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Arbeitsbereich Medienpsychologie



Inhalt:

Definition Medienpsychologie

Medienpsychologie ist diejenige Teildisziplin der Psychologie, die sich mit dem menschlichen Verhalten, Handeln, Denken und Fühlen im Zusammenhang mit der Nutzung von Medien befasst. Ihre Aufgaben liegen in der Beschreibung, Analyse, Erklärung und Prognose der Mediennutzung und Medienwirkung. Insbesondere im Zusammenhang mit Neuen Medien wird auch die Gestaltung und Realisation von Medien dazu gezählt. Die M. teilt sich diese Aufgaben mit Nachbardisziplinen wie Kommunikationspsychologie, Medien- und Kommunikationswissenschaft. Die wichtigsten Einflüsse, Theorien und Methoden wurzeln in den psychologischen Grundlagendisziplinen wie Allgemeine, Sozial-, Entwicklungs- und Differentielle Psychologie.

Die Ursprünge der M. gehen auf Forschung zum Film (z. B. von Hugo Münsterberg) und zum Radio zurück (z. B. von Hadley Cantril, Gordon W. Allport und Herta Herzog). Münsterberg (1916) veröffentlichte „The photoplay – A psychological study“. Die Studie legt die Bedeutung des Films für die Nutzer dar und gibt konkrete Gestaltungsvorschläge für Filme. Cantril und Allport (1935) gaben ein Kompendium zum damaligen Forschungsstand der „Psychology of Radio“ heraus. Zentrale Themengebiete der Radioforschung waren Nutzungsdaten und ihre personenbezogenen Korrelate (Persönlichkeitsvariablen und Soziodemografie). Weiterhin befasste man sich in dieser Zeit mit Methodenforschung – insbesondere Methoden zur Verlaufsmessung wurden eigens für die Medienforschung entwickelt. Diese Tradition hält bis heute an (s. u.). Die Radio- und Filmforschung wurde in den 50er Jahren im Wesentlichen durch die Forschung zum Fernsehen abgelöst. Als tragende Figuren der Fernsehforschung der 1980er und 1990er Jahre und als Begründer der heutigen Medienpsychologie im deutschsprachigen Raum sind Herta Sturm, Jo Groebel, Peter Winterhoff-Spurk und Peter Vitouch hervorzuheben. Besonders berücksichtigt wurde zunächst die Wirkung der Fernsehnutzung, beispielsweise auf die kindliche Entwicklung. Ein kleinerer Arbeitsbereich beschäftigte sich mit Printprodukten und angegliederten Fragen nach der Lesemotivation und Lektürewirkung. Seit den 1990er Jahren untersuchen Medienpsychologen zunehmend Neue Medien wie Online-Dienste, interaktives Fernsehen und andere computergestützte Medien.

Die inhaltlichen Arbeitsfelder der Medienpsychologie können nicht nur anhand der untersuchten Medien (sog. klassische Massenmedien wie Fernsehen, Radio, Zeitung; Neue Medien wie Online-Dienste, interaktives Fernsehen), sondern auch anhand der Erlebens- und Nutzungsweisen klassifiziert werden. In Anlehnung an den Rezeptionsprozess können die prä-rezeptive Phase (Medienselektion und Rezeptionsmotivation), die rezeptive Phase und die post-rezeptive Phase (Medienwirkung) unterschieden werden.
In der prä-rezeptiven Phase interessieren die Motive und Selektionskriterien der Mediennutzer. Basierend auf erregungspsychologischen und emotionstheoretischen Modellen entwickelte Zillmann (1988) die Mood-Management-Theorie. Auch identitätstheoretische Annahmen spielen eine Rolle. Es zeigt sich z. B., dass Menschen Medieninhalte aufgrund von sozialen Vergleichsprozessen auswählen. Diese Theorien konstatieren Lustgewinn oder eine Steigerung des Selbstwertes als Ziel der Rezipienten. Noch Uneinigkeit besteht über das sog. ‚Sad-Film Paradoxon‘, also darüber, warum Rezipienten offensichtlich traurige oder bedrohliche Medieninhalte selektieren. Außerdem wird Medienselektion kognitiv mit der Theorie kognitiver Dissonanz und Theorien zur Einstellung wie Wert-mal-Erwartungstheorien (Fishbein & Ajzen, 1979) erklärt.
Die rezeptive Phase ist durch unterschiedliche Ausmaße an Involvement, Flow-Erleben und Presence gekennzeichnet, je nachdem wie intensiv und einbindend die Medienrezeption erlebt wird. Besondere Aufmerksamkeit schenkt die M. der Interaktion mit Medienakteuren, den sog. parasozialen Interaktionen und den daraus resultierenden parasozialen Beziehungen. In der Affective-Disposition-Theorie beschreibt Zillmann (1996) den gesamten Prozess der Auseinandersetzung von Fernsehzuschauern mit Medienakteuren. Ebenfalls in emotionstheoretischer Tradition werden psychophysiologische Methodik oder das FACS eingesetzt, um Schlüsse auf die Emotionen von Rezipienten zu ziehen. Zunehmend werden auch die (sozialpsychologischen) Prozesse des Selbst im Zusammenhang der Mediennutzung betrachtet.
An der post-rezeptiven Phase interessieren vornehmlich die Medienwirkungen, also die durch Medien bewirkten Veränderungen der Einstellungen und Meinungen, Emotionen und des Verhaltens der Mediennutzer. Die Medienwirkungsforschung war lange Zeit das größte Forschungsfeld der M.. Kognitive Medienwirkungen werden mit Hilfe der Theorien zu Einstellungen aus der Sozialpsychologie erklärt. Einflussreich ist hier beispielsweise die sozial-kognitive Theorie von Albert Bandura (1977) oder der Priming-Ansatz. Bis in die 1960er Jahre gingen Medienpsychologen von sog. starken Medienwirkungen aus. Die Nutzer wurden als passive Empfänger der medialen Botschaften gesehen. Häufig wurde die Hypothese geprüft, ob gewalthaltige Medieninhalte zu aggressivem Verhalten führen. Heute wird den Rezipienten eine sehr aktive Rolle bei der Verarbeitung der selektierten Medieninhalte zugeschrieben. Die Forschung zeigt, dass intervenierende Variablen wie das soziale Umfeld Medienwirkungen determinieren. Die ursprünglichen Annahmen zu direkten und starken Medienwirkungen wurden differenziert.

