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Sonderforschungsbereich 538: Mehrsprachigkeit



Inhalt:

E2: Simultaner und sukzessiver Erwerb von Mehrsprachigkeit


Wissenschaftliche Fragestellung:

Diese Untersuchung ist der Frage gewidmet, ob der Er­werb von zwei oder mehr Sprachen anders verläuft und zu qualitativ anderen sprachlichen Fähigkeiten führt als der monolinguale Sprach­er­werb. Dabei gehen wir von der Annahme aus, dass durch die menschliche Sprach­fähig­keit eine Dis­position zur Mehrsprachigkeit gegeben ist, deren Aktivierbarkeit aber im Verlauf des späteren Kindesalters abnimmt. Das führt zu der Hypothese, dass der simultane Erwerb von Sprachen die Entwicklung von grammatischen Kompetenzen ermög­licht, die qualitativ denen von entsprechenden Monolingualen gleichen, wäh­rend das grammatische Wissen von Lernern, die mehrere Sprachen sukzessiv erworben haben, qualitative Unterschiede zu dem der je­weiligen Muttersprachler aufweist. Um dies zu überprüfen, wird der bilinguale Erstspracherwerb (2L1) mit dem mono­lingualen Erstspracherwerb (L1) und mit dem Zweitspracherwerb (L2), also dem sukzessiven Erwerb von Zweisprachigkeit vergli­chen.

Bereits in der ersten Projektphase (1.7.1999-30.6.2002) wurden zwei Hypothesen formuliert, die Autonomiehypothese und die Reifungshypothese, die seitdem untersucht werden. Schwerpunkt der ersten Projektphase war die Überprüfung der Autonomiehypothese. In der zweiten Projektphase (1.7.2002-30.2005) rückte die Reifungshypothese zunehmend in den Mittelpunkt der Arbeit; in der laufenden dritten Phase (1.7. 2005-30.6.2008) liegt der Schwerpunkt weitestgehend auf dieser Problematik.

Die Hypothese der Autonomie grammatischer Entwicklung folgt aus der Annahme einer menschlichen Sprachfähigkeit als Anlage zur Mehrsprachigkeit, die in einer sensiblen Alters­phase aktiviert werden muss. Aus der Perspektive der hier zugrunde gelegten Grammatik­theorie bedeutet dies, dass die Universalgrammatik (UG) zugänglich wird, deren Prinzipien zu jedem Zeitpunkt des Erwerbsverlaufs die sich entwickelnden grammatischen Systeme be­stimmen. Ein wichtiges Ergebnis der ersten beiden Phasen des Projekts ist, dass keine qualita­tiven Unterschiede zwischen monolingualer und bilin­gualer Grammatikentwicklung ge­funden werden konnten. Mehrsprachige Kinder differenzieren von Beginn an die grammatischen Systeme und durchlaufen die gleichen Entwicklungs­phasen wie ent­sprechende monolinguale. Interdependenz (Transfer, Verzö­gerung, Beschleunigung), soweit sie überhaupt nachweisbar ist, lässt sich eindeutig als Performanzphä­nomen interpretieren.

In der zweiten Phase wurden verstärkt unausge­gliche­ne Entwicklungsverläufe untersucht, bei denen gegenseitige Beeinflussungen der Sprachen eher zu erwarten sind als bei ausgegliche­nen. Auch hier konnte aber bislang kein Nachweis dafür er­bracht werden, dass in der ”schwa­chen” Sprache eine qualitativ andere Kom­petenz als in der stär­keren erworben wird. Die „schwache“ Sprache wird jedoch in der laufenden Phase weiter untersucht.

Da die bisherigen Forschungsergebnisse die Autonomiehypothese sehr nachdrücklich bestäti­gen, beschränkt sich der Vergleich zwischen 2L1 und L1 in der laufenden Phase auf die Analyse von baskisch–spanischen Daten. Der Kontrast von typologisch unterschiedlichen Sprachen, wie Spanisch und Baskisch, ist besonders vielversprechend und wurde in der Forschung bisher vernachlässigt.

