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Sonderforschungsbereich 538: Mehrsprachigkeit



Inhalt:

H7: Sprachliche Konnektivität bei bilingual türkisch-deutsch aufwachsenden Kindern

Projektleitung: Jochen Rehbein

Mitarbeiterinnnen: Anette Herkenrath

Förderung: Juli 1999 bis Juni 2006

Wissenschaftliche Fragestellung

Im Teilprojekt H7 ist in Fortsetzung der vorangegangenen Projektphasen zu präzisieren, wie sich bei bilingual deutsch-türkisch aufwachsenden Kindern im Alter zwischen 5-12 Jahren die Sprachen entwickeln, d.h. von welchen mental-kognitiven, kommunikativen und konstellativen Faktoren die Entwicklung von türkisch-deutscher Mehrsprachigkeit abhängt.

Bisherige Ergebnisse

Das Projekt hat sich bis jetzt damit beschäftigt, wesentliche Unterschiede im Hinblick auf Konnektivität zwischen dem Türkischen in der Türkei und dem in Deutschland zu erforschen und die Unterschiede aus der Kontaktsituation heraus zu erklären. Die bisherigen Projektarbeiten zeigen, dass sich in den untersuchten Bereichen der Konnektivität im Kontakttürkischen der bilingual deutsch-türkisch aufwachsenden Kinder Uminterpretationen des türkeitürkischen Forminventars entwickeln:

In Herkenrath & Karakoç (2002a) ist in der Entwicklung Zweisprachiger im Türkischen eine allgemeine Abnahme derjenigen türkischen Konstruktionen, die mittels Nominalisierung in Form von Partizipien, Verbalnomina oder Konverbien in Matrixsätze eingebettet werden, festgestellt worden.

Herkenrath, Özdil & Rehbein (2004) untersuchen ”Code-Swi­tching” unter dem Blickwinkel von Konvergenz- und Fusionserscheinungen, und zwar eingeschränkt auf diskursorganisierende Verfahren bei Koordination und Diskurspla­nung (Rehbein 1995). Es zeigt sich eine Verlagerung von Thema-anbindenden Verfahren mittels Diskurspartikeln in monolingualen Daten hin zu deiktisch fokussierenden und äußerungsinitial positionierten konjunktionsähnlichen Verfahren in den bilingualen.

Weitere Projektstudien (Herken­rath, Karakoç & Rehbein 2003; Herkenrath & Karakoç 2005) zeigen, dass wh-Elemente bei einigen Kindern in nicht-interrogativen Konstruktionen eine Komplementiererrolle in subordinierten finiten Konstruktionen, die deutschen subordinierten Konstruktionen nicht unähnlich sind, entwickeln. Diese Verwendungsart ist charakterisiert durch Finitheit des Prädikats, Voranstellung des wh-Elements sowie durch Nachstellung der eingebetteten wh-Konstruktion mit rhematischen Eigenschaften. Die türkische Partikel ki, die aus persischem keh übernommen wurde und im Persischen Relativsätze, dass-Sätze und auch relativische Fragesätze einleitet, weist im Kontakttürkischen eine Komplementiererfunktion auf, die dem deutschen dass vergleichbar ist. Während im monolingualen Türkisch “wissensbearbeitende” Diskurspartikeln wie iste für diskurskoordinierende Verfahren eingesetzt werden, ist in den bilingualen Diskursen eine quantitativ geringere Verwendung von Partikeln aus diesem Bereich und eine stärkere Funktionalisierung temporaldeiktischer Elemente wie o zaman zu beobachten (Herkenrath 2004).

Projektarbeiten (Karakoç 2004b; Rehbein & Karakoç 2004) zur Verwendung aspektueller Elemente des Türkischen zeigen, dass die Kategorie ‘Aspekt’ im Deutschlandtürkischen unter Sprachkontakt ihre funktionale Interpretation ändert. Das Türkische in bilingualen Projektdaten zeichnet sich durch eine Reduktion des Spektrums der verwendeten Aspektformen und durch eine deutliche Präferenz für die präsentische Form (-(ø)Iyor) und die präteritale Form (-DI) aus. Des Weiteren handelt es sich bei den Diskursausschnitten in bilingualen Daten meist um diskontinuierliche Aspektverwendung im Gegensatz zu denen in monolingualen Projektdaten, in denen die systematische und konsequente Verwendung bestimmter aspektueller sowie temporaler Formen durchaus charakteristisch sind.