Mit der aktiven Rolle des Medienpublikums und dem Aufkommen neuer, interaktiver Medien wurde zunehmend auch das Lernen und die Sozialisation mit Medien betrachtet. Eine wichtige Rolle hat in diesem Zusammenhang die Theoriebildung zur Medien- und Lesekompetenz eingenommen. Außerdem befasst sich die M. neuerdings mit computergestütztem Wissenserwerb und dem E-Learning, also computer- bzw. online-gestützten Lehr-, Lernsystemen.

An der Schnittstelle zur Kommunikationspsychologie behandelt M. die menschliche Kommunikation mit und durch Medien. Besondere Aufmerksamkeit erhielten zunächst die Unterschiede zwischen face-to-face und computervermittelter Kommunikation. Filtermodelle wie der reduced-social cues approach postulieren, dass man bei textbasierter Telekommunikation weniger über den psychosozialen Hintergrund erfährt und somit die soziale Wahrnehmung verändert wird. Es zeigte sich, dass aufgrund mangelnder nicht-verbaler Hinweisreize die Beziehungsentwicklung erschwert ist. Laut der SIDE (Social Identity and Deindividuation)-Theorie (Lea & Spears, 1992) formen User in Online-Interaktionen ihre Eindrücke eher anhand von sozialen Kategorien (Berufsstand oder Kultur) als anhand interpersonaler Hinweisreize. Inzwischen wurden für spezifische computervermittelte Interaktionssituationen allerdings eine Reihe von Gegenpositionen zu dieser Theorie formuliert. Darüber hinaus werden Mensch-Computer-Interaktionen oder virtuelle Realitäten untersucht (Bente, Krämer & Petersen, 2002).

Neben den in der Psychologie gängigen Methoden wie Experiment, Beobachtung und Befragung werden spezifische Methoden für die medienpsychologische Forschung eingesetzt. Diese sind z. B. Mehrmethodendesigns zur Verlaufsforschung. Dabei werden das Kommunikationsverhalten von Fernsehakteuren, die Bildposition und inhaltliche Variablen der interessierenden Medieninhalte mit einer Inhaltsanalyse beschrieben. Im Labor werden dann die Reaktionen der Mediennutzer auf diese Stimuli mit psychophysiologischer Methodik (z. B. EDA oder Pulsfrequenz) oder videobasiert mit Protokollen des Lauten Denkens erfasst. Die Reaktionen der Rezipienten und die Medienstimuli werden schließlich zeitreihenanalytisch in Verbindung gebracht. Darüber hinaus werden vielfach computergestützte Methoden zur Nutzung und Rezeption Neuer Medien und Inhalte eingesetzt. So analysiert man z. B. Selektionsentscheidungen beim Internetsurfen mit Log-File-Analysen (Verlaufsprotokolle der Internetnutzung). Auch diese werden in der Regel mit Videoaufnahmen des Lauten Denkens zeitlich parallelisiert.

Die Orientierung der medienpsychologischen Forschung an aktuellen und gesellschaftlich relevanten Medienentwicklungen (s. o.) macht die Rolle der M. als Anwendungswissenschaft deutlich. Zudem etabliert sich die M. aufgrund der gesellschaftlichen Relevanz von Medien und einem entsprechenden Bedarf auf dem Arbeitsmarkt als Anwendungsfach in der universitären Lehre. Zentrale Berufsfelder sind die Beratung, Forschung und Mediengestaltung bei Medienanstalten (Verlage oder Sender), in der IT-Branche und in Agenturen. Eine Fachgruppe M. in der DGPs wurde 1999 konstituiert. [L] Bryant & Zillmann, 2002; Mangold, Vorderer & Bente, 2003; Trepte, 1999; Winterhoff-Spurk, 1989.

Quelle: Trepte, S. (2003). Lexikon Eintrag ‚Medienpsychologie’. In H. Häcker, K. H. Stapf (Hrsg.), Dorsch Psychologisches Wörterbuch (14. Aufl.). Bern: Verlag Hans Huber.

 

Seiteninfo: Impressum  | Kontakt | Browserinfo | Letzte Aktualisierung am 26. Jan. 2006 durch Medienpsychologie
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