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Inhalt:


"Religion und Gesellschaft" - Institut für Romanistik



Prof. Dr. Marc Föcking (Romanistik/Italienische und französische Literaturwissenschaft)


A. PROJEKTE

I. Aktuell/geplant

a) Wissen und Glauben im Roman des französichen 19. Jahrhundert

Kurzbeschreibung

Das Forschungsvorhaben basiert auf der bislang in unterschiedlichen Jahrhunderten untersuchten Fragestellung der Darstellbarkeit des Sakralen, der Ausprägung sakraler Textformen und des osmotischen Verhältnisses zwischen sakralen und profanen Bildfeldern bzw. Formen. Diese Fragestellung hat mich bislang hauptsächlich in der italienischen Literatur von Dante über die geistliche Lyrik in Renaissance und Barock bis zu Gabriele D’Annunzio beschäftigt und wird ausgedehnt auf die literarische Repräsentation der besonderen Ver- und Entflechtungen von Glauben und Wissen in der französischen Narrativik des 19.Jahrhundert. Dabei handelt es sich nicht um ein durch Literatur rezeptiv gespiegeltes Phänomen außerliterarischer Konflikte zwischen laizistisch-szientistischen und religiös-konfessionellen Diskursen, vielmehr profiliert sich die Literatur der Romantik im frühen 19.Jahrhundert (e.g. Chateaubriand) selbst als Sachwalterin des Religiösen, die Religion ästhetisiert und als Gegenposition zum – ihrerseits im Klassizismus des späten 18.Jahrhunderts ästhetisierten - Laizismus der Französische Revolution und der Regierungszeit Napoleons ausbaut. In dieser Ästhetisierung des Religiösen liegt aber bereits in der Romantik die Dekonfessionalisierung und Entdoktrinalisierung von Religion eingeschlossen, so daß aus der Ästhetisierung des Religiösen mit dem literarischen Paradigmenwechsel von der Romantik zum Réalisme und Naturalismus mühelos die Sakralisierung des Ästhetischen werden kann. Religiöse Bildlichkeit und religiöse Lexik bleiben so selbst in sich dezidiert positivistisch-materialistisch gebenden Diskursen (des Réalisme wie des Naturalismus) präsent, und zwar besonders dort, wo es immanente Begründungslücken des positivistischen Diskurses zu füllen gilt.