Dass sich verschiedene konnektive Elemente in Abhängigkeit von Diskursstrukturen entwickeln, wurde anhand des Erzählens in zwei Sprachen im Alter von 10 bis 16 gezeigt (Rehbein 2004). Erst im Jugendlichenalter wird dabei ein langfristig stabiles Verhältnis zwischen den Sprachen (Türkisch und Deutsch) zueinander erreicht; es zeigt sich bei Kindern individuell unterschiedlich.

Die projekt- und projektbereichsübergrei­fende Kooperation ergab zwei Studien zur Problematik Korpusarbeit und Methodologie: Baumgarten et al. (2004) ist ein Ansatz zur Entwicklung quantifizierender Methoden und Tools für die Analyse koordinierender Mittel (Konjunktionen, Diskursmarker) in diversifizierten Datenkorpora. Das Arbeitspapier verfolgt einerseits eine komparatistische und methodologische Fragestellung. Rehbein et al. (2004) ist ein Handbuch zur computergestützten Verschriftlichung gesprochener Sprache in mehrpersoniger Kommunikation (einschließlich der Transkrip­tion mehrsprachiger Daten in dem von TP Zb entwickelten Partitureditor EXMARaLDA.

Hypothesen

Es wird von den folgenden Hypothesen ausgegangen:

  • Die bilingualen Kinder erwerben in einem Spektrum von simultan bis sukzessiv zwei Sprachen und deren Varianten, von denen sich bei vielen das Türkische zur ”schwächeren” Sprache entwickelt.
  • Bei den bilingualen Kindern findet im Türkischen eine kreative Funktionserweiterung sprachlicher Formen statt.
  • Die Kinder entwickeln eine neue Varietät des Türkischen in Deutschland.
  • Der Erwerb konnektiver Mittel hängt von der Häufigkeit und der Qualität des Kontakts mit den sprachlichen Handlungsmustern ab, in denen diese Mittel vorkommen.
  • Art und Struktur der Interaktion zwischen Erwachsenen und Kindern, insbesondere die familiäre Diskursstruktur, spielt bei der Entwicklung von sprachlicher Konnektivität eine entscheidende Rolle.

Methodischer Ansatz

Methodisch wird mit einem inzwischen auf etwa 1100 Diskurse angewachsenen Korpus bilingualer und monolingualer Kindersprache gearbeitet. Die Schritte der Datenaufbereitung für die Analyse umfassen die computergestützte Transkription, äußerungsbezogene und Interlinearübersetzung sowie morphologische Transliteration. Eine Verbindung von quantitativer und qualitativer Auswertung erfolgt mit dem am SFB entwickelten mehrsprachigen EXMARaLDA Corpus-Manager (CoMa) und dem EXMARaLDA-Suchwerkzeug Zecke. Mit Hilfe von CoMa können die EXMARaLDA-Transkriptionen mit Metadaten (zu Sprechern, Kommunikation, Aufnahmen) erweitert werden. Das Suchwerkzeug Zecke macht es möglich, die Projektkorpora nach transkribierten und annotierten Phänomenen durchzusuchen und zu quantifizieren.

Ziele

In der Auslaufphase des Projektes werden die einzelnen Studien zu Verbalmorphologie sowie zu Partikeln als Mittel der Koordination abgeschlossen. Es wird angestrebt, Verwendungs- und Lernerprofile im Sinne einer Typologie von türkisch-deutscher Zweisprachigkeit mittels der neuen Quantifizierungsmethoden mit Hilfe von CoMa und Zecke zu erstellen und so einem Spektrum im Erwerb mehrerer Sprachen gezielt nachzugehen.

