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Inhalt:

"Religion und Gesellschaft" - Außereuropäische Geschichte



Prof. Dr. Ulrich Mücke (Geschichte Lateinamerikas und der Iberischen Halbinsel)
    

A. PROJEKTE

I. Aktuell/geplant


Religiöse Dimensionen des politischen Diskurses in Mexiko im 19. Jahrhundert


Der Zerfall des spanischen Kolonialreichs in den Amerikas führte zur Entstehung von Republiken, deren politische Ordnungen in der Öffentlichkeit begründet werden mussten. In Mexiko führte dies ab den 1820er Jahren zu einer breit gefächerten Publikationslandschaft, in der um die Gegenwart und Zukunft des Landes gestritten wurde. In diesen Debatten waren es neben Juristen vor allem Geistliche, die das Wort ergriffen. Das Forschungsprojekt fragt danach, inwiefern die spezifische Form der katholischen Predigt und Theologie Form und Inhalt der politischen Debatten in Mexiko im 19. Jahrhundert beeinflusste. Es knüpft dabei an zwei historiographische Debatten an: Zum einen an die Debatte über den "politischen Diskurs" in Mexiko, der bisher sehr stark die Bedeutung der juristischen Rhetorik betont hat, und zum anderen an die Forschung zu Predigten, die sich empirisch vor allem auf die Kolonialzeit konzentriert hat. Der Diskursbegriff soll dabei dazu beitragen, die Frage nach dem Einfluss der Religion nicht auf konkrete politische Maßnahmen zu begrenzen, sondern auf die nach den Strukturen des politischen Denkens auszuweiten. Die Frage nach der religiösen Dimension innerhalb des Säkularisierungsprozesses sucht also nicht nach vermeintlich "neuen Religionen", sondern nach der religiösen Struktur der Säkularisierung selbst. Das Projekt soll somit dazu beitragen, die Frage zu beantworten, warum nach 200 Jahren Säkularisierung die Religion weiterhin eine so bedeutende Rolle in Mexiko spielt.

II. Bisherige Projekte


(B = Buchprojekt, G = größeres disziplinäres Projekt, I = interdisziplinäres Projekt, D = Drittmittelprojekt mit Angabe von Laufzeit und Finanzierung)

bereits abgeschlossen:

siehe unter B.


B.
EINSCHLÄGIGE VERÖFFENTLICHUNGEN

Monographien


- Schwarzes Amerika. Eine Geschichte der Sklaverei, C. H. Beck 2008 (zus. mit J. Meissner u. K. Weber). Mit entsprechenden Kapiteln zur Religion der Sklaven und den religiösen Wurzeln der Abolitionsbewegung.
- Gegen Aufklärung und Revolution. Die Entstehung konservativen Denkens in der iberischen Welt (1770-1840), Böhlau 2008. Enthält auf breiter empirischer Basis die Kritik von Klerikern an den Umbrüchen der Zeit, u.a. in Predigten, Hirtenbriefen usw.





Prof. Dr. Claudia Schnurmann (Nordamerikanische, karibische und atlantische Geschichte der Neuzeit)


A. PROJEKTE

I. Aktuell/geplant


„Amerika missioniert Europa“ US-amerikanische methodistische und mormonische Missionsaktivitäten in Europa im 19. und 20. Jahrhundert

