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Inhalt:


"Religion und Gesellschaft" – Kunstgeschichtliches Seminar



Prof. Dr. Bruno Reudenbach


A. PROJEKTE

I. Aktuell/geplant


a) Bildliche Heiligkeitsprofile

Die Vorstellung, was Heilige sind und was sie auszeichnet, hat sich, ungeachtet einiger Konstanten, im Verlaufe der Geschichte vielfach verändert. Wenig untersucht ist bisher jedoch, ob und wenn ja, wie die bildliche Darstellung von Heiligen durch zeitgenössische Heiligkeitsvorstellungen beeinflusst ist, oder auch, ob nicht umgekehrt Heiligkeitsideale auch durch bildliche Formulierung und Propagierung geprägt werden können. Die bildliche Darstellung von Heiligen ist immer Komponente einer geplanten und beabsichtigten Kultpropagierung, steht häufig an der Schnittstelle zwischen individueller und öffentlicher Religiosität. In den seltensten Fällen sind dafür jedoch allein religiöse Gründe maßgebend; fast immer spielen soziale, politische oder ökonomische Faktoren bei der Profilierung von Heiligen eine Rolle, die wiederum in einem Verhältnis zur Bildgeschichte stehen. Die Bildlichkeit des Heiligenkultes steht damit paradigmatisch für das Verhältnis von Religion und Gesellschaft.

Mögliche Dissertationsthemen:

– Fallstudien zur Kult- und Bildgeschichte einzelner Heiliger

 – Fallstudien zur visuellen Markierung von Heiligkeit

b) Heilige Stätten und ihr Transfer

Das Projekt widmet sich dem materiellen Transfer der loca sancta des heiligen Landes durch eulogiai, spolia und Reliquien nach Westeuropa, der häufig architektonische und topographische Kopien oder bildliche Darstellungen der heiligen Stätten ergänzt. Durch authentisches Material als pars pro toto wird der heilige Ort selbst repräsentiert. Zugleich erinnern diese Reliquien, z. B. die von Kreuz, Krippe oder Grab Christi, auch an biblische Ereignisse, die an den Stätten stattfanden. Diese Objekte bergen die Authentizität und Autorität der loca sancta und fungieren als materielle Links zwischen den Stätten des Heiligen Landes selbst und ihren erinnernden Reproduktionen. Sie sind damit in den Komplex verschiedener Strategien des Memorierens gestellt, die architektonische und bildliche Repräsentationen ebenso einschließen wie biblische und legendarische Traditionen, Kult und Liturgie.

Mögliche Dissertationsthemen:

– Präsentationsformen von Spolien und Reliquien

– Vergegenwärtigungen Heiliger Stätten in Architektur, Reliquien und Kult

c) The Holy Land Elsewhere. Cult of Sites and Cult of Saints in Europe

Erfassung und Interpretation von Darstellungen, Reproduktionen und Kopien heiliger Stätten im heiligen Land (Kooperation mit Prof. Dr. Bianca Kühnel, Hebrew University, Jerusalem)

d) Medien von Religiosität in Mittelalter und früher Neuzeit

Gegenstand des Projektes soll die Untersuchung der Veränderungen sein, die sich in der visuellen Zurichtung und Ausstattung liturgischer und biblischer Bücher beim Übergang von der Handschrift zum gedruckten Buch vollzogen.                                                            

e) Was Gott schreiben ließ. Offenbarungsästhetik in frühmittelalterlichen Evangelienbüchern

Untersuchung der Bildausstattung frühmittelalterlicher Evangeliare und ihrer Kennzeichnung als sakrales Buch durch die darin entfaltete Thematik von Ver- und Enthüllung.