Beschreibung

Wie kein Jahrhundert zuvor hat das 19.Jahrhundert an der Entflechtung von Religion und Gesellschaft gearbeitet. Insbesondere in Frankreich haben die Bestrebungen der Französischen Revolution ein laizistisches Staats- und Gesellschaftssystem hervorgebracht, dessen Ausklammerung christlicher Legitimationsangebote sich mit dem literarischen Klassizismus des 18.Jahrhunderts mühelos harmonisieren ließ, das aber von der Literatur der Restauration dezidiert und programmatisch durch den „christianisme en religion“ (Sainte-Beuve) abgelöst wurde, der sich aber weniger als literarische Einkleidung einer christlichen, (katholischen) Offenbahrungsreligion, als vielmehr – besonders bei Chateaubriand und Hugo – als religiös fundierte Ästhetik und Geschichtstheorie profilierte, in der es nicht auf dogmatisch-konfessionelle Verbindlichkeit, sondern auf metaphysisch grundierte Ästhetisierung des „réel“ durch ein unter ihm liegendes „vrai“ ankam. Diese ‚schwache’ Vertikalität eines zweistöckigen Wirklichkeitskonzepts konnte sich im Zeichen von literarischem Realismus und Naturalismus zu einer horizontalen Weltmodellierungen abschleifen, die die romantische, vertikale Tiefenperspektive mit ihrem Fluchtpunkt des Religiösen, wie sie sich etwa in Chateaubriands Génie du Christianisme findet, durch positivistisch-empiristische Erklärungsmodelle ersetzte. Hierfür stehen exemplarisch die Beschränkung Hippolyte Taines auf die drei materiellen Determinanten allen menschlichen Verhaltens, auf die biologische „race“, das soziale „milieu“ und den geschichtlichen „moment historique“ oder Émile Zolas materialistisch-physiologische Ethik, für die Tugend und Laster nichts weiter sind als chemische Produkte „comme le sucre ou le vitriol“. Vor diesem Hintergrund scheint die Rolle der Sakralität im Roman des französischen Naturalismus zusammenzuschrumpfen auf die individuellen oder kollektiven Zwangsneurosen der Figuren, die den Romankosmos bevölkern und deren physiologischen Ursprung der sich an der Rolle des Arztes orientierende Erzähler diagnostiziert – so etwa in Émile Zolas Roman La faute de l’Abbé Mouret (1875). Die umfassende Erklärungsmacht der sich als Korrelat zur zeitgenössischen Wissenschaft verstehenden Literatur nimmt so der Religion ihren eigenen, sich von Sozialität differenzierenden System- und Sinnstiftungscharakter, indem sie sie sich als pathologisches Problem einverleibt. Religion ist so für den Naturalismus nichts weiter als die Darstellung des Darstellbaren. Genau hier aber kommt die in ihrer Diskretheit geleugnete Sakralität für die französische Literatur des Naturalismus wieder ins Spiel: Die wissenschaftlichen Erklärungsmodi der zeitgenössischen Medizin und Biologie blieben hinter den positivistischen Hoffnungen des „savoir pour prévoir“ zurück, medizinisches wie biologisches Wissen konnte nicht in therapeutische Erfolge umgemünzt werden, sondern legte lediglich die Einsicht in die unweigerliche „dégénérescence“ nahe, der die Wissenschaft machtlos gegenüberstehe. Der Gegenstandsbereich des wissenschaftlichen Diskurses wies somit Bereiche der Undarstellbarkeit auf, und die Literatur des Naturalismus bot eben Elemente des Religiösen auf, diese ‚wissenschaftliche’ Undarstellbarkeit darstellbar zu machen. Insbesondere Émile Zolas Romanwerk bedient sich biblischer Mythen und religiöser Symbolangebote, um wissenschaftliche Erklärungslücken zu füllen (e.g. die „dégénérescence“ als säkularisierte Erbsünde, der Mythos des Paradieses als vitalistischer Prokreationsort), sie kompensieren den impliziten Wissenspessimismus durch Deutungsmuster, die die positivistische Wissenschaft eigentlich ausschloß und die ihrerseits zum Geltungsverlust des positivistischen Biologismus beitrugen, der sich im Romanwerk Zolas bereits vor Abschluß des Rougon Macquart-Zyklus zu Beginn der 1890er Jahre ankündigt. Exemplarisch läßt sich diese neuerliche Erosion der Grenze von Sakralität und Sozialität an seinem Roman Lourdes (1894), der erste der drei Romane der Serie Les trois villes, zeigen: Die „Wunder“, die die Geschichte der in der Quelle von Lourdes Geheilten verzeichnet und die an der fiktiven Heilung der Protagonistin Marie exemplifiziert werden, sind positivistisch insofern akzeptabel, weil Zola sie als grundsätzlich, aber momentan noch nicht wissenschaftlich erklärbar kennzeichnet. Das „Wunderbare“ des Sakralen überbrückt so die Deutungslücke des Wissenschaftlichen, wird diesem auf einer normgerecht positivistischen Ebene aber untergeordnet. Da die nachzureichende wissenschaftliche Erklärung aber lediglich Ankündigung und Versprechen ist, bleibt der Status des „miracle“ zwischen Metaphysik und Physik, zwischen Sakralität und Sozialität in der Schwebe. Die in der expliziten Poetik des Naturalismus in den 1860er Jahren scharf gezogene Grenze zwischen Wissen und Glauben schleift sich in der impliziten literarischen Praxis des letzten Jahrhundertdrittels soweit ab, daß sich der Trend zum „mysticisme“ des Fin de siècle mühelos aus dem Naturalismus (und mit denselben Akteuren wie J.K. Huysmans) herausschälen kann.

Mögliche Promotionsthemen:

– Dekonfessionalisierung und religiöse Ästhetik in Chateaubriand Génie du christianisme

– Alternativer Enzyklopädismus in Chateaubriands Génie du christianisme

– Romantische Kirchenkritik in Hugos Nôtre-Dame de Paris und de Vignys Cinq-Mars

– Religion und/als Hysterie im Roman der Brüder Goncourt (Sœur Philomène, Madame Gervaisais)

– Revitalisierung des Biblischen in Emile Zolas Les Rougon-Macquart

– Die Marienerscheinungen von Lourdes im Roman des Fin de siècle (Zola, Lourdes; Huysmans, Les foules de Lourdes)

– Zur Mediengeschichte des Wunders. Die Marienerscheinungen von Lourdes in ihren medialen Inszenierungen

b) weitere, zur Zeit in Arbeit befindliche Projekte:

G: Grenzverwischungen zwischen religiösem und weltlichen Diskurs in der italienischen Barocklyrik, dazu im Druck: "Bildstörung. Probleme des Ikonischen geistlicher Lyrik in Marinos La Galeria und La Lira", erscheint in Barocke Bildkukturen: Dialog der Künste in Giovan Battista Marinos Galeria, hg. v. R. Stillers/C. Kruse

 

II. Bisherige Projekte

(B = Buchprojekt, G = größeres disziplinäres Projekt, I = interdisziplinäres Projekt, D = Drittmittelprojekt mit Angabe von Laufzeit und Finanzierung)

a) bereits abgeschlossen:

B: Rime sacre und die Genese des barocken Stils. Untersuchungen zur Stilgeschichte geistlicher Lyrik in Italien 1536-1612, Stuttgart 1994.

B: Pathologia litteralis. Erzählte Wissenschaft und wissenschaftliches Erzählen im französischen 19.Jahrhundert, Tübingen: Narr 2002.

B. EINSCHLÄGIGE VERÖFFENTLICHUNGEN

I. Monographien

- Rime sacre und die Genese des barocken Stils. Untersuchungen zur Stilgeschichte geistlicher Lyrik in Italien 1536-1612, Stuttgart 1994 

- Pathologia litteralis. Wissenschaftliches Erzählen und erzählte Wissenschaft im französischen 19.Jahrhundert, Stuttgart 2002.