Forschungsprojekt im Rahmen eines Graduiertenkollegs des Historischen Seminars der Universität Hamburg.
Dass Europäer seit dem 16. Jahrhundert glaubten Menschen auch außerhalb Europas missionieren zu müssen, ist allseits bestens bekannt und en detail untersucht. Dass seit dem frühen 19. Jahrhundert Bürger der jungen Republik USA glaubten, die abtrünnigen Europäer zum wahren Glauben bekehren zu müssen und auszogen, um Engländer, Deutsche, oder Skandinavier etc zu missionieren, hat bislang kaum Resonanz bei Historikern, Theologen oder Philosophen gefunden.
Der Vorgang an sich ist erstaunlich und weist auf tief greifende mentale, religiöse und politische Unterschiede zwischen Europa und Nordamerika hin: Denn die Einstufung von Europa als Missionsland und der Europäer als „Heiden“, als Objekte religiöser Erziehung bedeutet, dass die von Europa seit dem Mittelalter etablierte christliche Weltordnung und das europäische Selbstverständnis von den Bewohnern ehemaliger europäischer Kolonien auf den Kopf gestellt wurde. Nicht Europa galt ihnen als das Land des wahren Christentums, der Reformation, der wahren Lehre, der christlichen Glückseligkeit und Quell des Heils für die ganze Welt, sondern Nordamerika, das erst wenige Dekaden zuvor aus der blutigen Auseinandersetzung mit England wie Phoenix aus der Asche als Republik entstanden war und sich nun Europa zum Beispiel setzte. Aus der Sicht der US-Amerikaner galten die USA als god’s own country, als der Sitz der westwärts wandernden Kultur und Zivilisation und das kommende Königreich. Die Bewohner der Neuen Welt glaubten dies nicht nur, sondern setzten dies auch im beginnenden 19. Jahrhundert in konkrete Missionsunternehmungen um und stürzten damit die etablierte Hierarchie und europäisches Weltordnungsdenken um. Den Anfang machten in den 1830er Jahren die Methodisten aus den USA, vor allem aus Ohio, Indiana und den mittelatlantischen Staaten, die erst Süddeutschland, dann Norddeutschland mit den Zentren Hamburg und Bremen in ihr weltweites Missionsnetzwerk einbezogen. Mission innerhalb der USA, in nordamerikanischen Territorien und von den USA abhängigen Gebieten wie Californien, in Ozeanien, Asien, Afrika und Europa spielte in der Organisation der MEC, der Methodistisch-Episkopalen Kirche eine gewichtige Rolle; Planung, Finanzierung und religiöse Inhalte der Mission gehörten zu den wesentlichen Bereichen, die auf den einzelstaatlichen Konferenzen ebenso wie auf der jährlichen Generalkonferenz der MEC behandelt wurden. Die Protokolle der MEC zeigen detailliert den Aufbau, die Beteiligten und die Themen, die etwa bei den Zusammenkünften der diversen societies for foreign mission verhandelt wurden. Jeder Reverend der MEC und jede Frau, die sich für die Zukunft der MEC engagierte, egal, wo er oder sie in den USA lebte, investierte viel Zeit und Energie in das Fundraising zugunsten des Missionswerks der MEC. Der Verwaltungsapparat der MEC in den USA organisierte nicht nur die Entsendung von Missionaren samt deren Familien rund um den Erdball, kümmerte sich um die Finanzierung, sondern versorgte die Missionare mit den notwendigen Lernmaterialien und Werbemitteln, wie Sonntagsschulbücher, Katechismen, Zeitschriften und Lebenshilfen wie das Ladies Repository.
Dieser reichhaltige Quellenkorpus, den man z.B. in Madison/NJ an der Dew University, in Pasadena in der Bibliothek des Fuller’s Seminar oder an der DePauw University in Greencastle/In einsehen kann, wäre eine wichtige Grundlage für eine Dissertation, die sich mit den Theorien, Zielvorstellungen und allgemeinen Vorstellungen über Mission und den Objekten methodistischer Mission beschäftigen kann. Etwaige Befunde werden gleichermaßen etwas über die Vorstellungen von den Gesellschaften in den Zielgebieten wie über die Idealvorstellungen und damit die immanente Kritik der MEC an der US-amerikanischen Gesellschaft jener Epochen aussagen. In Nachahmung und frommer Ehrerbietung gegenüber den Religionsbegründern, den Brüdern John und Charles Wesley waren die meisten methodistischen Geistlichen ebenso begeisterte wie fleißige Tagebuch- und Briefschreiber; somit können umfangreiche Bestände an Egodokumenten herangezogen werden, um Perzeptionen der Zielgesellschaften durch die US-amerikanischen Geistlichen zu analysieren, die wiederum Aufschluss über den Zusammenprall von Erwartungen und Realitäten bzw. deren Interpretationen durch die Angehörigen der MEC von europäischen Gesellschaften vermitteln. Hier besteht ein großes Spektrum denkbarer Magister- und Promotionsarbeiten, die auch in Richtung lateinamerikanisch-atlantischer Geschichte erweitert werden könnten. So verfügen die Archive der Rutgers University in Brunswick/NJ, der Northwestern University in Evanston/Ill, der DePauw University in Greencastle/In und der Henry Huntington Library San Marino/CA über umfangreiche Bestände von Tagebüchern/Briefen/Publikationen des Geistlichen und Gelehrten David P. Kidder, der als Missionar nach Brasilien ging, ehe er Professor erst in Evanston, dann in Dew wurde. Seine Texte könnte man mit Aufzeichnungen deutsch-amerikanischer Missionare der MEC vergleichen, die zur gleichen Zeit die US-Version des Methodismus braven Schwaben und Hamburgischen Bürgern nahe zubringen suchten. Eine andere interessante Figur wäre Matthew Simpson oder Ludwig Jacoby.
Die zweite, jüngere Phase US-amerikanischer Mission in Europa betrifft die Mormonen- noch heute in jeder deutschen Fußgängerzone mit Infoständen präsent. Von Beginn an gehörte Mission zu den Auflagen, die überzeugte Mormonen erbringen mussten. Hier könnten Forschungen zu der mormonischen Mission auf Hawaii seit den 1850er Jahren mit mormonischer Mission und gleichzeitiger methodistischer Mission in Europa verglichen werden und Untersuchungen bis an die unmittelbare Gegenwart heranreichen. Denkbar wären also diverse Vergleiche, Längs- und Querschnitte über das 19. in das 20. Jahrhundert hinein; zugleich können die Befunde der US-Mission von Methodisten und Mormonen in Europa dazu dienen, scheinbar gültige Einschätzungen und Meinungen der Forschungen zu überdenken. Bislang galt, da politische Geschichte dominierte, das generelle Credo, die USA hätten erst 1917 mit ihrem Eingreifen in den Ersten Weltkrieg auf Seiten der Alliierten die amerikanische Hemisphäre verlassen, ihre Politik der Isolation aufgegeben und wären durch ihr europäisches Engagement zur Weltmacht aufgestiegen. Das Bild verändert sich jedoch radikal, wenn man religionsgeschichtliche und kulturelle Entwicklungen und Ereignisse des 19. Jahrhunderts berücksichtigt: danach hätten US-Amerikaner, die als Missionare nach Europa gingen, sehr früh die Ideen der Monroe-Doktrin und den angeblichen Isolationismus in Frage gestellt und demonstriert, dass in den USA lange vor 1917 das Bedürfnis nach Verbindung und Nähe zu Europa bestand.
Laufzeit: 3 Jahre; 3-5 Dissertationen, dt. + US-amerikanische Geschichte; Sozial-, Wirtschafts-, Religion-, Kultur- , Bildungs- und Mentalitätsgeschichte; Hamburger Lokalaspekt.
 

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