II. Bisherige Projekte

(B = Buchprojekt, G = größeres disziplinäres Projekt, I = interdisziplinäres Projekt, D = Drittmittelprojekt mit Angabe von Laufzeit und Finanzierung)

a) bereits abgeschlossen:

1) Reliquiare als Konstruktion und Wahrnehmung von Heiligkeit.
In dem Projekt wurden Funktion und Bedeutung von Reliquiaren in der mittelalterlichen Reliquienverehrung, die in hohem Maße mit Sinneswahrnehmungen - Anschauen, Berühren, Schmecken - operierte, untersucht. Leitthese war dabei, daß Reliquiare nicht allein Aufbewahrungsbehälter und Zeigegefäße waren, sondern als Instrumente und Stimulatoren vor allem der visuellen Wahrnehmung dienten und damit erst dem Kultgeschehen ein angemessenes, sinnlich wahrnehmbares Objekt stifteten. Das Projekt richtete sich demnach auf die diesen Geräten eigenen medialen Eigenschaften, durch die sich erst die besondere, die Verehrung legitimierende Qualität der Reliquien - kurz gesagt, ihre Heiligkeit - artikulieren ließ. (D 2002-2007 DFG)
2) Das Jenseits in mittelalterlicher Kunst. Untersuchung von Ikonographien und Bildstrategien zur Visualisierung von Jenseitsvorstellungen (G 1998-2007)
3) Liturgische Konditionierung von Kunst im Mittelalter. Untersuchung von Form und Ikonographie liturgischer Geräte, Bücher und Ausstattungen in Hinblick auf Interdependenzen mit liturgischen Handlungen. Vergleich von Bildstrategien und Strukturen ritueller Abläufe, von Bildrepräsentanz und Ritual. (G 1996-2005)

b) zur Zeit in Arbeit:

(s. o. A I.)                   
  

B.
EINSCHLÄGIGE VERÖFFENTLICHUNGEN

I. Monographien
        

- Das Godescalc-Evangelistar. Ein Buch für die Reformpolitik Karls des Großen, Frankfurt a.M. 1998

II. Sammelbände

- Reliquiare im Mittelalter, hg. von Bruno Reudenbach - Gia Toussaint, (Hamburger Forschungen zur Kunstgeschichte, 5) Berlin 2005
- Jerusalem, du Schöne. Vorstellungen und Bilder einer heiligen Stadt, hg. von Bruno Reudenbach (Vestigia Bibliae 28) Bern - Berlin u.a. 2008 (im Druck)

III. Aufsätze            

- Distanz und Nähe zum Heiligenleib. Über die architektonische Organisation des frühen Märtyrergedenkens in Rom, in: Neue Blicke. Historische Anthropologie in der Praxis., hg. von Richard van Dülmen - Erhard Chvojka - Vera Jung, Wien - Köln - Weimar 1997, S. 71-89
- Heilsräume. Die künstlerische Vergegenwärtigung des Jenseits im Mittelalter, in: Raum und Raumvorstellungen im Mittelalter, hg. von Jan A. Aertsen - Andreas Speer (Miscellanea Mediaevalia, 25) Berlin - New York 1998, S. 628-640
- Die Londoner Psalterkarte und ihre Rückseite. Ökumenekarten als Psalterillustration, in: Frühmittelalterliche Studien 32, 1998, S. 164-181
- Der Altar als Bildort. Das Flügelretabel und die liturgische Inszenierung des Kirchenjahres, in: Goldgrund und Himmelslicht. Die Kunst des Mittelalters in Hamburg. Ausstellungskatalog Hamburger Kunsthalle, Hamburg 1999, S. 26-33
- Reliquiare als Heiligkeitsbeweis und Echtheitszeugnis. Grundzüge einer problematischen Gattung, in: Vorträge aus dem Warburg-Haus, Bd. 4, hg. von Wolfgang Kemp u. a., Berlin 2000, S. 1-36
- Heil durch Sehen. Mittelalterliche Reliquiare und die visuelle Konstruktion von Heiligkeit, in: Von goldenen Gebeinen. Wirtschaft und Reliquie im Mittelalter (Geschichte und Ökonomie, 9), hg. von Markus Mayr, Innsbruck - Wien - München 2001, S. 135-147
- (mit Gia Toussaint): Die Wahrnehmung und Deutung von Heiligen. Überlegungen zur Medialität von Reliquiaren, in: Das Mittelalter 8, 2003, S. 34-40
- Bild – Schrift – Ton. Bildfunktionen und Kommunikationsformen im „Speculum virginum“, in: Frühmittelalterliche Studien 37, 2003, S. 25-45
- Wandlung als symbolische Form. Liturgische Bezüge im Flügelretabel der St. Jacobi-Kirche in Göttingen, in: Das Hochaltarretabel der St. Jacobi-Kirche in Göttingen, hg. von Hedwig Röckelein – Bernd Carqué (Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte, Bd. 213) Göttingen 2005, S. 249-272
- Reliquien von Orten. Ein frühchristliches Reliquiar als Gedächtnisort, in: Reliquiare im Mittelalter, hg. von Bruno Reudenbach - Gia Toussaint (Hamburger Forschungen zur Kunstgeschichte, 5) Berlin 2005, S. 21-41
- Wie Gott anfängt. Der Genesis-Beginn als Formgelegenheit, in: Bilder - Räume - Betrachter. Festschrift für Wolfgang Kemp zum 60. Geburtstag, hg. von Wolfgang Brassat – Steffen Bogen - David Ganz, Berlin 2006, S. 16-33
- Stiften für das ewige Leben. Stiftung, Memoria und Jenseits in mittelalterlicher Bildlichkeit, in: Canossa 1077 - Erschütterung der Welt. Geschichte, Kunst und Kultur am Aufgang der Romanik, Bd. 1: Essays, hg. von Christoph Stiegemann - Matthias Wemhoff, München 2006, S. 513-527
- Kopf, Arm und Leib. Reliquien und Reliquiare der heiligen Elisabeth, in: Elisabeth von Thüringen, eine europäische Heilige. Aufsätze, ed. Dieter Blume -Matthias Werner, Petersberg, 2007, S. 193-202
- Loca sancta. Zur materiellen Übertragung der heiligen Stätten, in: Jerusalem, du Schöne. Vorstellungen und Bilder einer heiligen Stadt, hg. von Bruno Reudenbach (Vestigia Bibliae 28) Bern - Berlin u.a. 2008 (im Druck)