- Giacomo Leopardi: Dichtung und Wissenschaft im frühen 19.Jahrhundert, Marc Föcking/Volker Steinkamp (Hgg.), Münster: LIT Verlag 2004.

II. Aufsätze


- "Fra le pura dita l'ostia santa. Die Sakralisierung des Profanen in den Romanen D'Annunzios", in: Germanisch-Romanische Monatsschrift NF. 41 (1991), S.189-213.

- "Gabriele Fiammas Rime spirituali und die Abschaffung des Petrarkismus", in: Der petrarkistische Diskurs, hg.v. K. W. Hempfer/G. Regn, Stuttgart 1993, 221-253.

- „Jean-Giacomo liest die Genesis. Leopardis Bibelinterpretation im ‘Inno ai patriarchi’“, in: Leopardi in seiner Zeit/Leopardi nel suo tempo. Akten des 2. internationalen Kongresses der Deutschen Leopardi-Gesellschaft, Sebastian Neumeister (Hg.), Tübingen: Stauffenburg 1995, S.147-175.

- "Gegen-(Literatur-)Reform. Sakralisierung und Innovation in der italienischen Literatur zwischen Renaissance und Barock", in: Zeitsprünge. Forschungen zur Frühen Neuzeit 1 (1997), S.62-644.

-„‘Dyalogum quendam‘. Petrarcas Secretum und die Arbeit am Dialog im Trecento“, in: Klaus W. Hempfer (Hg.), Möglichkeiten des Dialogs. Struktur und Funktion einer literarischen Gattung zwischen Mittelalter und italienischer Frührenaissance, Stuttgart: Steiner 2002, S.75-114.

-“Serio ludere. Epistemologie, Spiel und Dialog in Nicolaus Cusanus’ De ludo globi (1463)“, in: Klaus W. Hempfer/Helmut Pfeiffer (Hg.), Spielwelten. Performanz und Inszenierung in der Renaissance, Stuttgart: Steiner 2002, S.1-18.

- „L’HISTOIRE EST UN ROMAN DONT LE PEUPLE EST L’AUTEUR. Organische Geschichtsschreibung und Faktizität des Romans in Alfred de Vignys Réflexions sur la vérité dans l’art (1829)“, in: Zeitschrift für französische Sprache und Literatur 112 (2002), S.139-154.

-“‘Avant nous le déluge‘. Geologie und pathetic fallacy bei Chateaubriand und Leopardi“, in: Marc Föcking/Volker Steinkamp (Hg.), Giacomo Leopardi: Dichtung und Wissenschaft im frühen 19.Jahrhundert, Münster:LIT 2004, 91-108.

- „Trois contes. Ohnmacht des Wissens und Macht des Erzählens in der medizinischen Fallgeschichte des 19.Jahrhunderts“, in: Klaus W. Hempfer/Anita Traninger (Hg.), Macht Wissen Wahrheit, Freiburg i. Br.: Rombach 2005, S.201-212.

- "Al margine dello scientismo ottocentesco: parapsicologia, positivismo e il fantastico in Luigi Capuana, Gilbert Augustin Thierry e Bram Stoker", in: La tentazione del fantastico, hg. v. P. Ihring/F. Wolfzettel, Rom 2002, S.77-90.

- „’Qui habitat in caelis irridebit eos’. Paradiesisches und irdisches Lachen in Dantes Divina Commedia“, in: Paradies. Topographien der Sehnsucht. Claudia Benthien/Manuela Gerloff (Hg.), Köln/Weimar/Wien: Böhlau, 2010, S.77-98.


C. DISSERTATIONEN

I. Zur Zeit betreut
         
-Jan Bonin, Pixerécourts Melodrama. Zur Struktur und Ästhetik des französischen Melodramas

- Dagmar Bruss, Geschwister, Brüder, Freunde. Verwandschaftsbeziehungen in der italienischen Literatur des 19.Jahrhunderts

- Adriana Enslin, Erzähltechnik und Zentralperspektive im italienischen Renaissance-Epos

- Ingrun Hillesheim, Die Dekonstruktion der Aufklärung in französischen und deut-schen Briefromanen des 18.Jahrhunderts

- Rosemarie Lackner, Glückskonzeptionen im poetischen Werk Voltaires

- Dyane Vandystadt, Kriegslyrik in Frankreich und Italien (1914-1918)


II. In den letzten 5-6 Jahren abgeschlossene Arbeiten
- Halka Breyhan, Das Phantastische im Werk Tommaso Landolfis (2002-2004)

- Florian Beckerhoff, Monster und Menschen. Verbrechen und Strafe im französischen Roman des 19.Jahrhunderts (2004-2007)

- Ewa Mayer, Le théâtre de la proximité (Voltaire, Crébillon fils) (2005-2007)

- Katharina Lunau, L’homme personnage. Self-fashioning im Werk Henri-Pierre Rochés (2007-2010)


 

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