuwandten.
Aus Mangel an Zuhörern musste diese Einrichtung 1883 geschlossen
werden; es blieb jedoch ein 1895 neugeordnetes „Allgemeines
Vorlesungswesen“. Hierfür stiftete der Kaufmann Edmund Siemers das 1911
eingeweihte Vorlesungsgebäude an der später nach ihm benannten Allee. DER FORSCHUNG, DER LEHRE, DER BILDUNG gewidmet, dient es heute als
„Hauptgebäude“ der Universität.
Neben öffentlichen Vorlesungen für Laien gab es auch Fortbildungskurse für bestimmte Berufskreise, so für Kandidaten der Theologie, für Verwaltungsbeamte, Zollbeamte, praktische Ärzte, Kaufleute, Pharmazeuten und Lehrer. Für die Bedeutung dieses „Vorlesungswesens“ sprechen einige Zahlen: Im Wintersemester 1913/14 wurden 300 Kurse von 207 Dozenten abgehalten. 4300 Vorlesungsverzeichnisse wurden in diesem Semester verkauft.
Im 19. Jahrhundert hatten sich neben dem Akademischen Gymnasium zahlreiche wissenschaftliche Institute entwickelt, so der Botanische Garten (1821), die Sternwarte (1833), das Chemische Staatslaboratorium (1878), das Physikalische Staatslaboratorium (1885), das Laboratorium für Warenkunde (1885), das Institut für Schiffs- und Tropenkrankheiten (1900).
Die Direktoren dieser „Wissenschaftlichen Anstalten“ wurden nach
Schließung des Akademischen Gymnasiums verpflichtet, die öffentlichen
Vorlesungen fortzuführen. Sie bildeten 1892 gemeinsam mit den für das
allgemeine Vorlesungswesen berufenen Dozenten einen
„Professorenkonvent“.
Die Gründung der „Hamburgischen Wissenschaftlichen Stiftung“ im Jahre
1907 und des Kolonialinstituts im Jahre 1908 waren zwei wichtige
weitere Stationen auf dem Wege zu einer Universität.
Die Stiftung machte
sich die Anwerbung von Gelehrten und die Unterstützung von
Forschungsreisen und wissenschaftlichen Publikationen zur Aufgabe. Das
Institut bereitete angehende Kolonialbeamte auf ihre spätere Arbeit im
Ausland vor. Die „Zentralstelle“ des Kolonialinstituts war als
Dokumentations- und Informationszentrum für Fragen der gesamten
überseeischen Welt tätig; ihr Nachfolger wurde das Hamburgische
Welt-Wirtschafts-Archiv.
Obwohl Werner von Melle sich als Senator und später als Bürgermeister den Zusammenschluss dieser Einrichtungen zu einer Universität Anfang des 20. Jahrhunderts zur Lebensaufgabe gemacht hatte, scheiterte dieser Plan in der nach Klassenwahlrecht zusammengesetzten „Bürgerschaft“.
Dort
überwogen die Stimmen, die Hamburg auf seine dominierende Rolle als
Handelsmetropole beschränkt wissen wollten und sowohl die Kosten einer
Universität als auch die gesellschaftlichen Ansprüche ihrer Professoren
scheuten.
Durch Einzelinitiative wurden gleich nach dem Ersten Weltkrieg
für die zurückkehrenden Kriegsteilnehmer „Universitätskurse“
eingerichtet.
Erst die demokratisch gewählte Bürgerschaft beschloss mit ihrer neuen Mehrheit in einer ihrer ersten Sitzungen die Gründung einer „Hamburgischen Universität“. Sie wurde am 10. Mai 1919 in der Hamburger Musikhalle feierlich eröffnet. Werner von Melle wurde 1921 mit der einmaligen Würde eines „rector magnificus honoris causa“ ausgezeichnet.
In der Weimarer Republik erwarb sich die junge Universität durch
herausragende Gelehrte in einer Reihe von Disziplinen schnell auch
internationalen Rang. Die enge Verbindung zu Einrichtungen wie Aby Warburgs „Kulturwissenschaftlicher Bibliothek“
oder Albrecht Mendelssohn Bartholdys „Institut für Auswärtige Politik“
begründete neue Formen und Inhalte auch disziplinübergreifender
Zusammenarbeit.
Die nationalsozialistische Diktatur zerstörte diese
kurze Blüte, vor allem durch die erzwungenen Entlassungen von etwa
fünfzig Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, unter ihnen die
bedeutendsten Gelehrten der Universität.
An einige von ihnen, etwa den
Psychologen William Stern, den Philosophen Ernst Cassirer und den
Physiko-Chemiker Otto Stern, errinnern heute Büsten und Gedenktafeln
ebenso wie an die studentischen Mitglieder des Hamburger Zweiges der
„Weißen Rose“, die für ihren Widerstand gegen das Unrechtsregime ihr
Leben lassen mußten.
