Giftfreie Schädlingsbekämpfung im Loki-Schmidt-GartenWenn die Nützlinge kommen, sind alle Stand-by – auch der Zaunkönig
7. Juli 2025, von Claudia Sewig
Im Loki-Schmidt-Garten, dem Botanischen Garten der Universität Hamburg, kommen alle vier Wochen tausende Helfer im Kampf gegen Blattläuse und Co. zum Einsatz. Gärtnerin Katrin Horst und ihre Kolleginnen und Kollegen greifen dann zum Pinsel oder schießen zahllose Larven in die Luft – alles, um mit besonderen Insekten die wertvollen Pflanzensammlungen zu schützen.
Man muss keinen Garten oder Balkon besitzen, um ihre Existenz wahrzunehmen: Auf Gehwegen und Autodächern hinterlassen Blattläuse unter Laubbäumen in der warmen Jahreszeit jetzt wieder ihre zuckrig-klebrigen Ausscheidungen, den sogenannten Honigtau. Davor haben die winzigen Insekten an den Pflanzen gesaugt – und dieses Verhalten kann, je nach Schädlingsart, Dichte des Befalls und Pflanzenart die Pflanzen schädigen oder im Extremfall sogar zum Tod dieser führen. Um das und Schäden durch andere Insekten in den wertvollen Pflanzensammlungen in den Gewächshäusern des Loki-Schmidt-Gartens zu verhindern, setzen die Gärtnerinnen und Gärtner auf so genannte Nützlinge, die auch bei Privatleuten mit Gärten immer beliebter werden.
Encarsia formosa, Chrysoperla carnea, Cryptolemus montrouzieri: Ihre wissenschaftlichen Namen sind klangvoll, ihr Appetit beachtlich. Die Schlupfwespe, die Gemeine oder Grüne Florfliege und der Australische Marienkäfer sind drei der Insekten-Arten, die Katrin Horst alle vier Wochen, gut verpackt in Papp-Schachteln und -Röhrchen, geliefert bekommt. „Die Anzahl der Tiere berechnet sich pro Quadratmeterfläche, für die sie benötigt werden. Wenn ich Florfliegen für 1000 Quadratmeter Gewächshausfläche bestelle, sind 5000 Tiere drin“, so die Gärtnerin. Katrin Horst betreut als Gärtnerin die Sammlung der Mittagsblumengewächse (Aizoaceae), eine der arten- und formenreichsten Pflanzenfamilien in den Trockengebieten des südlichen Afrikas. Die Sammlung in einem der Gewächshäuser des zur Universität Hamburg gehörenden Botanischen Gartens bildet die Grundlage für die Erforschung der Verwandtschaftsverhältnisse innerhalb der Mittagsblumen.
Weiße Fliege wurde schnell resistent gegen Gift
Katrin Horst hat bereits mit 16 Jahren als Lehrling in Klein Flottbek angefangen. Anfänglich wurde in allen Gewächshäusern mit Gift gegen Schädlinge vorgegangen. „Pestizide sind jedoch für alle Insekten schädigend, auch für die, die die Pflanzen nicht angreifen. Außerdem belasten Giftrückstände an Pflanzen, Wänden und Tischen der Gewächshäuser die Umwelt – ganz zu schweigen von der anschließenden Entsorgung der Verpackung der Mittel oder von Spritzmittelresten. Und auch um die Kolleginnen und Kollegen zu schützen, ist der Einsatz von Pestiziden mit großem Aufwand verbunden“, sagt Katrin Horst.
