KURZBESCHREIBUNG
Das Forschungsprojekt beschäftigt sich aus einer alltagskulturwissenschaftlichen, nicht zuletzt sinnes- und erfahrungsbezogenen Perspektive und mit einem weiten Religionsbegriff mit den Materialisierungen des Glaubens in der ‚postsäkularen Gesellschaft’. Es nimmt den lebensweltlichen Umgang mit religiösen Objekten in den Blick und fragt nach der Rolle materieller Kultur in religiösen Praktiken im privaten und öffentlichen Raum. Ein Fokus des Projekts liegt auf Prozessen und Techniken der ‚Sakralisierung’ (und ‚Entsakralisierung’) von Dingen, der Integration religiös bedeutsamer Artefakte in den Alltag und seine Dingbestände oder auch der Separierung von sakraler und profaner Dingwelt in den jeweils konkreten Ausgestaltungen.
BESCHREIBUNG
Entgegen gesellschaftsanalytischer Prognosen vom Niedergang der Religion(en) lässt sich an der Wende zum 21. Jahrhundert ein neues Interesse an Religiosität und Spiritualität beobachten, das mit einer ‚Pluralisierung des Glaubens’ einhergeht und von elementaren Verschiebungen im Beziehungsgeflecht zwischen „Kirchlichkeit, Religion und Religiosität“ (Ponisch 2008) begleitet wird. An die Stelle einheitlicher, kirchlich-institutionell stabilisierter Glaubensgebäude (mit einem entsprechend kanonisierten Objektrepertoire) ist ein Reservoir verschiedener Sinnstiftungsangebote getreten, aus denen eigene religiöse Modelle zusammengefügt werden. Orientiert an Vorgängerstudien zur „Volksfrömmigkeit“ und „Religion des Alltags“ (Scharfe 2004), die (zumeist ausgehend von katholischen Glaubensäußerungen) Religion und Religiosität als ‚kulturelle Objektivation’ und damit als physische Manifestationen auf- und erfassen, sollen im Forschungsprojekt neue religiöse Formen – in ihrem prozessualen Charakter – über ihre Materialität und Materialisierungen betrachtet werden. Welche Rolle spielen Objekte bei der Herausbildung und Ausübung religiöser Praktiken? Wie tragen sie zu deren Stabilisierungen oder Dynamisierungen bei und wie werden sie mit religiösem ‚Sinn’ und religiöser Bedeutung ausgestattet? Welche Funktionen werden Dingen in religiösen Aushandlungsprozessen (und damit auch in gesellschaftlichen Beziehungs- und Machtfeldern) zugedacht? Im Unterschied zu Forschungsarbeiten, die sich vorrangig mit etablierten ‚Religionssystemen’ und einem entsprechend weitgehend gefestigten Kanon ‚sakraler Objekte’ auseinandersetzen, besteht der analytische Gewinn des Projekts darin, das ‚Gemachtsein’ von Religion speziell auch in seiner kulturellen Hybridität zu erfassen. Insbesondere sollen der Aspekt der ‚Bricolarisierung’ des Glaubens in der Spätmoderne – im Rückgriff und in der Auswirkung auf religiöse Dingwelten – sowie, angesichts von Massenproduktion und Verfügbarkeit, in seinen Wertzuschreibungs- und Individualisierungsstrategien verfolgt werden. In der Auseinandersetzung mit der sakralen Objekten zugeeigneten Qualität der Transzendenz sowie in der Folge von Konzeptualisierungen sakraler Objekte über deren Fähigkeit zur Ausdehnung von Handlungsspektren bieten empirische Studien in diesem Bereich vielversprechende Anschlussmöglichkeiten an neuere, actor-network-zentrierte Ansätze im Forschungsfeld der materiellen Kultur und in der Zusammenführung grundsätzlich neue Erkenntnisse zum Mensch-Ding-Verhältnis. Für eine nähere Betrachtung bieten sich unter anderem die folgenden Forschungsfragen an: - Wie sind religiöse Alltagspraktiken über ihr Dingrepertoire miteinander verwoben und welche Rolle spielen dabei die institutionalisierten Religionen? - Wie wirken sich individualisierte Glaubenskonzepte auf den materiellen Bestand des Glaubens, auf den religiösen Objektbestand aus? Fügen sich übernommene sakrale Objekte in neue Praxen und religiös grundierte Mensch-Ding-Beziehungen ein? Richten sich andersherum eingeübte rituelle Handlungen auf neue Objekte? Finden neue Kanonisierungen statt? Wie werden Ideelles und Materielles mit- und gegeneinander verhandelt? - Was meint der Bedeutungsverlust (oder neu erstarkte Bedeutungsgewinn) religiöser Institutionen im Hinblick auf sakrale Objekte, ihre Auswahl und den Umgang mit ihnen? Wie wird die sich verändernde Rolle der ‚Institutionen des Glaubens’ in der Welt der religiösen Gegenstände sinnfällig (nicht zuletzt z.B. bei deren ‚Entsorgung’)? - Wie verlaufen religiöse Identitätsstiftung, Inklusions- und Exklusionsprozesse und welche Rolle spielen dabei dingliche Manifestationen und Symbole des Religiösen? - Wie gestaltet sich vor diesem Hintergrund die sakrale Möblierung des öffentlichen und privaten Raumes konkret? - Wie werden die Beziehungen, Verbindungen, Abgrenzungen zwischen religiösen Objekten und nicht-religiösen Objekten gestaltet? Lässt sich diese kategoriale Trennung überhaupt aufrechterhalten?