Zunächst waren vier Fakultäten geschaffen: Rechts- und
Staatswissenschaften, Medizin, Philosophie, Naturwissenschaften. Die
Voraussetzungen für die Errichtung der Medizinischen Fakultät waren in
dem gut ausgestatteten Krankenhaus in Eppendorf gegeben, das sich in der
Zeit der großen Cholera-Epidemie Ende des 19. Jahrhunderts auch
außerhalb Hamburgs einen hohen Ruf erworben hatte.
Die Zahl der Fakultäten der im November 1945 als „Universität Hamburg“ wiedereröffneten Hochschule erhöhte sich 1954 auf sechs, und zwar durch Neugründung einer Evangelisch-Theologischen Fakultät und durch Abtrennung der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften von der Rechtswissenschaftlichen Fakultät.
Am 25. April 1969 verabschiedete die Bürgerschaft der Freien und
Hansestadt Hamburg ein neues Universitätsgesetz. Sichtbarsten Ausdruck
fand die darin niedergelegte Reform einerseits im Ausbau der
akademischen Selbstverwaltung, der Mitbestimmung aller
Universitätsmitglieder auf ihren drei Ebenen (Konzil und Senat, Fachbereichsräte, Institutsräte), andererseits in der Schaffung einer kontinuierlichen Zentralinstanz, des Präsidenten,
der in einem ausbalancierten System die Autonomie der Universität in
Wissenschaft und Forschung nach außen und die Belange des Staates, der
die Universität finanziell unterhält und die Rechtsaufsicht ausübt, nach
innen vertritt.
Die alten sechs Fakultäten wurden 1969 in 15 Fachbereiche aufgeteilt. Im Laufe der Jahre erhöhte sich die Zahl der Fachbereiche auf 19. Durch die Zusammenlegung der beiden rechtswissenschaftlichen Fachbereich im Sommersemester 1998 verfügt die Universität nun über 18 Fachbereiche. Hinzu kommen sieben sogenannte senatsunmittelbare Einrichtungen, acht fachübergreifende Studieneinrichtungen und vier Hochschulübergreifende Studiengänge.
Am 1. Januar 1979 wurde das Universitätsgesetz von 1969 durch das Hamburgische Hochschulgesetz abgelöst, das das Landesrecht an das Hochschulrahmengesetz
anpasst. In allen Selbstverwaltungsgremien, die über Lehre, Forschung
oder Berufung entscheiden, verfügen Professoren nunmehr – anders als
vorher – über die absolute Mehrheit.
1919 studierten 1729 Studenten an der Universität. Anfang der fünfziger Jahre war die Zahl auf rund 6000, 1960 auf 12.600 und 1970 auf 19.200 angestiegen. Zurzeit sind rd. 40.000 Studierende – unter ihnen ca. 4800 ausländische – eingeschrieben.
Ende der fünfziger bis Mitte der
sechziger Jahre erfolgte der Ausbau des Campus im Von-Melle-Park nahe
der Außenalster im Herzen der Stadt. Eine Reihe weiterer großer Gebäude
im Campus-Bereich erhielt die Universität in den Jahren 1974 und 1975,
so das „Geomatikum“ für die Fachbereiche Mathematik und
Geowissenschaften, das mit seinen 22 Stockwerken alle Häuser des
Stadtteils Hamburg-Eimsbüttel überragt.
Im Herbst 1998 wurde der vom
Ehepaar Hannelore und Dr. Helmut Greve gestiftete „Flügel West“ am
Hauptgebäude der Universität an der Edmund-Siemers-Allee bezogen.
Weitere Einrichtungen der Universität befinden sich in anderen Stadtteilen; das Universitätsklinikum in Eppendorf, der neue Botanische Garten und das Institut für Allgemeine Botanik in Flottbek, das Institut für Schiffbau in Barmbek, das Institut für Hydrobiologie und Fischereiwissenschaft in Altona in der Nähe von Hafen und Elbe, die Sternwarte in Bergedorf und einige Physikalische Institute in Bahrenfeld, wo auch das weltbekannte Deutsche Elektronensynchrotron (DESY) arbeitet. Seit 1994 ist die Informatik in Stellingen zusammengefasst („Informatikum“).
Seit Anfang der achtziger Jahre befasst sich die Universität Hamburg
in vielfältiger Form verstärkt auch mit ihrer eigenen Geschichte. Hierzu
sind von ihren Mitgliedern zahlreiche Veröffentlichungen erschienen,
vornehmlich in der von der Universität herausgegebenen Reihe „Hamburger
Beiträge zur Wissenschaftsgeschichte“ im Dietrich Reimer Verlag (Berlin
und Hamburg).
Diese Bemühungen haben seit 1993 in der „Hamburger Bibliothek für Universitätsgeschichte“ im Fachbereich Geschichtswissenschaft ihren Mittelpunkt gefunden.