Zur Begrifflichkeit:
Warum wird der englische Begriff „Gender“ verwendet, wenn es ein vermeintlich deutsche Pendant – Geschlecht – gibt?
Weil die englische Sprache in diesem Fall eine präzisere Abgrenzung ermöglicht. Im Deutschen existiert nur ein Oberbegriff für Frauen und Männer, Mädchen und Jungen: Geschlecht. Im Englischen wird differenziert zwischen „gender“ und „sex“: „Gender“ bezieht sich auf das soziokulturelle Geschlecht, „sex“ auf das biologische Geschlecht.
Mit der Abgrenzung wird deutlich, dass Geschlecht und mit ihm einhergehende Vorstellungen von Frauen und Männern veränderbar sind. Zum Beispiel hinsichtlich vermeintlich geschlechtsspezifischer Fähigkeiten, Zuständigkeiten und Identitäten. Mit der Wahl des englischen Begriffes „Gender“ wird unterstrichen, dass diese männlichen und weiblichen Zuschreibungen auf gesellschaftliche Dynamiken gründen und sich kontinuierlich im Fluss befinden. Den Prototyp Frau oder den perfekten „männlichen Mann“ gibt es nicht. Grauzonen zwischen männlich und weiblich sind vielmehr die Realität.
Simone de Beauvoir formulierte bereits 1949: „Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es.“ Dasselbe gilt selbstverständlich auch für den Mann.
In der Tat hat sich das Phänomen Frauen und Männer als voneinander sich fundamental unterscheidende Wesen zu betrachten in Europa erst im 18. Jahrhundert entwickelt. Interessante Fakten zur Geschichte der Zweigeschlechtlichkeit findet sich auf dem Genderportal der Universität Duisburg-Essen.
Wer sich weitergehend über das Thema Geschlechtsidentität und insbesondere auch zur Intersexualität informieren möchte, dem sei die Mai-Ausgabe 2012 der Online-Publikation „Aus Politik und Zeitgeschichte“ der Bundeszentrale für Politische Bildung empfohlen. Die Aufsätze beleuchten das Thema u.a. aus soziologischen, biologischen, rechtlichen und medizinischen Perspektiven.
Der englische Begriff hat sich auch im deutschen Sprachgebrauch durchgesetzt. „Gender“ bedeutet „Geschlecht“ in soziologischer Hinsicht (s.o.). „Mainstreaming“ leitet sich von dem englischen Wort „mainstream“ für Hauptströmung ab und heißt daher etwa „in den Hauptstrom bringen“. „Mainstreaming“ bedeutet, bei allen Entscheidungen immer zu berücksichtigen, dass sich Frauen und Männer in jeweils unterschiedlichen Lebenslagen befinden.
Auf EU-Ebene wurde der Gender-Mainstreaming-Ansatz zum ersten Mal im Amsterdamer Vertrag, der am 1. Mai 1999 in Kraft trat, rechtlich verbindlich festgeschrieben. Seit der Verabschiedung des Vertrags von Lissabon im Jahr 2008 ist die Verpflichtung der EU zu „Gender Mainstreaming“ in Artikel 8 des Vertrags über die Arbeitsweise der Europäischen Union festgeschrieben.
1998 lautet die Definition für Gender Mainstreaming des Europarats wie folgt:
„Gender Mainstreaming besteht in der (Re-)Organisation, Verbesserung, Entwicklung und Evaluierung der Entscheidungsprozesse mit dem Ziel, dass die an der politischen Gestaltung beteiligten Akteurinnen und Akteure den Blickwinkel der Gleichstellung zwischen Frauen und Männern in allen Bereichen und auf allen Ebenen einnehmen.“
Zur Umsetzung des Gender Mainstreaming in Deutschland bietet das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend eine Übersicht: Gleichstellung auf der Website des BMFSFJ.
Nähere Ausführungen zur Begrifflichkeit und Strategie von Gender Mainstreaming bietet der Aufsatz von Dr. Barbara Stiegler (PDF).