Logo der Universität Hamburg
Sonderforschungsbereich 538: Mehrsprachigkeit



Inhalt:

H8: Aktuelle polnisch-deutsche Zweisprachigkeit in Deutschland

Projektleitung: Jun.-Prof. Dr. Bernhard Brehmer, Institut für Slavistik

Wissenschaftliche Mitarbeiterinnen: Agnieszka Czachór

Studentische Hilfskräfte: Magdalena Kulesz, Dominika Sęczyk, Martin Winski

Thematik

Im Projekt soll eine deskriptive Bestandsaufnahme kontaktinduzierter Veränderungen bei bilingualen Sprechern mit L1 Polnisch erfolgen, die aktuell in Deutschland leben. Dabei konzentriert sich die Untersuchung auf Sprecher, die ihre L1 nur noch im natürlichen, ungesteuerten Spracherwerb innerhalb der Familie erworben haben. Der vermutete Abbau der sprachlichen Ausdrucksfähigkeit im Polnischen soll exemplarisch an ausgewählten morphologischen und syntaktischen Phänomenen empirisch untersucht werden. Dazu sollen von den Informanten Performanzdaten durch Interviews und Verbalisierungen einer Bildergeschichte erhoben und mit Sprecherurteilen über vorgelegte sprachliche Strukturen (Kompetenztest) verglichen werden.

Fragestellung

Die Auswertung der Ergebnisse der empirischen Erhebung soll die Grundlage für die Beantwortung einiger wichtiger Fragen von genereller theoretischer Relevanz bilden:

(1) Ist bei der polnischsprachigen Diaspora in Deutschland die Herausbildung einer stabilen, regelbasierten Mischvarietät aus Polnisch und Deutsch zu beobachten, oder liegt nur eine Übergangsstufe zum völligen Sprachwechsel vor?

(2) Lassen sich Hierarchien beim Abbau der untersuchten morphologischen und syntaktischen Phänomene aufstellen?

(3) Bei welchen Phänomenen lässt sich der Abbau mit universellen Tendenzen des kontaktinduzierten Sprachwandels erklären (die sich z.B. auch in anderen Teilen der polnischsprachigen Diaspora zeigen), wo liegen offensichtlich spezifische Entwicklungen innerhalb der untersuchten Kontaktkonstellation vor?

Kenntnisstand bei Projektbeginn

Zur sprachlichen Situation der polnischsprachigen Minderheit in Deutschland liegen bislang kaum Arbeiten vor, an die im Projekt angeknüpft werden kann. Die wenigen Studien, die die Entwicklung des Polnischen in Deutschland thematisieren, bieten meist nur mehr oder weniger akzidentelle Beobachtungen mit Schwerpunkt auf der Lexik (Mazur 1993, Nagórko 1997, Warchoł-Schlottmann 1996) oder befassen sich lediglich mit einer bestimmten Gruppe, v.a. den polnischstämmigen Bewohnern im Ruhrgebiet, die heute allerdings zum Großteil bereits sprachlich assimiliert sind (vgl. Michalewska 1991). Das Fehlen größerer Studien zu den strukturellen Besonderheiten des in Deutschland gesprochenen Polnischen erscheint besonders verwunderlich, wenn man bedenkt, dass Untersuchungen zu den in der Diaspora gesprochenen Varietäten des Polnischen (den sog. dialekty polonijne) in der polnischen Linguistik eine lange Tradition haben (vgl. die Bibliographie und Artikel in Dubisz 1997). Das Projekt soll diese Lücke schließen.

Ziele

Die Ausgangshypothese des Projekts ist, dass das Polnische in Deutschland im Vergleich zum System der polnischen Standardsprache einer signifikanten Korrosion unterliegt, die sich v.a. im Abbau struktureller Merkmale manifestiert. Es wird jedoch zu überprüfen sein, inwiefern sich nicht auch neue Strukturen unter dem Einfluss des Deutschen herausbilden. Die Auswertung dieses Teils des Projekts soll dazu beitragen, die Frage nach dem Status des in Deutschland gesprochenen Polnischen näher zu beleuchten. Bildet sich hier so etwas wie eine spezifische stabile Kontaktvarietät heraus, die im Bereich der Morphologie und Syntax bestimmten Regeln folgt, die über einzelne Idiolekte hinausgehen, oder handelt es sich dabei lediglich um eine Zwischenstufe zum völligen Sprachwechsel auf das Deutsche? Dabei wird auch zu hinterfragen sein, wie die Sprecher selbst das von ihnen gesprochene Mischidiom sehen.