MÖGLICHE PROMOTIONSTHEMEN
- objektorientierte empirische Mikrostudien zur gegenwärtigen ‚religion populaire’ in ihrer historischen Gewordenheit und unter Aspekten des Kulturtransfers und der Hybridisierung (Wanderbewegungen ‚sakraler Objekte’, Mischformen, Sakralisierungs- und Entsakralisierungsprozesse - wobei im Sinne Kohls (2003) potentiell jeder Gegenstand zum sakralen Gegenstand werden kann)
- Studien zum ‚religiösen Inventar’ von Alltagswelten: Verhältnis religiöse – profane Dinge in ihren Wechselwirkungen, konkrete Verortungen und Zusammensetzung religiöser Objektbestände, Genese und Etablierung ‚sakraler Objekte’, Funktions- und Bedeutungszusammenhänge, Einbindungen und Abgrenzungen, Zuschreibungen, Verschiebungen, Sicherungstechniken und -strategien, Phänomene der Hybridisierung und neuen Verfestigung religiöser Ausdrucksformen
- Verhandlungen ‚sakraler Objekte’ im öffentlichen und privaten Raum: diskursive und physisch-materiale Verflechtungen religiöser Ausdrucksformen mit anderen gesellschaftlichen Sphären und deren Rückkoppelung an den „religiöser Gebrauchswert“ (Scharfe 2004)
– Studien zu neuen Formen „sakraler Objekte“ (populare Ikonisierung, ‚Epiphanien’ des Alltags: „Madonna of the Toast“ etc.): Fragen der Übertragbarkeit von Sakralitätskonzepten/Überprüfung der Kategorie Sakrales/Sakralität im Hinblick auf lebensweltliche Dimensionen, Weiterentwicklung und Schärfung theoretischer Ansätze aus empirisch gesättigter Perspektive
II. Bisherige Projekte
(B = Buchprojekt, G = größeres disziplinäres Projekt, I = interdisziplinäres Projekt, D = Drittmittelprojekt mit Angabe von Laufzeit und Finanzierung)
b) zur Zeit in Arbeit:
(s. o. A B.)
B. EINSCHLÄGIGE VERÖFFENTLICHUNGEN
I. Monographien
- Die Kehrseite der Dinge. Müll, Abfall, Wegwerfen als kulturwissenschaftli-ches Problem. Münster u.a. 2004 (zugl. Marburg, Univ., Diss. 2002).
III. Aufsätze
- Faszination Rhythmus. Überlegungen zu einem Forschungsprogramm. In: Zeitschrift für Volkskunde 106/2010, S. 45-65.
- Rhythm a World Language? Reflections on Movement Oriented Cultural Analysis. In: Ethnologia Europaea 1/2010, S. 30-41 (peer reviewed).
- Das Metronom. Vertaktungen eines musikalischen Requisits. In: Katharina Ferus, Dietmar Rübel (Hg.): Die Tücke des Objekts. Vom Umgang mit Din-gen. Berlin 2009, S. 192-207.
- Idealwerte als Grenzwerte. Kulturwissenschaftliche Überlegungen zu Normungsprozessen, ihren Einbindungen und Effekten. In: Thomas Hengartner, Johannes Moser (Hg.): Grenzen und Differenzen. Zur Macht sozialer und kultureller Grenzziehungen. 35. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde, Dresden 2005. Leipzig 2006, S. 839-856.
- Bücher verbrennen als kultureller Ausdruck. In: Karl Baeumerth, Siegfried Be-cker (Hg.): Brauchen und Gestalten. Materialien zur Sachkulturforschung. Mar-burg 2004 (= Hessische Blätter für Volks- und Kulturforschung Bd.39/2003), S. 158-170.
- „Trash Museums“ – Exhibiting In-Between. In: Gillian Pye (Hg.): Trash Culture. Objects and Obsolescence in Cultural Perspective. Oxford u.a. 2010, S. 39-57.