Veröffentlichungen und Projektpapiere

  • Baumgarten, N., Herkenrath, A., Schmidt, T., Wörner, K. & Zeevaert, L. 2005. Studying Connectivity with the Help of Computer-Readable Corpora: Some Exemplary Analyses from Modern and Historical, Written and Spoken Corpora. To appear in: J. Rehbein, C. Hohenstein & L. Pietsch (eds.) Connectivity in Grammar and Discourse. Amsterdam: Benjamins (Hamburg Studies in Multilingualism 5). Amsterdam: Benjamins.
  • Csató, É. A. & Karakoç, B. 1998. Noghay. In: Johanson, L. & Csató, É. A. (eds.) The Turkic Languages. London: Routledge, 333-343.
  • Güler, K. & Rehbein, J. 2002. ki – Form und Funktion eines Ausdrucks und seine Verwendung durch mono- und bilinguale türkische Kinder. Projektpapier.
  • Herkenrath, A. 2005. Discourse coordination in Turkish-German bilingual children's narratives: iste between knowledge processing and connectivity. To appear in: J. Rehbein, C. Hohenstein & L. Pietsch (eds.) Connectivity in Grammar and Discourse. Amsterdam: Benjamins (Hamburg Studies in Multilingualism 5). Amsterdam: Benjamins.
  • Herkenrath, A. & Karakoç, B. 2002a. Zum Erwerb von Verfahren der Subordination bei türkisch-deutsch bilingualen Kindern – Transkripte und quantitative Aspekte. In: Universität Hamburg, SFB 538 Mehrsprachigkeit: AzM (Arbeiten zur Mehrsprachigkeit), Nr. 37.
  • Herkenrath, A. & Karakoç, B. 2002b. Funktional-pragmatische Überlegungen zur Verwendung des Subordinationsmorphems -DIK im Türkischen. Projektpapier.
  • Herkenrath, A., Karakoç, B. & Rehbein, J. 2003. Interrogative elements as subordinators in Turkish - aspects of Turkish-German bilingual children’s language use. In: Natascha Müller (ed.) (Non)Vulnerable Domains in Bilingualism. Amsterdam, Benjamins (Hamburg Studies on Multilingualism 1) 221-269.
  • Herkenrath, A. & Karakoç, B. 2005. Zur Morphosyntax äußerungsinterner Konnektivität bei mono- und bilingualen türkischen Kindern. Erscheint in: H. Boeschoten & H. Stein (eds.) Beiträge zum 5. Deutschen Turkologenkonferenz. Wiesbaden: Harrassowitz Verlag.
  • Herkenrath, A., Özdil, E. & Rehbein, J. 2001. Aspects of Turkish-German Code Switching. Talk given at the Colloquium on Code-Switching, Accomodation and Multilingualism, Hamburg, 15th – 17th December 2000. Ms. (University of Hamburg, SBF 538).
  • Johanson, L. & Rehbein, J. (eds.) 1999a. Türkisch und Deutsch im Vergleich. Wiesbaden: Harrassowitz (Turcologica 39).
  • Johanson, L. & Rehbein, J. 1999b. Probleme des Vergleichs Türkeitürkisch-Deutsch. In: Johanson & Rehbein 1999a: vii-xx.
  • House, J. & Rehbein, J. 2004. What is multilingual communication. In: J. House & J. Rehbein (Hgg.) Multilingual Communication. (Hamburg Studies on Multilingualism. Vol. 3). Amsterdam: Benjamins, 1-17.
  • Karakoç, B. 2000. The finite copula bol- in Noghay and its functional equivalents in Turkish. In: A. Göksel & C. Kerslake (eds.). Studies on Turkish and Turkic Languages. Wiesbaden: Harrassowitz, 143-150.
  • Karakoç, B. 2001. Nogayca ve Türkiye Türkçesinde tümleç yan cümlelerinde yüklemlestiriciler. In: N. Demir & F. Turan (eds.) Scholarly depth and accuracy. A Festschrift to Lars Johanson. Johanson Armagani. Ankara: Grafiker Yayinlari, 193-216.