1997 erfolgte daher in den Gewächshäusern des Botanischen Gartens die Umstellung auf eine biologische Schädlingsbekämpfung mit sogenannten Nützlingen, also Insekten, die als Larven oder erwachsene Tiere andere (für die Pflanzen schädliche) Insekten fressen oder deren Nachkommen parasitieren. So macht es etwa die Schupfwespe Encarsia formosa mit den Larven der Weißen Fliege – und ist damit einer der Hauptgegenspieler des unbeliebten Schädlings. Sie legt mit ihrem Legebohrer je ein Ei in eine Larve der Weißen Fliege. Die Schlupfwespenlarve lebt dann im Innern der Weiße-Fliege-Larve und tötet diese ab. Katrin Horst: „Die Weiße Fliege war, als wir noch spitzten, ganz stark bei uns. Und sie konnte innerhalb eines Jahres resistent werden gegen das Gift. Heute haben wir sie mit Encarsia gut im Griff.“
Blattlauslöwen fressen bis zu 500 Blattläuse
Anders „arbeiten“ die auch Blattlauslöwen genannten Larven der Grünen Florfliege: Während ihrer Entwicklung, die acht bis 18 Tage dauern kann, fressen sie 200 bis 500 Blattläuse oder bis zu 10.000 Eier und Larven von Spinnmilben. Und die auffällig geformten, weißen Larven des Australischen Marienkäfers machen sich bevorzugt über Wollläuse her, denen sie sogar recht ähnlichsehen.
Um die Nützlinge zu den Schädlingen zu bringen, gibt es verschiedene Ausbring-Wege für die Gärtnerinnen und Gärtner: Die großen Larven des Australischen Marienkäfers werden mithilfe eines weißen, feuchten Haushaltstuchs aus ihrer Verpackungstüte gelockt (ihre Beute, die Wollläuse, sind auch weiß). Von dem Tuch können die Larven dann mit einem Pinsel einzeln abgenommen und auf die Pflanzen gesetzt werden. Einfacher geht es bei den zarteren Raubmilben, die mit einem tragbaren Blasgerät, im Botanischen Garten liebevoll „Milbi“ genannt, gleichmäßig über die Kultur gepustet werden. „Und natürlich kann man auch Pflanzen-Untersetzer mit dem Füllmaterial und den Nützlingen befüllen und zwischen die Pflanzen stellen, oder angebohrte Gefäße befüllen und über die Pflanzen hängen. Die Nützlinge folgen dann dem Luftstrom nach draußen – oder wenn sie Hunger haben“, sagt Katrin Horst.
Was braucht der Nützling, um sich wohl zu fühlen?
Doch mit dem Ausbringen allein ist es nicht getan. Beim Nützlings-Einsatz muss man unter anderem das Klima in den Häusern berücksichtigen. „Viele Raubmilben brauchen für ihre Entwicklung eine Luftfeuchtigkeit von über 70 Prozent“, sagt Katrin Horst. Und zum Nützlingseinsatz gehöre auch immer unbedingt eine Ameisenbekämpfung: „Ameisen verteidigen ihre Blattlauskolonien. Die Cryptolemus-Larven werden daher von den Ameisen einfach wegtransportiert.“
Insgesamt müsse man viel lernen über die Nützlinge, damit diese sich wohl fühlten und ihrer Aufgabe nachkämen. Über Fortbildungen werde dieses Wissen zwischen Botanischen Gärten geteilt. Nur in wenigen Fällen sei heute noch der Einsatz von chemischen Mitteln nötig. Im Freiland sei der Gifteinsatz komplett verboten. Hier würden zur Schädlingsbekämpfung, zum Beispiel gegen den Befall mit Käfern aus der Gattung der Dickmaulrüssler, überwiegend Nematoden (Fadenwürmer) eingesetzt.
Wann immer die Nützlinge in Klein Flottbek angeliefert werden, müssten alle damit befassten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Stand-by sein, sagt Horst: „Dann muss es schnell gehen, damit die Nutzinsekten nicht in ihren Transportboxen vertrocknen“. Einer sei dann immer sofort zur Stelle: der Zaunkönig. Er brütet in einem der Gewächshäuser – und unterscheidet nicht zwischen Nützlingen und Schädlingen. Er frisst sie alle gerne.