Die Reifungshypothese ergibt sich aus der Annahme, dass die menschliche Sprach(erwerbs)­fähigkeit nicht unbegrenzt zugänglich bleibt und somit beim L2 Erwerb nicht mehr direkt auf sie zugegriffen werden kann. Unsere bisherigen Ergebnisse zum Vergleich des simultanen mit dem sukzessiven Er­werb von Zweisprachigkeit lassen in der Tat bedeutende Unterschiede erkennen, welche die Reifungshypo­these bestätigen, d.h. die Erwerbs­fähig­keit ermöglicht den mono- oder multilingua­len Erstspracherwerb in­nerhalb eines begrenzten Alterszeitraums (sen­sible Perio­de). Ein spä­terer Erwerb von Sprachen ist demnach auf andere kogniti­ve Fähigkei­ten ange­wiesen, wo­durch sich im Vergleich zur L1 qualitative Unterschiede im Erwerbsver­lauf und in der Art des erworbenen grammati­schen Wissens ergeben. Unter der An­nahme, dass das optimale Erwerbsalter im Alterszeitraum zwischen 3 und 5 Jahren auszuklingen beginnt und die kri­tische Phase etwa mit 8 bis 10 Jahren endet, ist zwischen (2)L1 einerseits, kindlichem (etwa von 5 bis 10) und erwachsenem L2 Erwerb anderer­seits zu unterscheiden.

Ziel der Arbeit in der laufenden Phase ist es unter anderem herauszufinden, ob es auch beim sukzessiven Erwerb innerhalb der optimalen Phase (3 bis 5) möglich ist, eine der L1 entspre­chende Kompetenz zu erlangen. Man kann vermuten, dass tatsächlich bereits der verzögerte Er­werb im frühen Kindesalter auf Grund der neu­ronalen Rei­­­­­­fung zu qualitati­ven Differenzen führt, die durch linguistische und neuropsychologische Ana­lysen ermittelt werden müssen. Die Altersfrage steht somit ganz im Mittel­punkt der Arbeit der laufenden Phase III.

Schon in Phase II wurde die Reifungshypothese außer durch Analysen der Sprach­produktion auch durch neuropsychologische Tests überprüft. Dabei wurden fort­geschrittene und geübte L2 Lerner (Deutsch und Französisch) mit Personen vergli­chen, die beide Sprachen von Geburt an erworben haben. Die vorläufigen Ergebnisse dieser Kernspin-Untersuchungen (fMRI) deuten auf Unterschiede zwischen den beiden Lernertypen bei der Sprachverarbeitung in der funktionalen Organisation des Ge­hirns hin. In der Phase III sollen diese Studien fortgesetzt und durch Untersuchungen der Ge­hirnstromaktivitäten (Event-related brain potentials, ERP) ergänzt werden. Außerdem werden in die neuropsychologischen Tests Bilinguale einbezogen, die ihre Sprachen sukzessiv, aber schon im frühen Kindesalter erwor­ben haben.

Methodischer Ansatz:

Untersucht werden die bereits vorliegenden Korpora zum 2L1 Erwerb Deutsch - Fran­zö­sisch, Deutsch - Portugiesisch und Baskisch - Spanisch. Für die Studie des erwachsenen L2-Erwerbs stehen Daten für die Zielsprachen Deutsch und Französisch zur Verfügung. In der laufenden Phase werden zudem Daten zum frühkindlichen L2-Erwerb des Französischen, Deutschen und Portugiesischen erhoben.

Unsere Datenauswertung konzentriert sich in erster Linie auf die Stellung des Verbs, die linke Satzperipherie, Finitheit sowie Tempus-Aspekt und klitische Pronomina.

Die neurolinguistischen Untersuchungen werden mittels Elektroenzephalogramm (EEG) und Kernspinresonanztomographie (fMRI) von der "Cognitive Neuroscience Laboratory" Forschergruppe der Neurologischen Universitätsklinik in Kooperation mit unserem Teilprojekt durchgeführt.

 

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