C. DISSERTATIONEN

I. Zur Zeit betreut


- Daria Dittmeyer, Bilder der Gewalt. Darstellungen der Passion Christi und der Martyrien in der nordeuropäischen Malerei des späten Mittelalters
- Britta Dümpelmann, Der Krakauer Marienaltar des Veit Stoß
- Barbara Eggert, Bildwerk auf liturgischen Gewändern im Kontext der mittelalterlichen Liturgie
- Bärbel Witt, Altersentwürfe und Körperlichkeit von Heiligen in der Malerei der Frühen Neuzeit

II. In den letzten 5-6 Jahren abgeschlossene Arbeiten

                   
- Dorothee Böhm, Sakrale Inszenierungen des Profanen. Die Rezeption des christlichen Reliquiars in der Kunst nach 1945 (2007)
- Andrea Schaller, Der Erzengel Michael im frühen Mittelalter. Ikonographie und Verehrung eines Heiligen ohne Vita (Vestigia Bibliae 26/27) Bern - Berlin u.a. 2006
- Kristin Böse, Bilder weiblicher Heiligkeit zwischen klösterlichen und kommunalen Öffentlichkeiten. Zur Medialität und Funktion von Bildviten im Kult Francesca Romanas und anderer Religiosen im Tre- und Quattrocento (2005)
- Heike Willeke, Ordo und Ethos im Hortus Deliciarum. Das Text-Bild-Programm des Hohenburger Codex zwischen kontemplativ-spekulativer Weltschau und konkret-pragmatischer Handlungsorientierung (2004)
- Gia Toussaint, Das Passional der Kunigunde von Böhmen. Bildrhetorik und Spiritualität, Paderborn 2003
- Susan Müller-Wusterwitz, Bildnis und Tugendübung. Zur Funktion früher niederländischer Porträttafeln in der individuellen Frömmigkeitspraxis des 15. Jahrhunderts (2001)



Dr. Gia Toussaint


A. PROJEKTE

I. Aktuell/geplant


Ex oriente. Dinge aus dem Osten und ihre Inszenierung in Werken mittelalterlicher Schatzkunst