Methode und Korpus

Methodisch und theoretisch wird das Projekt an aktuelle Standards der Forschungen zur Sprachkorrosion von L1 ansetzen (vgl. z.B. die Beiträge in Schmid et al. 2002 oder Seliger/Vago 1991). Unter Sprachkorrosion (language attrition) soll dabei mit Polinsky (1994, 1997) der (nicht durch physische Defekte bedingte) totale Verlust bzw. partielle Abbau der Sprachkompetenz in L1 verstanden werden, unabhängig davon, ob die Abweichungen von der L1 durch ihren unvollständigen Erwerb in der Kindheit (Typ ‚incomplete learners’) oder durch ein zeitlich progredientes Vergessen der zugrunde liegenden Strukturen (Typ ‚forgetters’) motiviert sind. Im vorliegenden Fall sind v.a. die Abweichungen relevant, die durch den Einfluss der dominanten Umgebungssprache Deutsch hervorgerufen werden.

Für die empirische Untersuchung müssen zunächst die Daten erhoben werden, da derzeit kein größeres Korpus des in Deutschland gesprochenen Polnischen zur Verfügung steht. Um trotz des begrenzten Zeitrahmens für das Projekt zu aussagekräftigen Ergebnissen zu kommen, soll vorwiegend mit elizitierten Daten gearbeitet werden. Hierzu sollen Querschnittsstudien zum polnischen Sprachgebrauch der Informanten angefertigt werden. Das Hauptaugenmerk des Projekts liegt damit auf einer qualitativen Analyse des Materials, quantitative Aspekte sollen nur beim Vergleich der Präsenz oder Absenz der untersuchten Strukturmerkmale zwischen den einzelnen aufgezeichneten Idiolekten eine Rolle spielen.

Die für das Projekt neu erhobenen Daten fallen in drei Kategorien: (1) Von jedem Informanten soll eine kurze Probe freier Sprechdaten erhoben werden. Dies soll im Rahmen kurzer (sprach)biografischer Interviews und Erzählungen über verschiedene Bereiche (Urlaub,  Lieblingsbuch oder –film etc.) erfolgen; (2) Gezielt elizitierte Sprechdaten: Jedem Informanten soll eine Bildergeschichte vorgelegt werden, die mit eigenen Worten beschrieben werden soll. Dies soll gewährleisten, dass direkt vergleichbare Daten produziert werden; (3) Grammatikalitätsurteile: Jeder Informant soll zum Abschluss der Befragung mit Testsätzen konfrontiert werden, die er auf ihre Akzeptabilität beurteilen soll. Neben korrekten Testsätzen sollen im Sample auch Sätze enthalten sein, die in den hier relevanten Sprachbereichen (Morphologie, Syntax) Einflüsse aus dem Deutschen aufweisen.

Mit dieser Mischung dreier Verfahren soll eine möglichst schnelle und zielgerichtete Erhebung einschlägiger Daten gewährleistet werden. Zudem kann so ein Einblick nicht nur in die tatsächliche Sprachproduktion (Datentypen 1 und 2), sondern auch in das Wissen um die der Produktion zugrunde liegenden grammatischen Regeln (Datentyp 3) genommen werden. Damit wird sich die Frage beantworten lassen, ob die zu erwartende Reduktion des Systems nur die Performanz oder auch die Kompetenz der Informanten betrifft. Ist nur die Performanz betroffen, müssten die Informanten bei den Grammatikalitätsurteilen deutlich besser abschneiden.

Um Aussagen hinsichtlich der Hierarchie der vom strukturellen Abbau betroffenen Bereiche treffen zu können, ist ein kleines Kontrollkorpus notwendig, das Informanten umfasst, die ebenfalls aktuell in Deutschland leben, aber im Unterschied zu den restlichen Informanten einen gelenkten Spracherwerb in ihrer L1 Polnisch aufweisen, d.h. in Polen vollständig die Schule besucht haben.

