User werden im Umgang mit dem Internet immer aktiver. Sie gestalten die Inhalte in Form von Blogs, Vlogs und Beiträgen zu Webforen selbst. Nicht selten entstehen sowohl innerhalb der Communities als auch in der Öffentlichkeit Diskussionen über die Angemessenheit einzelner Beiträge. Was bedeutet nun das Web 2.0 für die User - mehr Freiheit oder auch ein Mangel an Privatheit? Und inwiefern werden ethische Maßstäbe und Normen durch das Web 2.0 definiert?
Durch die massenhafte Verbreitung des Internets hat sich die Medienlandschaft stark verändert. Ethische Maßstäbe für die Veröffentlichung von Inhalten sind hier deutlich weniger gefestigt als bei traditionellen Medien (Rauch, 1998; Wilke, 1999). Natürlich ist das Internet kein rechtsfreier Raum. Gesetzliche Regelungen, z. B. zum Recht am eigenen Bild, finden hier ebenfalls Anwendung (vgl. Koziol und Hunold, 2000). Auch ethische Kodizes, denen eine Selbstverpflichtung der Beteiligten zugrunde liegt, wie eben der Pressekodex, sind zumindest für die Onlineangebote traditioneller Medien sowie für rein internetbasierte journalistische Angebote maßgeblich. Für viele Internetangebote haben sich individuelle Verhaltensnormen entwickelt, die z. B. Regeln, welche Inhalte veröffentlicht werden dürfen und welche nicht (Döring, 2000).
Wenn Blogger private, manchmal sogar intime Details aus ihrem Leben enthüllen, spielt journalistische Sorgfalt keine Rolle. Im Internet treffen Kulturen mit ganz unterschiedlichen Verständnissen von Medienethik aufeinander. Von einem Konsens zu Medienethik ist das Internet also weit entfernt. Teilweise ist sogar von einer "Ausblendung der Ethik im World Wide Web" die Rede. Dieses Forschungsprogramm soll helfend, die Frage zu beantworten, ob man tatsächlich von einer Ausblendung von Ethik im Internet sprechen kann, oder ob das Internet nur seine eigenen, viel globaleren ethischen Maßstäbe hat, mit denen wir uns vertraut machen müssen.
Wird user-generated content mit einer anderen subjektive Ethik bewertet als redaktioneller content?
Die User nehmen content von anderen Usern anders wahr als redaktionellen content. Medienpsychologische Studien aus den 1990er Jahren zeigen, dass Printprodukten damals eine größere Glaubwürdigkeit zugesprochen wurde als Online-Zeitungen. Denkbar ist, dass sich diese Wahrnehmung heute auf das Verhältnis von redaktionellem content zu user-generated content übertragen lässt. Da user-generated content keinen offiziellen, objektivierten Qualitätsmaßstäben unterworfen ist, ist zudem anzunehmen, dass die User viel aktiver nach subjektiven Qualitätsmaßstäben suchen und ethische Erwägungen bei kritischem Material viel eher eine Rolle spielen. Das sind bisher jedoch Spekulationen. Empirische Ergebnisse liegen zu diesen Fragen derzeit noch nicht vor und werden im Rahmen des Projektes basierend auf den folgenden zwei Forschungsfragen untersucht werden: Inwiefern ist user-generated content anderen Nutzungsgewohnheiten unterworfen als redaktioneller content? Wird user-generated content anhand anderer ethischer Vorstellungen beurteilt als redaktioneller content?
Welche Auswirkungen hat die Dominanz der User auf die Vorstellung von Privatheit?
Prinzipiell ist denkbar, dass auch hier eine Habitualisierung stattfindet, dass es also nicht mehr als außergewöhnlich, sondern als ‚normal' empfunden wird, wenn wir in der Öffentlichkeit über intime Details sprechen. "Privatheit, privacy, Privatsphäre sind Begriffe, die sich auf den Wertekanon der bürgerlichen Gesellschaft des 19. Jahrhundert beziehen" (Kuhlen, 2004, S. 175). Durch folgende Forschungsfragen soll untersucht werden, ob und wie sich die Bedeutung dieser Begriffe in Zeiten des Internets wandelt: Verändert sich durch das Internet die individuelle Konzeption von Privatsphäre? Gewöhnen sich User daran, dass Andere ihr Privatleben im Internet öffentlich und damit weltweit zugänglich machen? Werden im Internet ethische Kodizes zur Internetnutzung ausgehandelt? Wenn ja, wie lauten diese und wie und von wem werden sie entwickelt? In welchem Bezug stehen Diskurse über Ethik im Internet zu den ethischen Normen der klassischen Medien, die beispielsweise durch den Fernseh- und den Presserat ausformuliert sind?
Wertevolle Zukunft - Stiftung für ethisches Handeln
Behr, K.-M., & Trepte, S. (2009). Kommerzielles Blogging – medienethische Diskussionen zur Kennzeichnung von Werbung und PR in Weblogs. In S. Trepte, U. Hasebrink & H. Schramm (Hrsg.), Strategische Kommunikation und Mediengestaltung - Anwendung und Erkenntnisse der Rezeptions- und Wirkungsforschung (S. 225-251). München: Fischer Verlag.
Reinecke, L., & Trepte, S. (2008). Privatsphäre 2.0: Konzepte von Privatheit, Intimsphäre und Werten im Umgang mit 'user-generated-content'. In A. Zerfaß, M. Welker & J. Schmidt (Hrsg.), Kommunikation, Partizipation und Wirkungen im Social Web. Band 1: Grundlagen und Methoden: Von der Gesellschaft zum Individuum (S. 205-228). Köln: Herbert von Halem Verlag.
Trepte, S., Reinecke, L., & Behr, K.-M. (2008). Qualitätserwartungen und ethischer Anspruch bei der Lektüre von Blogs und von Tageszeitungen. Publizistik, 53, 509-534.
Prof. Dr. Sabine Trepte und Dipl.-Psych. Leonard Reinecke