  • Karakoç, B. 2005a. Das finite Verbalsystem im Nogaischen. Wiesbaden: Harrassowitz Verlag (Turcologica 58).
  • Karakoç, B. 2005b. Finite elements in bilingual Turkish discourses. To appear in: J. Rehbein, C. Hohenstein & L. Pietsch (eds.) Connectivity in Grammar and Discourse. (Hamburg Studies on Multilingualism 5). Amsterdam: Benjamins.
  • Karakoç, B. 2005c. Ein Überblick über postverbiale Konverbien im Nogaischen. Erscheint in: H. Boeschoten & H. Stein (eds.) Beiträge zum 5. Deutschen Turkologenkonferenz. Wiesbaden: Harrassowitz Verlag.
  • Meng, K. & Rehbein, J. (eds.) (im Druck). Kinderkommunikation - einsprachig und mehrsprachig. Mit einer erstmals auf Deutsch publizierten Arbeit von Lev S. Vygotskij, Zur Frage nach der Mehrsprachigkeit im kindlichen Alter. Münster: Waxmann.
  • Özdil, E. 2000. Sprachwechselphänomene bei jugendlichen türkischen Migranten in Deutschland. Magisterarbeit, Universität Hamburg.
  • Redder, A. & Rehbein, J. (eds.) 1999a. Grammatik und mentale Prozesse. Tübingen: Stauffenburg.
  • Redder, A. & Rehbein, J. 1999b. Zusammenhänge von Grammatik und mentalen Prozessen. In: Redder & Rehbein 1999a: 1-12.
  • Rehbein, J. 1999a. Konnektivität im Kontrast. Zu Struktur und Funktion türkischer Konverbien und deutscher Konjunktionen, mit Blick auf ihre Verwendung durch monolinguale und bilinguale Kinder. In: Johanson & Rehbein 1999a: 189-243.
  • Rehbein, J. 1999b. Zum Modus von Äußerungen. In: Redder & Rehbein 1999a: 91-142.
  • Rehbein, J. 2001a. Turkish in European Societies. In: Lingua e Stile XXXVI-2: 317-334.
  • Rehbein, J. 2001b. Konzepte der Diskursanalyse. In: K. Brinker, G. Antos, W. Heinemann & S. F. Sager (eds.) Text- und Gesprächslinguistik. 2. Halbband. HSK) Berlin: De Gruyter, 927-945.
  • Rehbein, J. 2002. Pragmatische Aspekte des Kontrastierens von Sprachen – Türkisch und Deutsch im Vergleich. In: Eröffnungsreden und Tagungsbeiträge des VII. Türkischen Germanistikkongresses. Hacettepe Üniversitesi Ankara: UP (im Druck).
  • Rehbein, J. (im Druck). Einleitung: Kinderkommunikation - einsprachig und mehrsprachig.” In: Meng & Rehbein (im Druck).
  • Rehbein, J. (im Druck). Erzählen in zwei Sprachen - auf Anforderung. In: Meng & Rehbein (im Druck).
  • Rehbein, J. & Fienemann, J. 2004. Introductions – being polite in multilingual settings. In: J. House & J. Rehbein (Hgg.) Multilingual Communication. (Hamburg Studies on Multilingualism. Vol. 3). Amsterdam: Benjamins, 223-278.
  • Rehbein, J. & Karakoç, B. 2004. On contact-induced language change of Turkish aspects: Languaging in bilingual discourse. In: C. B. Dabelsteen & J. N. Jørgensen, (eds.) Languaging and Language practices. Copenhagen: Copenhagen Studies in Bilingualism (Vol. 36), 125-149.
  • Rehbein, J., Schmidt, T., Meyer, B., Watzke, F., Herkenrath, A. 2004. Handbuch für das Computergestützte Transkribieren nach HIAT. In: Universität Hamburg, Sonderforschungs­bereich 538 Mehrsprachigkeit: Arbeitspapiere zur Mehrsprachigkeit / Working Papers in Multilingualism, Folge B, Nr. 56.

 

 

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