Ausgangspunkt des Projekts ist die Prämisse, daß im Hochmittelalter das Interesse an Dingen aus der Ferne stark zunimmt. Zwei Massenbewegungen lösen diese Konjunktur aus: die am Ende des 11. Jahrhunderts einsetzenden Kreuzzüge und die durch die Annexion des Heiligen Landes wieder auflebende Wallfahrt. Menschen aus dem Okzident erobern sich in der Ferne eine neue Dingwelt, bestehend aus Reliquien, Memorabilien und Exotica. Im Rahmen eines vorläufigen typologischen Verfahrens lassen sich die im Christentum fest verankerten Reliquien als vertraute Dinge von Exotica unterscheiden, die kulturell und religiös als fremd wahrgenommen wurden. Memorabilien sind Souvenirs, deren Funktion hauptsächlich darin bestand, an eine exzeptionelle Reise zu erinnern. Insbesondere Exotica bedurften häufig einer neu zu entwickelnden künstlerischen Integration, die in bislang unbekannte Präsentationsformen einmündete. Mittels ausgewählter Kategorien – Sensualität, Transkulturalität sowie Kontextualität und Medialität – soll diese dreifach differenzierte Dingwelt erschlossen und charakterisiert werden. Die aus der Ferne stammenden Dinge unterlagen Transformationsprozessen, deren Spektrum von Assimilation und Adaption bis zur Destruktion gespannt war. Es wird zu untersuchen sein, wie sich das von Spannung geprägte Verhältnis zwischen Fremdem und Eigenem ändert, denn fast immer wurde das Fremde seiner ursprünglichen Funktion beraubt und in neue Sinnzusammenhänge eingebettet. Da islamische Objekte christlich adaptiert wurden, stellt sich Frage, durch welche Mittel diese Transformation künstlerisch bewältigt und wie die Produkte dieses Prozesses vom Betrachter oder Benutzer rezipiert wurden.


II. Bisherige Projekte

(B = Buchprojekt, G = größeres disziplinäres Projekt, I = interdisziplinäres Projekt, D = Drittmittelprojekt mit Angabe von Laufzeit und Finanzierung)

a) bereits abgeschlossen:

B: Das Passional der Kunigunde von Böhmen. Bildrhetorik und Spiritualität, Paderborn 2003 (Dissertation). (B)

b) zur Zeit in Arbeit:

Im Rahmen von I: Kreuz und Knochen. Reliquien aus dem Osten und Sehen im Westen


B.
EINSCHLÄGIGE VERÖFFENTLICHUNGEN

I. Monographien          

- Das Passional der Kunigunde von Böhmen. Bildrhetorik und Spiritualität, Paderborn 2003Vgl. A. II.


II. Sammelbände

- Hg. zusammen mit Bruno Reudenbach: Reliquiare im Mittelalter, Berlin 2005.


III. Aufsätze


- Imagination von Architektur. Das Halberstädter Tafelreliquiar als Bild des himmlischen Jerusalem, in: Uwe Albrecht und Christine Kratzke (Hg.), Mikroarchitektur im Mittelalter. Ein gattungsübergreifendes Phänomen zwischen Realität und Imagination, Leipzig 2008, S. 213-223.
- Imago und Imaginatum. Der Gebrauch illuminierter Andachtsbücher als Ort religiöser Produktivität, in: Corinna Laude und Gilbert Heß (Hg.), Konzepte von Produktivität im Wandel vom Mittelalter in die Frühe Neuzeit, Berlin 2008, S. 229-242.
- Jerusalem – Imagination und Transfer eines Ortes, in: Jerusalem, du Schöne. Vorstellungen und Bilder einer heiligen Stadt, hg. von Bruno Reudenbach (Vestigia Bibliae 28), Bern 2008, S. 33-60.
- Die Kreuzreliquie und die Konstruktion von Heiligkeit, in: Hans-Werner Goetz, Steffen Patzold und Bruno Reudenbach (Hg.), Wahrnehmungs- und Deutungsmuster im Mittelalter (im Druck).
- Die Hände der Heiligen zwischen Magie und Anatomie, in: Mariacarla Gadebusch Bondio (Hg), Die Hand. Elemente einer Medizin- und Kulturgeschichte (im Druck).




 

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