Parallel dazu soll ein weiteres kleines Kontrollkorpus mit monolingualen Sprechern des Polnischen erstellt werden. Dies soll einen Einblick in die bei monolingualen Sprechern zu beobachtende Varianz in den ausgewählten morphologischen und syntaktischen Kategorien ermöglichen. Damit soll auch die Frage geklärt werden, welche Varianzen im Korpus der bilingualen Sprecher mit dem Einfluss des Deutschen erklärt werden können, und welche offenbar spezifische innersprachliche Entwicklungsprozesse widerspiegeln.

Strukturbereiche

Als mögliche Bereiche, auf die sich die Untersuchung konzentrieren wird, kommen folgende Phänomene in Frage:

  • bei Substantiven Veränderungen des Kasussystems: Schwund im Deutschen nicht existenter Kasus außerhalb präpositionaler Wendungen bzw. Ersatz der synthetischen Kasusverwendung durch analytische Kombinationen aus Präposition + Kasus;
  • Veränderungen im Ausdruck des Verbalaspekts;
  • Abbau bzw. Umverteilungen im Bereich der Genera;
  • Veränderungen in der Rektion von Verben nach deutschem Vorbild;
  • häufige Verwendung des Personalpronomens in Subjektsposition in der pro drop-Sprache Polnisch;
  • Ausbildung artikelähnlicher Funktionen beim Numeral jeden 'eins' und dem Demonstrativpronomen ten 'dieser';
  • Einflüsse in der Wortstellung (z.B. Nachahmung der deutschen Satzklammer bei Kombination Modalverb + Infinitiv).

Sollte sich im Zuge der empirischen Untersuchung herausstellen, dass auch noch andere Strukturen in signifikanter Weise durch den Einfluss des Deutschen als Umgebungssprache von Veränderungen betroffen sind, so sollen diese selbstverständlich in angemessener Weise mit berücksichtigt werden.

Literaturauswahl

  • Brehmer, B. (2007): Sprechen Sie Qwelja? Formen und Folgen russisch-deutscher Zweisprachigkeit in Deutschland. In: Anstatt, T. (Hrsg.): Mehrsprachigkeit bei Kindern und Erwachsenen. Tübingen, 163-185.
  • Brehmer, B. (2008): Morphologische Integration aktueller lexikalischer Transfers aus dem Deutschen bei polnisch-deutschen Bilingualen. In: Brehmer, B., Fischer, K.B., Krumbholz, G. (Hrsg.): Aspekte, Kategorien und Kontakte slavischer Sprachen. Festschrift für Volkmar Lehmann zum 65. Geburtstag. Hamburg, 57-74.
  • Dubisz, S. (Hrsg.) (1997): Język polski poza granicami kraju. Opole.
  • Mazur, J. (1993): Język polski jako narzędzie komunikacji przesiedleńców z Polski do RFN. In: Gajda, S. (Hrsg.): Języki słowiańskie wobec współczesnych przemian w Europie. Opole, 65-74.
  • Michalewska, M.T. (1991): Polszczyzna osób bilingwalnych w Zagłębiu Ruhry w sytuacji oficialnej. Kraków.
  • Nagórko, A. (1997): Język polski w Niemczech. In: Dubisz, S. (Hrsg.), 174-187.
  • Polinsky, M. (1994): Structural dimensions of first language loss. In: Beals, K. et al. (Hrsg.): Papers from the 30th Regional Meeting of the Chicago Linguistic Society. Vol. 2: The Parasession on Variation in Linguistic Theory. Chicago, 257-276.
  • Polinsky, M. (1997): American Russian: Language Loss Meets Language Acquisition. In: Browne, W. et al. (Hrsg.): Annual Workshop on Formal Approaches to Slavic Linguistics. The Cornell Meeting 1995. Ann Arbor, 370-406.
  • Schmid, M.S. et al. (2002): First Language Attrition: Interdisciplinary Perspectives on Methodological Issues. Amsterdam/Ph.
  • Seliger, H.W., Vago, R.M. (1991): First Language Attrition. Cambridge.
  • Warchoł-Schlottmann, M. (1996): Język polski w Niemczech – perspektywy zachowania języka etnicznego u najnowszej emigracji. In: Przegląd Polonijny 22, 31-50.
 

Seiteninfo: Impressum  | Kontakt | Browserinfo | Letzte Aktualisierung am 27. Juni 2011 durch SFB 538
Blättern: Seitenanfang|Zur vorangehenden Seite|Zur nächsten Seite